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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Jud Süß
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Jud Süß
1827
– Werkseintrag –

Jud Süß

1827 · Roman

Eine württembergische Hofgeschichte von 1737, in der ein gefürchteter Finanzrat, sein Untergang und die Liebe eines jungen Beamten zu dessen Schwester unentwirrbar zusammengeraten.

Überblick

Die Novelle Jud Süß erschien 1827 als Fortsetzungsdruck im Cotta'schen "Morgenblatt für gebildete Stände". Sie gehört zu den frühen literarischen Bearbeitungen eines Stoffs, der seither immer wieder Autoren, Komponisten und Regisseure beschäftigt hat. Wilhelm Hauff greift darin die historische Figur des Joseph Süß Oppenheimer auf. Dieser war der Geheime Finanzrat des württembergischen Herzogs Karl Alexander. Sein spektakulärer Aufstieg und Sturz hatte neunzig Jahre zuvor in Stuttgart Aufsehen erregt. Hauffs Text bedient antijüdische Stereotype seiner Zeit, wie sie auch in anderen seiner Schriften begegnen. Zugleich steht er am Anfang einer Reihe literarischer und filmischer Bearbeitungen. Zu diesen zählen später Lion Feuchtwangers Roman von 1925 und der berüchtigte nationalsozialistische Propagandafilm Veit Harlans von 1940.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Februar 1737 gibt Joseph Süß Oppenheimer einen prächtigen Maskenball zu seinem Geburtstag. Er ist der gefürchtete und gefürstete Geheime Finanzrat Herzog Karl Alexanders von Württemberg. Unter den Gästen ist der junge Verwaltungsbeamte Gustav Lanbek, Sohn eines Beraters der württembergischen Landstände. Gustav liebt Lea, die jüngere Schwester des Süß, und trifft sie heimlich in einem Nebenzimmer. Doch noch in derselben Nacht wird er überraschend verhaftet.

Was zunächst wie eine private Liebesgeschichte beginnt, entfaltet sich rasch zu einem Geflecht aus politischen Ränken, religiösen Gegensätzen und Familienkonflikten. Gustavs Vater gehört zu jenen Männern, die das Verkommen des Landes unter Karl Alexander nicht länger hinnehmen wollen. Süß wiederum versucht, den Sohn als Druckmittel gegen den Vater einzusetzen. Zwischen den Fronten steht Gustav. Als evangelischem Christen erscheint ihm die Ehe mit einer Jüdin unvorstellbar. Zugleich kann er sich nicht von seiner Liebe zu Lea lösen. Hauff erzählt von Intrigen am Hof und einem geplanten Staatsstreich. Er stellt auch die Frage, wie weit ein Einzelner gehen darf, wenn er Recht zu sprechen hat über jemanden, der ihm zugleich nahesteht.

Die Handlung im Detail

Am Abend des 12. Februar 1737 veranstaltet Joseph Süß Oppenheimer zu seinem Geburtstag einen Maskenball. Süß ist Geheimer Finanzrat Herzog Karl Alexanders von Württemberg, reich und mächtig, und in der Bevölkerung gefürchtet. An dem Ball nehmen auch der Verwaltungsbeamte Gustav Lanbek, Sohn des Beraters der württembergischen Landstände, und drei Freunde teil. Gustav hat mit Lea, der jüngeren Schwester des Süß, ein heimliches Treffen in einem Nebenzimmer verabredet. Lea ist um ihren Bruder besorgt und fürchtet um dessen Leben; Gustav beruhigt sie mit dem Hinweis auf einen herzoglichen Freibrief, den Süß zum Geburtstag erhalten hat. Kurz darauf wird Gustav überraschend verhaftet.

Am nächsten Morgen sucht Süß ihn im Gefängnis auf. Er hatte die Verhaftung selbst veranlasst und verdächtigt Gustavs Vater einer Verschwörung gegen den Herzog. Süß befördert Gustav zum Expeditionsrat und verlangt, dass dieser binnen vier Wochen Lea heiratet; im Gegenzug werde der Vater verschont. Gustavs Vater durchschaut den Plan: Süß wolle ihn durch die Beförderung des Sohnes bei den Landständen korrumpieren. Zum Schein soll Gustav das Amt annehmen. Dann weiht der Vater den Sohn in einen größeren Plan ein: Zusammen mit dem Obersten von Röder und mit Billigung der evangelischen Kirche soll ein Staatsstreich gegen Karl Alexander vorbereitet werden, dessen Herrschaft das Land durch Ämterpatronage und Korruption verkommen lasse und der das evangelische Württemberg katholisieren wolle. Bei dieser Gelegenheit will man auch mit Süß abrechnen.

Süß seinerseits belügt seine Schwester. Er erzählt Lea, Gustav wolle sie heiraten und habe Karl Alexander bereits um die Erlaubnis gebeten. Für Gustav, einen evangelischen Christen, ist eine solche Verbindung unvorstellbar. Durch eine Intrige des Süß erfährt Gustavs Vater von dem vermeintlichen Eheversprechen, ist außer sich und will den Sohn enterben. Ein heftiger Familienstreit bricht aus, in dessen Verlauf Gustav sich von Lea lossagt. Erst als der Vater die Ränke des Süß durchschaut, verzeiht er dem Sohn.

Der Vater protestiert bei Süß gegen die geplante Vermählung. Aus Angst vor Süßens Vergeltung soll Gustav fliehen. Unterwegs trifft er Oberst Röder, der ihm vom plötzlichen Tod Karl Alexanders berichtet. Gemeinsam nehmen sie Süß fest, der nach dem Tod seines Patrons ebenfalls auf der Flucht ist. Der Staatsstreich erübrigt sich. Der Thronfolger Karl Alexanders beruft Gustav zum Richter über Süß. Gustav gerät in einen schweren Gewissenskonflikt, denn er liebt Lea noch immer. Trotzdem kommt er ihrem Gesuch um Barmherzigkeit für den Bruder nicht nach. Süß wird zum Tode verurteilt und am 4. Februar 1738 gehenkt.

In einem Epilog äußert Hauff sein Unverständnis sowohl über Süßens Unterstützung der absolutistischen Regierungsweise Karl Alexanders als auch über die Härte seiner Bestrafung. Beides sei im Zeitalter der Aufklärung unzivilisiert und rückständig. Süß sei anders als andere, ebenso strafwürdige Günstlinge Karl Alexanders verurteilt worden, weil er als Jude über kein schützendes soziales Netzwerk verfügt habe. Lea soll sich im Neckar ertränkt haben. Gustav verwindet seine unglückliche Liebe und das Verfahren gegen Süß nicht; er bleibt unverheiratet, wird melancholisch und wendet sich im hohen Alter metaphysischen Betrachtungen zu.

Stil

Hauff legt seinen Text als Chronik an. Er datiert die Ereignisse präzise auf den Februar 1737 bis Februar 1738. Seiner Erzählung stellt er die erste Strophe aus dem Prolog zu Ludwig Uhlands Trauerspiel Ernst, Herzog von Schwaben voran. So verbindet er den historischen Stoff mit einer literarischen Tradition seines schwäbischen Umfelds. Die Novelle verknüpft die private Liebesgeschichte zwischen Gustav und Lea mit der politischen Konstellation am württembergischen Hof. Familien-, Religions- und Staatskonflikt greifen ineinander. Am Ende tritt der Erzähler im Epilog ausdrücklich hervor. Er beurteilt das Geschehen aus der Perspektive der Aufklärung, statt es nur darzustellen.

Rezeption

Der Stoff um Joseph Süß Oppenheimer ist seit Hauffs Novelle immer wieder aufgegriffen worden, von Autoren ebenso wie von Komponisten und Filmregisseuren. Besonders bekannt wurden zwei spätere Bearbeitungen: Lion Feuchtwangers Roman Jud Süß aus dem Jahr 1925 und der gleichnamige nationalsozialistische Propagandafilm Veit Harlans von 1940. Hauffs Text selbst reproduziert antijüdische Stereotype und Klischees seiner Zeit, wie sie auch in anderen seiner Schriften begegnen, etwa in den Mittheilungen aus den Memoiren des Satans und in Abner, der Jude, der nichts gesehen hat. Der Titel knüpft zudem an eine antijüdische Namenspolemik an, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert geläufig war.

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