1951
Goya oder der arge Weg der Erkenntnis
Überblick↑
Mit dem historischen Roman Goya oder der arge Weg der Erkenntnis schuf Lion Feuchtwanger ein Spätwerk, das 1951 erschien. Es entstand in den Vereinigten Staaten, wohin sich der Autor nach der Machtergreifung Hitlers ins Exil geflüchtet hatte. Anfang 1943 schätzte Feuchtwanger in einem Brief an Arnold Zweig, er werde anderthalb Jahre an dem Buch arbeiten. Daraus wurden sieben Jahre – mehr Zeit, als er je zuvor für einen Roman aufgewendet hatte. Die Niederschrift beendete er am 7. Mai 1950. Ein geplanter zweiter Teil blieb unverwirklicht. Im Mittelpunkt steht der Maler Francisco de Goya und sein langsamer, schmerzhafter Weg vom gefälligen Hofkünstler zum unbestechlichen Kritiker seiner Zeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts hat sich der Maler Francisco de Goya bis in die höchsten Kreise des Adels emporgearbeitet. Seine Kunst öffnet ihm die Türen zu Hof und vornehmer Gesellschaft, und er steigt zum „Ersten Hofmaler“ Karls IV. auf. Doch der äußere Erfolg ist nur die eine Seite.
Goya beginnt eine leidenschaftliche und zugleich zerstörerische Affäre mit der Herzogin von Alba, die einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes angehört. Diese aufwühlende Beziehung bestimmt einen großen Teil der Handlung. Zugleich gerät der Maler, anfangs gegen seinen Willen, in die Intrigen und Machtspiele bei Hofe.
Angetrieben von seinem gutmütigen, oft mürrischen Gehilfen Agustin wandelt sich Goyas zunächst unpolitische Haltung. Er entdeckt, dass seine Kunst mehr sein kann als Schmuck für die Mächtigen – ein Mittel, auf die Missstände des streng katholischen Feudalstaates aufmerksam zu machen. Über allem liegt der bedrohliche Schatten der Inquisition. Der Roman erzählt, wie aus dem angepassten Hofmaler ein Künstler wird, der seinen eigenen Weg sucht.
Die Handlung im Detail↑
Spanien am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert bildet den Schauplatz. Der Roman ist in drei große Teile gegliedert, die wiederum aus zahlreichen Unterkapiteln bestehen. Jeder Hauptteil führt den Leser in die geschichtlichen Ereignisse und politischen Umwälzungen der Epoche ein.
Am Anfang steht Goyas Aufstieg zum „Ersten Hofmaler“ Karls IV. Schon zu Beginn hat er durch seine Kunst Zutritt zu den höchsten Kreisen des spanischen Adels. Seine Bilder sind zunächst noch gefällig, weichen aber zunehmend von der überlieferten Manier ab und wirken immer häufiger verstörend. Goya beginnt eine ebenso leidenschaftliche wie zerstörerische Affäre mit der Herzogin von Alba. Dieser verwirrenden und aufwühlenden Verbindung ist ein großer Teil des Buches gewidmet.
Daneben verstrickt sich Goya immer tiefer in die Intrigen bei Hofe und wird gegen seinen Willen in politische Machtspiele hineingezogen. Sein Gehilfe Agustin, oft sauertöpfisch und doch gutmütig, treibt ihn an. Allmählich ändert sich Goyas unpolitische Haltung. Er erkennt, dass seine Kunst ein Mittel sein kann, um auf die Übel des stark katholisch geprägten Feudalstaates hinzuweisen. In seinen ersten gefährlichen Bildern entdecken die begeisterten Freunde ein idioma universal, eine allgemeingültige Sprache, die jeder verstehen wird. Vorerst bleibt Goya jedoch seinen hochadeligen Auftraggebern verpflichtet, auch wenn seine Porträts nun von einer leise spürbaren Ironie durchzogen sind.
Eine erdachte Krise in der Beziehung zur Herzogin von Alba dient als Erklärung für Goyas Zusammenbruch von 1792, der mit dem schmerzlichen Verlust seines Gehörs endet. Der Leser begleitet den Maler auf seinem Weg aus der Vereinsamung der Krankheit hin zu einer neuen Kunstform. Goya erkennt die Nichtigkeit seiner bisherigen Porträts und wendet sich der Radierung zu.
So entstehen die Caprichos, seine frechen und scharfsichtigen Karikaturen der Verhältnisse, mit derber Kritik an Hochmut und Eitelkeit des Adels, aber auch an der Inquisition, die wie ein schwarzer, bedrohlicher Schatten über dem Spanien dieser Jahre liegt. Mit diesen Werken löst sich Goya endgültig von den herrschenden akademischen Wegen der Malerei und folgt immer mehr seinen eigenen Vorstellungen vom künstlerischen Ausdruck. Der Roman schließt mit der heiklen Veröffentlichung der Caprichos. Durch einige Kniffe endet sie weder mit Goyas Ergreifung durch die erzürnte Inquisition noch mit der Ungnade des angegriffenen Hofes.
Stil↑
Als historischer Roman verbindet das Werk die Lebensgeschichte einer einzelnen Gestalt mit dem großen Bild einer ganzen Epoche. Der Aufbau in drei Hauptteilen mit vielen Unterkapiteln gibt der weit gespannten Handlung Halt. Jeder dieser Teile bettet das persönliche Schicksal Goyas in die geschichtlichen Ereignisse und politischen Umbrüche der Zeit ein.
Feuchtwanger schreckt nicht davor zurück, in das überlieferte Leben einzugreifen, wo es seiner Deutung dient. So erfindet er eine Krise in der Beziehung zur Herzogin von Alba, um Goyas Zusammenbruch und die Ertaubung von 1792 zu erklären. Geschichtliche Tatsachen und erzählerische Erfindung gehen damit eine enge Verbindung ein. Im Titel klingt zugleich das Anliegen des Buches an: Der „arge Weg der Erkenntnis“ macht aus der Künstlerbiografie eine Geschichte innerer Wandlung – die Entwicklung vom gefälligen Hofmaler zum kritischen Geist.
Rezeption↑
Der Roman gehört zu den späten Werken Feuchtwangers und blieb unvollendet, da der geplante zweite Teil nie zustande kam. Seine Wirkung reicht über die Literatur hinaus. Im Jahr 1971 verfilmte Konrad Wolf den Stoff; die Rolle des Goya übernahm Donatas Banionis. Außerdem wurde der Stoff für ein dramatisch-musikalisches Werk mit dem Titel Goya bearbeitet. Damit fand die Geschichte des Malers ihren Weg auf die Leinwand und auf die Bühne.
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