Jude the Obscure
Überblick↑
Der Roman erschien zwischen 1894 und 1895. Er gilt als einer der bedeutendsten Texte Thomas Hardys und als wichtiges Werk der späten viktorianischen Literatur am Übergang zur Moderne. Erzählt wird das Leben des Jude Fawley, eines Provinzjungen. Er strebt nach Bildung und sucht in der Universitätsstadt Christminster sein Glück. Das Buch löste nach seinem Erscheinen heftige Kontroversen aus. Sie brachten Hardy dazu, sich vom Romanschreiben abzuwenden und sich nur noch der Lyrik zu widmen. Auf Deutsch erschien das Buch unter wechselnden Titeln, darunter Juda der Unberühmte, Herzen in Aufruhr und Im Dunkeln.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Jude Fawley wächst als Waisenjunge im ländlichen Marygreen auf. Sein Lehrer Phillotson, den der Junge verehrt, zieht in die nahe Universitätsstadt Christminster. Diese wird für Jude zum Sehnsuchtsort: ein "himmlisches Jerusalem", in dem er Bildung und ein höheres Leben findet. Schon früh bringt er sich autodidaktisch Latein und Griechisch bei und plant, ihm zu folgen.
Eine frühe Heirat mit der einfachen Arabella Donn aus seinem Heimatdorf scheitert rasch. Jude zieht nach Christminster. An der Universität wird er jedoch nicht angenommen und arbeitet als Steinmetz. Dort lebt auch seine Cousine Sue Bridehead, der er aus der Ferne mit wachsender Verehrung begegnet. Als die beiden sich kennenlernen, entsteht zwischen ihnen eine intensive Bindung. Sie ist zugleich von Sues Eigensinn und ihren widersprüchlichen Gefühlen geprägt. Aus diesem Geflecht aus Liebe, gesellschaftlicher Enge und der Begegnung mit dem alten Lehrer Phillotson entwickelt sich eine Geschichte über Bildungshunger, Ehe, Religion und die Frage, wie viel Freiheit ein Mensch am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich hat.
Die Handlung im Detail↑
Jude Fawley wächst als Waisenjunge in Marygreen auf, einem Dorf in Hardys fiktiver Landschaft Wessex. Sein Lehrer Phillotson, den er bewundert, zieht in die nahegelegene Universitätsstadt Christminster, die meist als Oxford gelesen wird. Für Jude wird Christminster zum Sehnsuchtsort, zu einem "himmlischen Jerusalem", das für Bildung und ein höheres Leben steht. Er bringt sich autodidaktisch Latein und Griechisch bei und liest sich durch Fachbücher, um eines Tages selbst dorthin zu gehen.
Als junger Mann heiratet Jude die einfache Arabella Donn aus seiner Heimat. Die Ehe scheitert rasch, Arabella wandert nach Australien aus. Jude geht endlich nach Christminster, wird aber an der Universität nicht angenommen und arbeitet stattdessen als Steinmetz. In der Stadt lebt seine Cousine Sue Bridehead, die er zunächst nur aus der Ferne beobachtet und für die er eine immer stärkere Verehrung entwickelt. Als sie sich begegnen, entsteht eine intensive, zunächst rein platonische Beziehung.
Gemeinsam besuchen die beiden Phillotson, der inzwischen in der Kleinstadt Melchester als Lehrer arbeitet und sich an Jude nicht mehr erinnert. Gerüchte über Sues Verhältnis zu Jude kosten sie ihre Stelle am Lehrerseminar. Sie trennt sich von Jude und nimmt einen Heiratsantrag Phillotsons an, wird mit ihm aber nicht glücklich. Gegen den Rat seiner Freunde willigt Phillotson schließlich in die Trennung ein und lässt Sue zu Jude zurückkehren. Diesen ungewöhnlichen Schritt bezahlt Phillotson mit seinem sozialen Ansehen.
Sue lässt sich nur zögernd auf eine körperliche Beziehung mit Jude ein, eine Heirat verweigert sie ganz. Das Paar lebt in wilder Ehe und bekommt zwei eigene Kinder. Ein drittes kommt hinzu: der "Little Father Time" genannte Junge stammt aus Judes erster Ehe mit Arabella, die ihn dem Paar überlässt. Die kleine Familie lebt in großer Armut und wird wegen der unklaren Eheverhältnisse gesellschaftlich ausgegrenzt. In einer zentralen Szene tötet Little Father Time die beiden anderen Kinder und schließlich sich selbst.
Jude und Sue entfremden sich. Sue kehrt unter dem Einfluss religiöser Vorstellungen zu Phillotson zurück, um in einer zweiten Ehe mit ihm Buße für ihre Schuld zu tun. Jude verfällt zunehmend dem Alkohol und nähert sich seiner aus Australien zurückgekehrten ersten Frau Arabella wieder an, die ihn überredet, sie erneut zu heiraten. Auch diese zweite Ehe wird nicht glücklich. Am Ende stirbt Jude allein und als gebrochener Mensch, während Arabella auf einem Volksfest nach neuen Liebschaften sucht.
Stil↑
Hardy verbindet die ruhige, ausführliche Erzählweise des viktorianischen Romans mit einer Bauweise, die an die klassische Tragödie erinnert: das Schicksal einer Figur, das sich Stück für Stück und ohne Hoffnung auf Rettung vollzieht. Die fiktive Landschaft Wessex bildet den Rahmen. In ihm stehen sich Dorfwelt und Universitätsstadt, religiöse Tradition und moderner Zweifel, körperliche Arbeit und Bildungshunger gegenüber. Sue Bridehead und Jude tragen ihre inneren Konflikte in langen, ernsthaften Gesprächen aus. Darin bringt Hardy Fragen nach Ehe, Religion und Geschlechterrollen direkt zur Sprache. Die Sprache bleibt nüchtern und genau, gerade auch dort, wo das Buch seine schmerzhaftesten Szenen erzählt.
Rezeption↑
Die ersten Reaktionen auf das Buch waren gespalten. Einige Rezensenten lobten den Roman und hoben seine tragische Kraft hervor. Andere reagierten mit scharfer Empörung, vor allem auf die neue Sicht auf Sexualmoral und Ehe. Rezensionen erschienen unter Titeln wie "Jude the Obscene" oder "Hardy the Degenerate". Der Bischof von Wakefield ließ in einem offenen Brief wissen, er habe das Buch ins Feuer geworfen. Viele Angriffe kamen aus dem kirchlichen Lager. Hardy nahm sich die Kontroverse so zu Herzen, dass er nach eigenen Angaben keinen weiteren Roman mehr schrieb und sich für den Rest seines Lebens der Lyrik widmete. Ein Teil der Forschung vermutet allerdings, er habe das Buch von Anfang an als seinen letzten Roman geplant.
Ein einflussreicher Bewunderer war D. H. Lawrence. In seiner 1914 verfassten, erst 1930 veröffentlichten Study of Thomas Hardy stellte er besonders die Figur der Sue heraus und bezeichnete sie als eine der höchsten Hervorbringungen der modernen Zivilisation. Heute gilt das Buch als einer der bedeutendsten Romane Hardys, in der Forschung oft als der pessimistischste und hoffnungsloseste seines Werks. David Lodge liest ihn als klassisches Werk des Fin de Siècle, das keinen Ausweg aus der leidvollen Welt anbietet. In Kindlers Literatur Lexikon heben Jörg Drews und Stefan Horlacher hervor, dass der Roman heute überwiegend als einer von Hardys besten gilt und ein wichtiges Bindeglied zwischen viktorianischer Literatur und Moderne darstellt. Bei einer BBC-Umfrage unter Kritikern zu den hundert besten britischen Romanen landete er 2015 als höchstplatzierter Hardy-Roman auf Platz 23.
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