Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Jud Süß
Eingang · Werke · Jud Süß
Cover Jud Süß
Jud Süß
1925
– Werkseintrag –

Jud Süß

1925 · Roman

Der Aufstieg und Fall eines jüdischen Finanzrats am württembergischen Hof des 18. Jahrhunderts – Feuchtwangers Roman fragt, was vom Menschen bleibt, wenn er sich Macht, Glauben und der Welt zugleich stellen muss.

Überblick

Der Roman Jud Süß erschien 1925. Er gilt als der erste große Erfolg Lion Feuchtwangers. Das Werk nimmt das Leben des württembergischen Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer im 18. Jahrhundert zum Anlass. Es fragt nach den Bedingungen jüdischer Existenz in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft. Feuchtwanger war selbst Sohn eines jüdischen Fabrikanten. Er spannt einen Bogen zwischen Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen auf der einen Seite und kabbalistischer Versenkung und Weltabkehr auf der anderen. Die historische Figur wird ihm zum Modellfall. An ihr lassen sich Fragen jüdischer Assimilation, der Abhängigkeit von den Mächtigen und der judenfeindlichen Klischees seiner eigenen Zeit verhandeln.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Württemberg des 18. Jahrhunderts steigt Joseph Süß Oppenheimer zum Finanzrat am Hof auf. Er ist Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Am Hof dient er dem frisch gekürten katholischen Herzog Karl Alexander. Die christliche Gesellschaft bewundert, fürchtet und verachtet ihn zugleich. Er trägt die Ausschweifungen und Intrigen des despotischen Herrschers mit. Er profitiert von ihnen und gestaltet sie zugleich mit eigenem Geschick.

Sein zweites Leben spielt sich weit entfernt vom Hof ab. Seine Tochter Naemi hat er von Geburt an bei seinem Onkel untergebracht, dem Rabbi und Kabbalisten Gabriel. Sie lebt in einer abgelegenen Waldklause, fern vom Treiben in Stuttgart. Während Oppenheimer die Geschäfte des Herzogtums führt, wächst das Mädchen mit der Lektüre des Hohen Lieds heran. Der Roman entfaltet ein weitläufiges Panorama des absolutistischen Württemberg: zwischen Hof und Waldeinsamkeit, zwischen Macht und Mystik, zwischen Anpassung und jüdischem Erbe. In diesem Panorama lässt ein Ausflug in die Wälder bei Hirsau die beiden Welten unversehens aufeinanderprallen.

Die Handlung im Detail

Der Roman setzt um 1732 ein, in der letzten Zeit der Regierung des Herzogs Eberhard Ludwig und der Spannungen mit seinen beiden Frauen Johanna Elisabeth von Baden-Durlach und Christine Wilhelmine Friederike von Grävenitz. Joseph Süß Oppenheimer trifft in Wildbad mit dem Generalfeldmarschall Karl Alexander zusammen und schließt sich an dessen Aufstieg an. Als Karl Alexander Herzog wird, steigt Süß zum mächtigen Finanzrat auf, finanziert die aufwändige Hofhaltung und trägt die Pläne mit, mit Hilfe des Würzburger Fürstbischofs die Landstände zu entmachten und eine katholische Militärautokratie zu errichten.

Während Süß am Hof Bewunderung, Furcht und Verachtung auf sich zieht, hält er seine Tochter Naemi sorgfältig aus dieser Welt heraus. Sie lebt bei seinem Onkel Gabriel, einem Rabbi und Kabbalisten, in einer entlegenen Klause im Wald und verbringt ihre Jugend mit dem Hohen Lied. Ihr Schicksal entscheidet sich auf einem Jagdausflug in der Nähe von Hirsau: Prälat Weißensee, dessen Tochter Magdalen Sibylle durch Oppenheimers Vermittlung Mätresse des Herzogs geworden ist, führt Karl Alexander aus Rachegefühlen auf die Spur des Mädchens. Naemi entzieht sich den lüsternen Nachstellungen des Herzogs und stürzt bei der Flucht vom Dach des Hauses in den Tod.

Der Tod der Tochter bricht Süß' Lebensplan entzwei. Äußerlich trägt er die Tragödie mit Gelassenheit und reicht dem insgeheim schuldbewussten Herzog scheinbar die Hand zur Versöhnung. Heimlich aber arbeitet er an dessen Untergang. Er lässt sich von Karl Alexander eine Legitimationsurkunde für alle seine bisherigen Handlungen ausstellen und verrät zugleich die Staatsstreichpläne an Parlament und Landstände. Als der Herzog vom gescheiterten Umsturz erfährt, stirbt er an einem Steckfluss.

Oppenheimer wird verhaftet und vor Gericht gestellt. Schon bevor er den Verrat ins Werk setzte, hatte er damit gerechnet, als Sündenbock für die Politik des Herzogs bestraft zu werden. Er besinnt sich auf das geistige Erbe seiner Vorfahren und nimmt nach dem Verlust des Schutzherrn den Volkszorn an, der sich nun gegen ihn richtet. Das Angebot, sein Leben durch ein Bekenntnis zum christlichen Glauben zu retten, lehnt er ab und zelebriert bewusst das „willenlose Vergleiten". Nach der Unterzeichnung des Todesurteils bemerkt der neue Regent Karl Rudolf: „Das ist ein seltenes Ereignis, dass ein Jud für Christenschelmen die Zeche zahlt." Im Roman wird der Leichnam anschließend heimlich vom Galgen abgenommen und in Fürth nach jüdischem Ritus bestattet – eine bewusste Abweichung des Autors von der historischen Überlieferung, nach der der Körper in Stuttgart sechs Jahre lang in einem roten Käfig ausgestellt wurde.

Um diese Hauptlinie herum entwickelt Feuchtwanger ein breites Bild des deutschen Judentums zur Zeit der Aufklärung. Süß strebt nach Anerkennung durch die christliche Gesellschaft, will seinen Glauben aber nicht ablegen – anders als sein zum Baron Tauffenberger gewordener Bruder. Der kurpfälzische Hoffaktor Landauer unterstreicht durch Kleidung und Auftreten provokativ seine jüdische Identität, sucht Macht, nicht ihre äußeren Zeichen. Rabbi Gabriel, Süß' jüdisches Gewissen, wählt den Weg der radikalen Weltabkehr. Daneben bevölkern zahlreiche Nebenfiguren den Roman: die jugendliche Mystikerin Beata Sturmin, die sich in einem Kampf mit dem Teufel wähnt, oder der intrigante Würzburger Geheimrat Fichtel, der aus jeder Reiberei im Nachbarland Württemberg für seinen Fürsterzbischof Vorteil zieht.

Historisch geht der Roman frei mit seinen Quellen um. Feuchtwanger schiebt Ereignisse zusammen, verschiebt Daten und gestaltet das persönliche Verhältnis zwischen Herzog und Finanzrat in einer Weise, die durch die Quellen nicht gedeckt ist. Auch die Herkunft Oppenheimers als unehelicher Sohn des Heidelberger Festungskommandanten Georg Eberhard von Heydersdorff sowie die Figur Naemis und die ganze Rachekette um Magdalen Sibylle Weißensee sind Erfindung beziehungsweise freie Interpretation des Autors.

Stil

Der Roman gliedert sich in fünf große Teile: „Die Fürsten", „Das Volk", „Die Juden", „Der Herzog", „Der Andere". Diese Architektur stellt die Hauptfigur in immer neue Beleuchtungen. Sie zeigt ihn als Spielball der Höfe, als Objekt des Volkszorns und als Glied der jüdischen Gemeinschaft. Sie zeigt ihn zudem als Vertrauten und Gegenspieler des Herzogs und schließlich als jemanden, der ein anderer wird.

Neben historisch verbürgten Personen treten frei erfundene Figuren auf. Allen voran steht der Rabbi Gabriel als Süß' jüdisches Gewissen. Dazu kommt seine Tochter Naemi, die einzige durchweg positiv gezeichnete Gestalt des Romans. Naemis Schicksal macht den Umschwung im Verhalten der Hauptfigur dramaturgisch glaubhaft. Manche Interpreten sehen in ihr die „reine Seele und Weisheit Israels".

Um diesen Kern herum entfaltet Feuchtwanger ein detailreiches episches Universum mit zahllosen Figuren, Handlungssträngen und Schauplätzen. Diese Vielschichtigkeit erinnert an die Erzählwelten Thomas Manns oder Lew Tolstojs. Selbst die kleinste Nebenfigur ist mit Biografie und Beziehungsgeflecht ausgestattet. Für sich genommen könnte sie den Protagonisten eines eigenen Romans abgeben. Auch der Alltag bekommt eine historische Dimension: ein verzweigter Beamtenapparat mit kleinlichen Eitelkeiten und ein schweinsäugiger Konditormeister, der am Stammtisch über die Skandale der oberen Zehntausend und die „große Teuerung" schwadroniert.

Die Sprache ist über weite Strecken expressiv. Kennzeichnend sind abrupte, aufgeladene Sätze und heftige Wortreihen. Dazu kommen ein betontes Interesse am Vitalistischen und Unwillkürlichen sowie der innere Monolog. Es ist ein gewollt rauer, drängender Ton. Er treibt das Geschehen voran, statt es zu glätten.

Rezeption

Das Urteil über Feuchtwangers Sprache ist von Anfang an gespalten. Wilhelm von Sternburg sprach von einem „geschlossenen, reifen Kunstwerk". Klaus Harpprecht dagegen rügte „Geschmacklosigkeiten". Marcel Reich-Ranicki entdeckte etwas „Penetrantes" in der Diktion. Sie sei „bisweilen eindringlich und zugleich aufdringlich". Eberhard Hilscher urteilte, der Autor finde nur „selten zu meisterhaften Ausdruckformen und zu einer Diktion von ästhetischem Reiz". Auch eine andere Frage ist in der Literaturwissenschaft bis heute nicht eindeutig beantwortet: wie Feuchtwanger mit judenfeindlichen Klischees umgeht, ob er ihnen verhaftet blieb oder sie produktiv literarisch einsetzte.

Die Wirkung des Stoffs reicht weit über den Roman hinaus. Bereits 1934 entstand unter der Regie von Lothar Mendes eine erste Verfilmung. Derselbe historische Stoff wurde später von der nationalsozialistischen Propaganda missbraucht. Das hat das Verhältnis zu Feuchtwangers Roman dauerhaft belastet und seine literarische Eigenständigkeit für lange Zeit überschattet.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten