Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Judith
Eingang · Werke · Judith
Abbildung nicht verfügbar
Judith
1840
– Werkseintrag –

Judith

1840 · Tragödie

Eine schöne Witwe geht allein ins Lager des gefürchteten Feldherrn, um ihre belagerte Stadt zu retten – und gerät in ein gefährliches Spiel aus Verführung und Gewalt.

Überblick↑

Das Drama Judith ist eine Tragödie in fünf Akten von Friedrich Hebbel und sein erstes Bühnenwerk. Es wurde 1840 aufgeführt. Hebbel greift den biblischen Stoff von der Witwe Judith auf, formt ihn aber eigenwillig um. Im Zentrum steht eine schöne Frau, die allein und unbewaffnet ins Lager des Feldherrn Holofernes geht, um ihre belagerte Stadt zu retten. Aus der frommen Heldin der Bibel wird bei Hebbel eine widersprüchliche, innerlich zerrissene Gestalt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Vor den Toren der Stadt Bethulien steht das gewaltige Heer des Feldherrn Holofernes, der im Auftrag des Königs Nebukadnezar ein Volk nach dem anderen unterwirft. Holofernes erweist sich als hochmütiger Gewaltherrscher, der sich über Gott und die ganze Welt stellt und nur noch die Hebräer als letzte Gegner vor sich hat.

In der belagerten Stadt lebt die schöne Witwe Judith. Sie ist eine Frau mit einem ungeklärten Geheimnis aus ihrer Ehe und einem tiefen Misstrauen gegenüber Männern. Während die Bürger und Ältesten von Bethulien über Widerstand, Verhandlung oder Kapitulation streiten und die Not in der Stadt durch Dürre und Hunger wächst, fasst Judith einen eigenen Entschluss: Sie will selbst zu Holofernes gehen. Was sie genau vorhat, verschweigt sie ihren Leuten.

So lässt sie sich schmücken und macht sich auf den Weg ins feindliche Lager, wo der mächtige Feldherr sie sogleich begehrt. Zwischen den beiden entspinnt sich ein gefährliches Spiel aus Misstrauen, Verführung und Berechnung.

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Akt zeigt sich das Lager des Holofernes. Ein Soldat beschwert sich über einen Hauptmann, woraufhin Holofernes kurzerhand beide töten lässt. In zwei längeren Selbstgesprächen offenbart er sich als prinzipienloser Tyrann, der sich über Gott und die Welt erhebt. Der Befehl seines Königs Nebukadnezar, alle Baal-Statuen zu zerstören und nur noch ihn anzubeten, weckt in Holofernes die Gier, bald auch über seinem eigenen König zu thronen. Gesandte aus Libyen und Mesopotamien erklären die Kapitulation ihrer Länder; nur die Hebräer leisten noch Widerstand. Achior warnt Holofernes vor der Macht des hebräischen Gottes und behauptet, die Bethulier seien nur dann zu besiegen, wenn sie gegen ihren Gott gefrevelt hätten. Holofernes empfindet das als Provokation und ruft: „Nun auf gen Bethulien!“

Der zweite Akt spielt im Gemach der Judith. Sie erzählt ihrer Magd Mirza von einem Traum, in dem sie auf einem Berg am Abgrund steht. Außerdem gesteht sie, dass Männer sie anwidern, seit ihr inzwischen verstorbener Mann am Morgen nach der Hochzeitsnacht mit verstörtem Blick vor ihr gestanden und gesagt hatte: „Ich kann nicht.“ Was in dieser Nacht geschah, bleibt im Dunkeln; als ihr Mann im Sterben lag, wollte er das Geheimnis lüften, doch die Stimme versagte ihm. Mirza rühmt Judiths Schönheit und rät ihr zu einer neuen Ehe. Ephraim überbringt die Nachricht, dass Holofernes vor den Toren steht. Weil Judith ihn verschmäht, droht er, sich umzubringen. Sie verspricht ihm die Ehe, wenn er Holofernes tötet. Da er sich dazu außerstande sieht, verhöhnt sie ihn und die ganze männliche Sippschaft als Feiglinge und beschließt, selbst gegen Holofernes anzutreten. Ephraim warnt: „Holofernes tötet die Weiber durch Küsse und Umarmungen, wie die Männer durch Spieß und Schwert.“

Im dritten Akt fasst Judith den Plan, Holofernes zu verführen, und lässt sich von Mirza wie eine Braut schmücken. Auf einem öffentlichen Platz in Bethulien schildern sich die Bürger gegenseitig die Grausamkeiten des Holofernes. Der stumme Daniel kann plötzlich sprechen und verlangt, dass sein Bruder Assad gesteinigt wird, weil dieser die Stadttore öffnen und sich ergeben wollte. Samaja dagegen fordert, Daniel solle sich umbringen, weil er zum Brudermörder werden wolle. Josua schlägt vor, die Ältesten und Priester sollten mit Holofernes verhandeln; der Älteste stimmt zu und will sich opfern. Judith widersetzt sich diesem Plan und will selbst bei Holofernes vorsprechen, ohne ihre wahren Absichten zu nennen. Achior weist sie darauf hin, dass Holofernes die Frauen „nicht anders liebt wie Essen und Trinken“. Schließlich erfährt man, dass Daniel den Samaja getötet hat, weshalb man ihm göttliche Macht zuschreibt.

Der vierte Akt führt ins Zelt des Holofernes. In einem Alptraum hat er nach seinem Dolch gegriffen und sich beinahe selbst verletzt. Beim Erwachen verspottet er seine Wächter, die seinen Tod schon erhofft hätten. Judith wird vorgelassen und kniet vor ihm nieder. Holofernes beteuert, nie eine schönere Frau gesehen zu haben. Judith behauptet, ihr Volk sei zum Untergang verdammt, weil es gegen Gott gesündigt habe, und Gott habe Holofernes zu seinem Werkzeug der Strafe erwählt. Halb skeptisch, halb von ihr eingenommen, beginnt Holofernes ihr zu vertrauen und hofft, sie werde ihm nachts ein Stadttor öffnen. Judith erbittet sich fünf Tage Bedenkzeit und darf sich ins Gebirge zurückziehen, um sich mit ihrem Gott zu beraten. Mirza ist entsetzt und hält sie für eine Verräterin.

Im fünften Akt berichtet der Hauptmann des Holofernes, die Hebräer seien in Todesstimmung verfallen und drohten wegen der anhaltenden Dürre zu verhungern. Als Holofernes erfährt, dass dieser Hauptmann sich Judith zu nähern versuchte, schlägt er ihn nieder. Judith kehrt zurück und lässt sich von Holofernes küssen. Plötzlich erscheint Ephraim und versucht, Holofernes mit dem Schwert zu erschlagen; doch Holofernes lässt ihn laufen und wundert sich über die eigene Milde. Er befiehlt Judith, ihn anzubeten, sie weigert sich. Dann zieht sie sich mit ihm ins Zelt zurück, während Mirza erneut entsetzt ist. Nach dem Beischlaf schlägt Judith dem schlafenden Holofernes den Kopf ab.

Auf dem öffentlichen Platz in Bethulien finden Judith und Mirza ihr Volk verzweifelt vor. Als sie das blutige Haupt des Holofernes zeigen, bricht Jubel aus. Die Männer ziehen aus, um das nun führerlose assyrische Heer niederzumachen. Judith aber bittet die Priester, sie zu töten, falls sie schwanger sein sollte, und betet zu Gott, dass sie unfruchtbar sei.

Stil↑

Angelegt ist das Werk als Tragödie in fünf Akten, die zwischen zwei Schauplätzen wechselt: dem Lager und Zelt des Holofernes und den Räumen der Judith sowie dem öffentlichen Platz in Bethulien. Diese Gegenüberstellung von feindlichem Heerlager und belagerter Stadt gibt dem Drama seinen Rhythmus.

Hebbel variiert die biblische Vorlage und verschiebt ihren Sinn ins Psychologische. Holofernes wird in ausgedehnten Selbstgesprächen als hochmütiger Gewaltmensch entworfen, der sich über Gott und Welt stellt. Judith ist keine fromme Retterin mehr, sondern eine zwiespältige Gestalt, deren Handeln aus einem dunklen, nie ganz aufgeklärten Geheimnis ihrer Ehe und aus ihrer Verachtung der Männer erwächst. Vieles bleibt bewusst im Dunkeln, etwa der Vorfall in der Hochzeitsnacht.

Zugespitzte, sprichwortartige Sätze prägen die Sprache und bringen die Haltung der Figuren auf den Punkt, so Ephraims Warnung, Holofernes töte die Frauen „durch Küsse und Umarmungen, wie die Männer durch Spieß und Schwert“. Solche Formulierungen verdichten den Gegensatz von Begehren und Gewalt, der das ganze Stück durchzieht.

Rezeption↑

Als erstes Bühnenwerk Friedrich Hebbels markiert das Drama den Beginn seiner Laufbahn als Dramatiker. Mit der eigenwilligen Umdeutung des biblischen Stoffes und der widersprüchlich gezeichneten Hauptfigur setzte er sich von der überlieferten Heldengeschichte ab.

Der Stoff blieb über Hebbels Zeit hinaus auf der Bühne lebendig. Das Werk wurde in verschiedenen Theaterproduktionen inszeniert, unter anderem in Einrichtungen von Rolf Henniger und Oskar Wälterlin, und fand im Jahr 2000 auch eine dramatisch-musikalische Bearbeitung.

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