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Porträt Lion Feuchtwanger
Lion Feuchtwanger
1884 – 1958
– Autorenporträt –

Lion Feuchtwanger

1884 – 1958 · 74 Jahre

Meister des historischen Romans und einer der meistgelesenen deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts, der im kalifornischen Exil weiter über deutsche Geschichte schrieb.

Kurzporträt

Lion Feuchtwanger (1884–1958) gehört zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Meister des historischen Romans. Er stammte aus einem großbürgerlich-jüdischen Münchner Elternhaus. 1907 wurde er in Germanistik promoviert und arbeitete zunächst als Theaterkritiker und Dramatiker. Den literarischen Durchbruch brachte 1925 sein Roman Jud Süß. In der Weimarer Republik zählte er bald zu den einflussreichsten Stimmen des Literaturbetriebs. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme musste er Deutschland verlassen und lebte fortan im Exil: erst in Südfrankreich, ab 1941 in Kalifornien. Sein Werk verbindet genaue historische Stoffbeherrschung mit politischer Zeitkritik. Das machte ihn auch in der englischsprachigen Welt zum Bestsellerautor.


Biografie

Lion Feuchtwanger wurde am 7. Juli 1884 in München geboren. Sein Vater war der begüterte jüdisch-orthodoxe Margarinefabrikant Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger, seine Mutter dessen Frau Johanna, geborene Bodenheimer. Über die Mutter ist wenig überliefert. Lion beschrieb sie als streng und engherzig, pedantisch auf häusliche Ordnung bedacht. Er hatte acht Geschwister, darunter den späteren Juristen und Verlagsdirektor Ludwig und den Journalisten und Verleger Martin Feuchtwanger.

Die Schulzeit begann an der Volksschule St. Anna im Münchner Lehel. Danach besuchte er das konservative Wilhelmsgymnasium, dessen Ausbildung er später als „pedantisch und nüchtern, ohne Sport, konservativ und patriotisch" bezeichnete. Parallel dazu studierte er täglich mindestens eine Stunde die hebräische Bibel und den aramäischen Talmud unter einem Privatlehrer, meist frühmorgens um fünf. Erste schriftstellerische Versuche brachten ihm bereits als Schüler einen Preis ein. 1903 legte er das Abitur ab. Anschließend studierte er Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie in München und Berlin und löste sich dabei stark vom Elternhaus. 1907 promovierte er bei Franz Muncker über Heinrich Heines Erzählung Der Rabbi von Bacharach. Von einer Habilitation nahm er aufgrund der Beschränkungen für Juden Abstand.

1908 gründete Feuchtwanger die Kulturzeitschrift „Der Spiegel". Sie fusionierte nach 15 Nummern aus finanziellen Gründen mit Siegfried Jacobsohns „Schaubühne". Für deren Nachfolger schrieb er bis 1958. 1912 heiratete er in Überlingen die Kaufmannstochter Marta Löffler. Die gemeinsame Tochter war das einzige Kind. Sie starb wenige Monate nach schwerer Geburt während der Hochzeitsreise in Italien an Typhus. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er im November 1914 als Ersatzreservist eingezogen, jedoch einen Monat später aus gesundheitlichen Gründen entlassen. 1918 entdeckte er das Talent des jungen Bertolt Brecht. Mit ihm sollte ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Nach Anfangserfolgen als Dramatiker verlagerte er den Schwerpunkt auf den historischen Roman. Jud Süß schrieb er 1921/22 und veröffentlichte ihn 1925. Der Roman brachte den Durchbruch, nachdem Feuchtwanger lange vergeblich einen Verleger gesucht hatte – das Thema Antisemitismus galt als unpopulär. 1925 zog er aus beruflichen Gründen nach Berlin, 1932 in eine große Villa am Grunewald. 1930 erschien der Schlüsselroman Erfolg. Darin zeichnete er in der Figur Rupert Kutzners ein leicht erkennbares Porträt Hitlers. 1932 folgte mit Der jüdische Krieg der erste Band der Josephus-Trilogie.

Im November 1932 brach Feuchtwanger zu Vorträgen nach London und in die USA auf. Die nationalsozialistische Machtübernahme Ende Januar 1933 machte seine Rückkehr unmöglich. Den Nationalsozialisten galt er als einer ihrer intellektuellen Hauptgegner. Seine Bücher fielen 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer. Sein Name stand auf der ersten Ausbürgerungsliste vom 25. August 1933. Von 1933 bis 1940 lebte er mit seiner Frau im südfranzösischen Sanary-sur-Mer, das Marta zu einem Zentrum des deutschsprachigen Exils gestaltete. Die hohen Auflagen seiner Bücher, besonders im angelsächsischen Raum, sicherten ihm dort ein gutes Auskommen.

Vom 1. Dezember 1936 bis 5. Februar 1937 reiste Feuchtwanger nach Moskau. Dort empfing ihn Stalin am 7. Januar 1937 wie einen Staatsgast. Aus dieser Reise ging der Bericht Moskau 1937 hervor, ein unkritisches und Stalin lobpreisendes Buch, in dem er auch die Schauprozesse verteidigte. Das Werk löste in den Kreisen der deutschsprachigen Exilanten scharfe Empörung aus, darunter bei Arnold Zweig, Franz Werfel und Bruno Frank. Auch nach Chruschtschows Geheimrede 1956 ließ sich Feuchtwanger nicht von seinen Lobpreisungen des sowjetischen Regimes abbringen.

Nach Beginn des deutschen Westfeldzugs 1940 wurde er als „étranger indésirable" ins Internierungslager Les Milles gebracht und später in ein provisorisches Zeltlager bei Nîmes verlegt. Von dort schmuggelten ihn Angestellte des amerikanischen Konsulats nach Marseille, als Frau verkleidet. Mit Unterstützung von Varian Fry gelangte er über Spanien und Portugal in die USA. Ab 1941 lebte er bis zu seinem Tod in Kalifornien, ab November 1943 in der komfortablen Villa Aurora. 1944 war er Mitbegründer des Aurora-Verlages in New York. In der McCarthy-Ära wurde er als Linksintellektueller von den US-Behörden argwöhnisch beobachtet. 1953 erhielt er den Nationalpreis der DDR 1. Klasse für Kunst und Literatur.

1957 erkrankte Feuchtwanger an Magenkrebs. Nach mehreren Operationen starb er Ende 1958 an inneren Blutungen. Er ist auf dem Woodlawn Cemetery in Santa Monica beerdigt. Das genaue Sterbedatum wird in den Quellen unterschiedlich angegeben: Wikidata und Wikipedia nennen den 21. Dezember 1958, die Deutsche Biographie hingegen den 23. Dezember 1958.


Literarische Merkmale

Feuchtwanger begann mit Theaterkritik und Drama. Danach fand er zu dem Feld, das die Neue Deutsche Biographie als „das seiner eigentlichen Begabung" bezeichnet: zum Roman und zur Erzählung, vor allem zum historischen Roman großen Zuschnitts. Sein Verfahren verbindet drei Elemente: genaue und umfassende Kenntnis der geschichtlichen Stoffe, eine an Heinrich Mann und Alfred Döblin geschulte Erzähltechnik und die Fähigkeit, merkwürdige Einzelschicksale mit komplexen historischen Szenerien zu einem „Schauspiel von gegenwärtigem menschlichem Interesse" zu verdichten, wie es Franz Norbert Mennemeier in der NDB formulierte.

Bevorzugt griff Feuchtwanger Stoffe aus der altjüdischen Geschichte und dem Problemkreis „jüdischer Existenz in nichtjüdischer Welt" auf. Das zeigt sich in der Josephus-Trilogie ebenso wie in der späten Jüdin von Toledo. Mit den Mitteln des historischen Romans betrieb er zugleich politische Aufklärung: Historisierende Darstellung und unmittelbare Zeitkritik gehen ineinander über. Im Schlüsselroman Erfolg etwa zeichnete er in der Figur Rupert Kutzners ein leicht erkennbares Porträt Hitlers. Das „braune München" der 1920er Jahre schilderte er mit satirischer Schärfe.

Getragen wird sein Erzählen, so die NDB, von einer „fortschritts- und vernunftgläubigen Haltung", einer im Kern aufklärerischen geschichtsphilosophischen Position. Weltanschaulich bekannte er sich zum Kosmopolitismus und wandte sich sowohl gegen jüdischen Nationalismus als auch gegen den marxistischen Historischen Materialismus. Sein Interesse galt fortschrittlichen Intellektuellen als Wegbereitern gesellschaftlicher Entwicklung. Sprachlich beschreibt ihn die NDB als „ebenso gelehrt wie gescheit und sprachlich hochbegabt, ja raffiniert".

Die Wartesaal-Trilogie aus Erfolg, Die Geschwister Oppermann und Exil zeigt diesen Zugriff im Großen. Sie sollte, wie Feuchtwanger 1939 im Nachwort zu Exil schrieb, „diese schlimme Zeit des Wartens und des Übergangs … für die Späteren lebendig" machen. Sie sollte also das Geschehen in Deutschland zwischen 1914 und 1939 erzählerisch festhalten.


Rezeption

Feuchtwanger erlangte als Meister des anspruchsvollen historischen Romans weltweite Anerkennung, sichtbar auch in der Höhe seiner Auflagen. Jud Süß fand ab 1926 international großen Anklang. Die Romane Die Geschwister Oppermann und Exil wurden zu Bestsellern und machten ihren Autor besonders in der englischsprachigen Welt populär. Nicht zuletzt seine Tantiemen erlaubten ihm im US-Exil einen gehobenen Lebensstil, den nur wenige Exilautoren führen konnten. Heute zählt er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Neben Heinrich Mann und Franz Werfel behauptet er sich als einer der bedeutendsten Vertreter des historischen Romans, der das Genre zur politischen Aufklärung gebrauchte.

Geteilt fiel die Aufnahme bei den Schriftstellerkollegen aus. Sein Reisebericht Moskau 1937 stieß bei den deutschsprachigen Exilanten auf Empörung. Arnold Zweig, Franz Werfel und Bruno Frank äußerten sich kritisch. In der McCarthy-Ära beobachteten ihn die US-Behörden als Linksintellektuellen mit Argwohn. In der DDR dagegen wurde er als Antifaschist und wegen seiner Sympathien für den Kommunismus in Ehren gehalten und 1953 mit dem Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur ausgezeichnet. Im Rahmen der antisemitischen Kampagnen Andrei Schdanows nach 1945 waren seine Bücher zeitweise aus sowjetischen Bibliotheken verbannt. Erst mit dem politischen Tauwetter nach 1956 kehrten sie zurück.

Auch literarisch fiel das Urteil ambivalent aus. Robert Musil bezeichnete Feuchtwanger als „Großschriftsteller" und warf ihm zugleich „Weltflachheit" vor. Diese Bemerkung sollte laut NDB auf eine Zone des „im höheren Sinn Schöpferischen" hinweisen, zu der der „blendende ‚historische' Schriftsteller" keinen unmittelbaren Zugang gehabt habe. Auch der Begriff „Asphaltliteratentum" wurde gelegentlich abschätzig auf ihn angewandt. Nach 1945 konnte Feuchtwanger laut Wikipedia mit den meisten Werken nicht mehr an die Qualität der Weimarer Zeit anschließen. Erst mit dem Spätwerk, vor allem Goya oder der arge Weg der Erkenntnis und Die Jüdin von Toledo (1955), gelang ihm ein erneuter Anschluss an sein frühes Schaffen. Sein Nachlass wird im Feuchtwanger-Archiv der University of Southern California in Los Angeles betreut.

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