1820 – 1892
Afanassi Afanassjewitsch Fet
Kurzporträt↑
Afanassi Afanassjewitsch Fet zählt zu den Lyrikern, die die russische Dichtung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts mitprägten. Geboren wurde er 1820 nahe Mzensk im Russischen Kaiserreich. Er war der Sohn einer Deutschen aus Darmstadt. Sein Leben war geprägt von der ungeklärten Frage seiner Herkunft. Dazu kam der lange Kampf um einen anerkannten Namen. Neben eigenen Gedichten schuf er Übersetzungen aus dem Deutschen und Lateinischen. Fet starb 1892 in Moskau.
Biografie↑
Geboren wurde Fet am 23. November 1820 auf dem Gut Nowossjolki nahe Mzensk im Russischen Kaiserreich. Nach dem julianischen Kalender war das der 23. November, nach dem gregorianischen der 5. Dezember. Seine Mutter war Charlotte Elisabeth Becker aus Darmstadt. Sie war in erster Ehe mit Johann Foeth verheiratet gewesen. Zwei Jahre nach Fets Geburt, 1822, heiratete sie den reichen russischen Gutsbesitzer Schenschin. Ob Fet der Sohn Foeths oder Schenschins war, ist nicht bekannt. Das Heilige Konsistorium in Orjol entschied, dass er den Namen seines deutschen Vaters tragen solle. Die zweite Heirat seiner Mutter war nicht früh genug rechtswirksam geworden. Dieser Entscheid blieb für Fet zeitlebens ein Trauma. Mit Foeth konnte er sich nie identifizieren, mit Schenschin dagegen vollständig.
Fet studierte an der Moskauer Universität und diente bis 1856 in der Armee. In den Reihen des Militärs lernte er Lew Tolstoi kennen, den er sehr bewunderte. 1851 starb Maria Lazitsch, eine junge Frau, die sich in Fet verliebt hatte, ihn aber aus finanziellen Gründen nicht heiraten konnte. Ihr Kleid fing Feuer; ob durch Unfall oder Absicht, ist nicht gesichert. Auf dieses Ereignis kam Fet in zahlreichen, auch späten Gedichten zurück.
Das Stigma der unehelichen Geburt begleitete Fet ein Leben lang. Den prestigeträchtigen Namen seines russischen Vaters durfte er erst ab 1873 führen, nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten. Der Zugang zum russischen Adel wurde ihm auch wegen seiner Verdienste in der Armee gewährt. Zuvor war 1861 die Leibeigenschaft abgeschafft worden. Von den Radikalen wurde er wegen seiner reaktionären politischen Gesinnung verspottet. Fet selbst vertrat die Auffassung, das Leben eines Dichters habe mit seiner Dichtung wenig zu tun.
Später ließ er sich auf dem Gut Stepanowka in der Gegend von Mzensk nieder. Er besuchte häufig seinen Nachbarn Tolstoi und war unter dessen damaligen Freunden der einzige Schriftsteller. In den späten Jahren verfasste Fet literarische Erinnerungen und widmete sich der Übersetzung. Er übertrug Teile der Äneis Vergils, den ersten Teil von Goethes Faust sowie Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung ins Russische. Seit 1886 war er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.
In hohem Alter versuchte Fet, sich das Leben zu nehmen, wurde aber von seiner Familie daran gehindert. Nach einem weiteren Selbstmordversuch starb er am 3. Dezember 1892 in Moskau an einem Herzinfarkt.
Literarische Merkmale↑
Den Schwerpunkt in Fets Werk bildet die Lyrik. Seine Gedichte erschienen über Jahrzehnte hinweg in mehreren Sammlungen. Dazu zählt die vierteilige Folge Abendliche Lichter, die zwischen 1883 und 1891 herauskam. Sein dichterisches Selbstverständnis trennte streng zwischen Leben und Kunst. Fet war der Ansicht, das Leben eines Dichters habe mit seiner Dichtung wenig zu tun, und ein Künstler müsse nicht ernsthaft sein. Neben der eigenen Lyrik trat er als Übersetzer hervor. Er übertrug antike Dichtung und deutsche Texte ins Russische.
Rezeption↑
Gedichte von Fet wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielfach vertont. Besonders fanden sie Eingang in das russische Kunstlied. Vertonungen seiner Texte stammen unter anderem von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Sergej Rachmaninow, Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Porfirjewitsch Borodin und César Cui. Überwiegend handelt es sich um Gedichte für Singstimme und Klavier. Einzelne Texte wurden auch in Sammlungen und Zyklen aufgenommen. Zu Lebzeiten war Fet umstritten. Von den Radikalen wurde er wegen seiner politischen Haltung verspottet. 1886 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Russische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.
Im deutschsprachigen Raum wurde Fet mehrfach übersetzt und gewürdigt; seine Mutter stammte aus Darmstadt. Schon um 1905 erschien bei Reclam in Leipzig eine autorisierte Verdeutschung seiner Gedichte durch Friedrich Fiedler. 1990 folgten Nachdichtungen von Uwe Grüning, 2012 eine zweisprachige Auswahl in Moskau. Seine Darmstädter Wurzeln spiegeln sich bis heute in Beiträgen wie dem Stadtlexikon Darmstadt und der Hessischen Biografie wider.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (3 weitere Titel)