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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Grande Sertão
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Grande Sertão
1956
– Werkseintrag –

Grande Sertão

1956 · Roman

Ein alter Gutsbesitzer erzählt einem stummen Zuhörer von seinem früheren Leben als Söldner im brasilianischen Hinterland, von der verbotenen Liebe zu seinem engsten Gefährten und von der Frage, ob er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat.

Überblick↑

Das Prosawerk Grande Sertão: veredas von João Guimarães Rosa erschien 1956 in Brasilien. Auf Deutsch kam es 1964 unter dem Titel Grande Sertão. Roman bei Kiepenheuer & Witsch in Köln heraus; übersetzt hat es Curt Meyer-Clason. Der Text gibt wieder, was ein alter Gutsbesitzer namens Riobaldo einem Zuhörer erzählt. Dieser Zuhörer meldet sich nie zu Wort und bleibt namenlos. Rosa selbst nannte den Text nicht Roman, im Deutschen wird er aber meist so bezeichnet. Das Werk gehört zum Hauptwerk des Autors und gilt als eines der bedeutendsten Werke der portugiesischsprachigen Literatur. Viele zählen es zur Weltliteratur.

Ursprünglich war der Text als eine der Novellen für das ebenfalls 1956 erschienene Buch Corpo de Baile gedacht. Er wuchs jedoch stark an und wurde eigenständig. Schauplatz ist das brasilianische Hinterland, der namengebende Sertão, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Rosa zeichnet dort das Bild einer Gesellschaft, in der das Verbrechen fester Bestandteil des politischen und sozialen Systems ist.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt stehen Riobaldo und Reinaldo. Beide sind Jagunços, also Söldner einer gesetzlosen Bande im Dienst rivalisierender Großgrundbesitzer und Politiker. Schauplatz ist der Sertão, das als rückständig geltende Hinterland der Bundesstaaten Minas Gerais, Goiás und Bahia. Der alte Riobaldo besitzt inzwischen ein Landgut am Rand dieser Gegend. Einem anonymen Besucher aus der Stadt erklärt er zunächst, wie die Welt des Sertão beschaffen ist: weit entfernt von Schulen, Krankenhäusern und staatlicher Kontrolle, die Bevölkerung kaum gebildet und dem Schalten und Walten der Großgrundbesitzer ausgeliefert.

Dann erzählt Riobaldo von seiner Kindheit als Sohn eines Gutsherrn in Minas Gerais. Prägend war für ihn die Begegnung mit einem etwa gleichaltrigen Jungen. Gemeinsam überquerten die beiden in einem Einbaum den Rio São Francisco. Riobaldo befiel dabei schreckliche Angst, denn er konnte nicht schwimmen. Der fremde Junge dagegen bewies Mut und Gelassenheit, was Riobaldo faszinierte. Beim Abschied wusste er nicht einmal dessen Namen.

Es folgen die Jugendjahre auf der Fazenda des Vaters, die Schule in Corinto und die Arbeit als Lehrer und Sekretär bei Zé Bebelo. Dann trifft Riobaldo den Jungen von damals wieder. Aus ihm ist ein junger Mann geworden, der sich als der Jagunço Reinaldo vorstellt. Bewegt von diesem Wiedersehen schließt sich Riobaldo der Söldnertruppe des Joca Ramiro an. Zwischen den beiden Männern entsteht eine tiefe Zuneigung, und Reinaldo gibt dem Freund seinen geheim gehaltenen Namen preis: Diadorim. In der von Machismo geprägten Männerwelt des Sertão ist diese Liebe ein Tabu, und Riobaldo bekennt sich nicht offen zu ihr. Zugleich verliebt er sich in Otacília, das einzige Kind eines Gutsherrn, der er die Heirat nach seiner Rückkehr verspricht.

Diesen Bindungen aus Liebe, Treue und Eifersucht steht ein Verrat gegenüber. Joca Ramiro wird von seinen eigenen Hauptleuten Hermógenes und Ricardão hinterrücks erschossen. Der Mord an dem allseits geachteten Anführer löst tiefe Trauer aus und nährt Hass. Riobaldo und Diadorim verschreiben sich der Rache an den beiden Verrätern. Die Bande ist fast ständig unterwegs, kreuz und quer, vorwärts und rückwärts durch den Sertão. Über allem steht die Frage, ob es den Teufel gibt und ob ein Pakt mit ihm geschlossen wurde.

Die Handlung im Detail↑

Erzählt wird alles aus dem Mund des alten Riobaldo, der auf seinem Landgut am Rande des Sertão einem namenlosen Besucher aus der Stadt sein Leben ausbreitet. Zuerst führt er den Fremden in die Welt des Hinterlands ein, eine Gegend ohne Schulen, ohne Spitäler, ohne staatliche Kontrolle, in der die kaum gebildete Bevölkerung den Großgrundbesitzern ausgeliefert ist.

Dann beginnt die Lebensgeschichte. Riobaldo wächst als Sohn eines Gutsherrn in Minas Gerais auf. Als Kind überquert er mit einem etwa gleichaltrigen fremden Jungen in einem Einbaum den Rio São Francisco. Riobaldo kann nicht schwimmen und hat schreckliche Angst, der andere Junge bleibt ruhig und sicher. Diese Gelassenheit fasziniert ihn. Bei der Trennung kennt er nicht einmal den Namen des Jungen.

Nach den Jugendjahren auf der Fazenda des Vaters, der Schulzeit in Corinto und der Arbeit als Lehrer und Sekretär bei Zé Bebelo trifft Riobaldo den Jungen von damals wieder. Inzwischen ist er ein junger Mann und stellt sich als der Jagunço Reinaldo vor. Bewegt vom Wiedersehen folgt Riobaldo ihm in die Söldnertruppe des Joca Ramiro. Die Zuneigung der beiden ist gegenseitig, und Reinaldo vertraut dem Freund seinen geheim gehaltenen Namen an: Diadorim. Das soll ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben. In der machistischen Gesellschaft des Sertão ist diese Liebe ein Tabu, und so bekennt sich Riobaldo nie offen zu ihr. Daneben wächst seine Liebe zu Otacília, dem einzigen Kind eines Gutsherrn. Ihr verspricht er, sie nach seiner Rückkehr zu heiraten.

Diesen Beziehungen aus Liebe, Sympathie, Treue und Eifersucht stellt der Erzähler ein Gegenbild entgegen. Joca Ramiro wird von seinen eigenen Hauptleuten Hermógenes und Ricardão verraten und hinterrücks erschossen. Der Mord an dem allseits hochgeachteten Anführer löst tiefe Trauer aus und nährt Hass und Wut. Riobaldo und Diadorim verschreiben sich dem Rachefeldzug gegen die beiden Verräter.

Im zweiten Teil seines Lebens als Jagunço übernimmt Riobaldo selbst die Führung der Truppe. Als Urutú-Branco, als Weiße Klapperschlange, wird er geachtet und gefürchtet. Bei den Veredas Mortas entschließt er sich zu einem Pakt mit dem Teufel. Der Teufel tritt dabei allerdings nicht in Erscheinung. In Paredão kommt es zur entscheidenden letzten Schlacht gegen Hermógenes. Hermógenes und Diadorim treffen im Duell aufeinander, und beide finden den Tod.

Danach erbt Riobaldo die Gutsbetriebe seines Patenonkels Selorico Mendes, der in Wahrheit sein Vater war, und erscheint als gemachter Mann. Durch die Heirat mit Otacília wird er zum anerkannten Großgrundbesitzer, den seine eigenen Jagunços beschützen. Doch die Erinnerungen kehren wieder: an die Veredas Mortas, an den Pakt mit dem Teufel, an die Frage nach einem Verrat an Diadorim und nach der Schuld an dessen Tod. Und an die Frage, wie es möglich war, bis zum Tod des besten Freundes nicht zu erkennen, dass Diadorim eine Frau war. Am Ende erklärt Riobaldo zwar, dass es den Teufel nicht gebe, ganz sicher aber ist das nicht. Das letzte Wort des Buches lautet „Travessia“, Überfahrt.

Stil↑

Bestimmend ist die Form der mündlichen Rede: Ein einziger Sprecher, der alte Riobaldo, redet ununterbrochen auf einen Zuhörer ein, der nie antwortet und namenlos bleibt. Dadurch entsteht ein langer, fortlaufender Redefluss, der sich nicht an eine geordnete Abfolge hält. Rosa selbst hat den Text nicht als Roman bezeichnet.

Die Bewegung der Söldnerbande prägt auch den Bau des Werks. Die Truppe ist beinahe ständig unterwegs, ihr Weg führt kreuz und quer, vorwärts und rückwärts durch den Sertão. Diese ziel- und endlose Wanderung wirkt wie ein Labyrinth und erzeugt ein beklemmendes Gefühl.

Als Leitmotiv kehrt die Frage nach dem Teufel wieder: ob es ihn gibt, ob ein Pakt mit ihm geschlossen wurde und ob dieser Pakt sich erfüllt. Damit öffnet der Text Bezüge zum Fauststoff. Über die Teufelsfrage und über den Kampf gegen Hermógenes, den Erzfeind von Riobaldo und Diadorim, führt Rosa Gut und Böse vor. Ihr Verhältnis lässt sich aber kaum als schlichtes Entweder-oder verstehen.

Georg Rudolf Lind hob die Erneuerung der Sprache hervor, dazu die entschlossene Wendung zum offenen Roman und die Einbeziehung mythischer Elemente. Rosa selbst sagte in einem längeren Interview, Sprache und Leben ließen sich nicht trennen, sie seien eins.

Rezeption↑

Nach dem Erscheinen waren die ersten Kritiken laut dem Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger derart überwältigt von den sprachlichen und strukturellen Neuerungen, dass die Studien der folgenden Jahre vor allem diesen Seiten galten und den Inhalt vernachlässigten. Das änderte sich im Lauf der Zeit, führte aber zu der weit verbreiteten Annahme, Rosa habe das Soziale und Historische der Form untergeordnet.

Bald trat zu den sprachbezogenen Untersuchungen eine stark esoterische Richtung. Manche Kritiker sehen in Riobaldos Söldnerleben eine Initiationsreise. Der in São Paulo lehrende Literaturwissenschaftler Willi Bolle steht solchen Deutungen sehr kritisch gegenüber. Wie Eduardo Coutinho meint er, die Forschung habe sich in den vier Jahrzehnten seit dem Erscheinen bis auf wenige Ausnahmen entweder getäuscht oder dem Buch entzogen. Bolle sieht in dem Werk eine Nachschöpfung von Euclides da Cunhas Os Sertões; darauf hatte bereits Antonio Candido 1958 hingewiesen.

Häufig wurde das Buch als plötzliche Erscheinung hingenommen und für sich allein betrachtet. Günter Lorenz schrieb: «Dieses Buch verschließt sich jedem Vergleich; es steht nicht nur außerhalb aller gängigen Formen europäischer Literatur, es findet auch in Lateinamerika nichts, was man nur annäherungsweise zur Erklärung heranziehen könnte.» Dem hielt Georg Rudolf Lind entgegen, einer der ersten deutschsprachigen Kommentatoren des Autors, dass der Roman durchaus Gemeinsamkeiten mit wichtigen brasilianischen Strömungen des 20. Jahrhunderts habe, etwa mit dem Regionalismus und dem Modernismo. Die Spracherneuerung und die Einbeziehung mythischer Elemente, die an verwandte Bestrebungen von James Joyce, Thomas Mann oder Hermann Broch erinnern, könnten die Aufnahme jedoch verunsichert haben.

In den späten 1990er Jahren verschob sich die Sekundärliteratur zu einer vertiefenden Lesart, die das Werk in die großen Fragen der Philosophiegeschichte einordnen wollte. Als allgemein anerkannt gilt, dass Rosas Werk in der Kulturtradition des Abendlandes verwurzelt ist. Auf internationalen Kongressen, welche die Universität von Minas Gerais 1998 und 2002 durchführte, wurden auch Studien zur Wirkung veröffentlicht und bedeutende Archive geöffnet. So konnten Entstehung und Übersetzungen in die Forschung einbezogen werden. Im Mai 2002 nahm der Norwegische Buchklub, ein Zusammenschluss norwegischer Verleger, das Werk in seine Liste der hundert besten Bücher aller Zeiten auf, als einzigen brasilianischen Beitrag unter 100 Autoren aus 54 Ländern.

Kersten Knipp stellt den Roman in seiner 2013 erschienenen Kulturgeschichte Brasiliens ans Ende einer Reihe sozialkritischer Werke, hebt aber Rosas eigenen Zugang hervor: «Weit weg von aller Sozialkritik […] deutet er den Sertão als Lebensform, als Herrschaftsgebiet der Jagunços […] , die diesem staatenlosen Raum ihren Willen aufzwingen.» Das Leben werde «zum Kampf – aber zum Kampf um was?» Rosa zeige Figuren, «die im großen Rad des ewig Gleichen strampeln. Seine Figuren kämpfen, ohne zu wissen, wofür genau.» Über den Sertão heißt es bei Knipp: «Der Sertão ist da, wo befiehlt, wer stark ist.» Und: «Denn der Sertão, das ist auch da, wo der Teufel zu Hause sein könnte.» Das Leben fließe, ein letztes Ziel gebe es nicht.

Im deutschen Sprachraum verlief die Wirkung zwiespältig. Kutzenberger hält fest, dass sich das Buch trotz des anfänglichen Erfolgs, der sich auch in den Verkaufszahlen zeigte, nicht einmal in Fachkreisen dauerhaft durchsetzen konnte. Seit Jahrzehnten ist es auf Deutsch nicht lieferbar. Anfang des 21. Jahrhunderts waren Rosas Werke auch im englischen Sprachraum nicht mehr zu bekommen; in England fehlen die englischen Übersetzungen selbst in den größten Universitätsbibliotheken und in der British Library. In deutschsprachigen Bibliotheken sind die Übersetzungen zwar vorhanden, im Buchhandel jedoch nicht. Mitverantwortlich dafür ist wohl auch die nicht ganz unproblematische Übertragung Curt Meyer-Clasons.

Auch die Erforschung des Autors blieb lückenhaft. Die Professoren Gustavo Castro e Silva, Florence Dravet und Leandro Bessa von den Universitäten in Brasília beklagten 2021, dass es über 40 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers noch immer keine tiefschürfende Biografie gebe. Alaor Barbosa veröffentlichte 2008 den Band Sinfonia Minas Gerais: a vida e a literatura de João Guimarães Rosa, angekündigt als erster Band einer Reihe. Vilma Guimarães Rosa, die Tochter des Schriftstellers, ließ das Buch bald nach Erscheinen aus dem Handel zurückziehen und bezichtigte Barbosa des Plagiats, der Lüge und der Verzerrung von Fakten. Sieben Jahre später verlor sie den Prozess und musste Barbosa entschädigen. Ein weiterer Band erschien nie, und auch der erste geriet in der Forschungsliteratur bald in Vergessenheit. Ein Grund dafür ist der Mangel an belegten biografischen Angaben.

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