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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Maria Magdalena
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Maria Magdalena
1844
– Werkseintrag –

Maria Magdalena

1844 · Drama

Eine junge Frau zwischen einem Mann, den sie nicht liebt, einem Mann, den sie liebt, und einem Vater, dessen Ehrbegriff keinen Schritt zur Seite duldet – Hebbels letztes großes bürgerliches Trauerspiel.

Überblick

Mit Maria Magdalena schuf Friedrich Hebbel 1843 eine Tragödie in drei Akten. Sie gilt als das letzte bedeutende deutsche bürgerliche Trauerspiel. Nach Hebbel wurde diese Gattung vom sozialen Drama abgelöst. In diesem steht nicht mehr das Bürgertum im Mittelpunkt, sondern der vierte Stand, also die Arbeiterschaft. Das Stück erschien 1844. Es führt vor, wie ein starrer kleinbürgerlicher Ehrbegriff eine junge Frau in den Tod treibt. Der Titel verweist auf die biblische Maria Magdalena. Er kam auf Wunsch des Verlegers zustande, um das Interesse der Leser zu wecken. Hebbel selbst hatte das Werk nach seiner Hauptfigur Klara nennen wollen. Durch einen Setzfehler trug die Erstausgabe auf dem Umschlag die Form Maria Magdalene. Auch unter diesem Titel ist das Stück bis heute geläufig.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Klara, die Tochter des Tischlermeisters Anton. Sie ist mit dem Kassierer Leonhard verlobt. Der hat es weniger auf sie als auf ihre Mitgift abgesehen. Liebe empfindet keiner der beiden für den anderen. Dann kehrt ihre alte Jugendliebe, der Sekretär Friedrich, aus der Fremde zurück, und Klaras Gefühle geraten in Bewegung. Doch eine unbedachte Nacht mit Leonhard hat Folgen, die sie an den ungeliebten Verlobten binden.

In dieses ohnehin angespannte Gefüge brechen Schlag auf Schlag neue Schicksalsschläge ein. Klaras Bruder Karl wird des Diebstahls verdächtigt. Das Haus wird durchsucht, und die kranke Mutter erleidet einen tödlichen Schock. Meister Anton ist ein Mann von unerbittlicher Ehrenstrenge. Nun setzt er seine ganze Hoffnung auf die Tochter. Er droht, sich umzubringen, sollte auch sie Schande über die Familie bringen.

Klara steht damit zwischen einem Mann, den sie nicht liebt, einem Mann, den sie liebt, und einem Vater, dessen Ehrbegriff keinerlei Abweichung duldet. Ob sie aus dieser Falle herausfindet oder nicht, verhandelt Hebbel in einer dichten Handlung. Sie ist auf wenige Schauplätze konzentriert.

Die Handlung im Detail

Im ersten Akt entfaltet Hebbel die Ausgangslage. Klara, Tochter des Tischlermeisters Anton, ist mit dem Kassierer Leonhard verlobt, ohne ihn zu lieben; auch er liebt sie nicht, sondern handelt aus Habgier und hat es auf die Mitgift abgesehen. Bei einer Belustigung trifft Klara ihren Jugendfreund, den Sekretär Friedrich, wieder, der eine Zeit lang zu Ausbildungszwecken fortgewesen war. Die alte Liebe flammt auf. Leonhard bemerkt dies und drängt Klara, mit ihm zu schlafen, um sich ihrer zu versichern. Klara wird schwanger und ist nun auf seinen Heiratsantrag angewiesen, um ihre Ehre und die der Familie zu wahren. Diese Vorgeschichte erfährt der Zuschauer in einer Rückblende, die als Dialog zwischen Klara und Leonhard gestaltet ist.

Am Ende des ersten Akts erscheinen zwei Gerichtsdiener. Klaras Bruder Karl steht unter Verdacht, Juwelen gestohlen zu haben, das Haus wird durchsucht. Klaras Mutter, kaum von schwerer Krankheit genesen, erleidet einen tödlichen Schock und stirbt. Der prinzipientreue Vater erklärt, er sei von der Schuld des Sohnes überzeugt und setze nun alle Hoffnung auf Klara; sollte auch sie Schande über die Familie bringen, werde er sich umbringen. Neben der Leiche der Mutter muss Klara dem Vater schwören, ihn nicht zu enttäuschen – obwohl sie ihre Schwangerschaft längst kennt. In diesem Moment trifft ein Brief Leonhards ein: Er sagt sich von ihr los. Vorgeschoben ist die durch Karls Verhaftung beschädigte Ehre der Familie; der wahre Grund ist, dass Meister Anton die ansehnliche Mitgift von tausend Talern an seinen alten Lehrmeister verschenkt hat. Leonhard hat ihm das im Glauben an einen bevorstehenden Antrag entlockt und nimmt Karls Verhaftung nun als willkommenen Vorwand zum Rückzug.

Im zweiten Akt tauchen die Juwelen rasch wieder auf – die geistig verwirrte Frau des Besitzers hatte sie versteckt. Der Vater aber bangt weiter um seine bürgerliche Ehre. Klara trifft den Sekretär und gesteht ihm ihre Liebe; er erwidert sie und macht ihr einen Heiratsantrag. Doch Klara sieht sich verpflichtet, den Vater ihres Kindes "auf Knien" zurückzuholen, um Meister Anton keine Schande zu machen. Der Sekretär erträgt das nur schwer und stößt den Satz aus, man müsse den Hund, der davon weiß – gemeint ist Leonhard –, "aus der Welt wegschießen". Klara fasst den Entschluss, sich umzubringen, falls Leonhard sie nicht zurücknimmt.

Im dritten Akt sucht Klara Leonhard auf. In einem langen Gespräch wird deutlich, wie tief er sich durch den Nebenbuhler gekränkt fühlt und von Eifersucht zerfressen ist. Schließlich eröffnet er ihr, inzwischen eine Ehe mit der Tochter des Bürgermeisters angebahnt zu haben, die er selbst als unattraktiv und "bucklig" beschreibt – ein erneuter Beleg seines berechnenden Wesens. Klara kündigt ihm den Selbstmord an; er glaubt ihr nicht. Als er sich besinnt und ihr nachlaufen will, tritt der Sekretär ein und fordert ihn zum Pistolenduell. Leonhard weigert sich zunächst, gibt aber nach, und beide gehen in den Wald.

Unterdessen kommt Karl, aus dem Gefängnis entlassen, ins Haus des Vaters zurück. In einem Selbstgespräch bekräftigt er den Entschluss, als Matrose anzuheuern und dem heimatlichen Elend zu entkommen; bei seinen Wirtshausfreunden hat er Schulden, beim Vater ist seine Reputation wieder einigermaßen hergestellt. Klaras Andeutungen über ihre Lage und ihre Selbstmordgedanken hört oder versteht er nicht. Er bittet sie um frisches Wasser. Klara geht zum Brunnen, fest entschlossen, sich hineinzustürzen.

Währenddessen schleppt sich der Sekretär verwundet in die Stube. Er hat im Duell gesiegt und Klara gerächt, ist aber selbst getroffen. Karl ahnt plötzlich, dass seiner Schwester etwas zugestoßen sein könnte. Er läuft hinaus und kommt mit der Nachricht zurück, jemand sei in den Brunnen gestürzt und tot – es ist Klara. Verwirrt und gebrochen bleibt der Vater zurück; mit seinen Schlussworten endet das Drama.

Stil

Hebbel arrangiert seinen Stoff streng und konzentriert. Die Tragödie hat nur drei Akte und kommt mit wenigen Schauplätzen aus. Die Handlung wird auf engstem Raum vorangetrieben. Wichtiges aus der Vorgeschichte wird nicht gezeigt, etwa die Nacht, die Klara an Leonhard bindet. Es wird in einer Rückblende als Dialog nachgeliefert. So wirkt das Geschehen wie ein bereits in Gang gesetztes Verhängnis, dem die Figuren nur noch zusehen können.

Die Sprache ist Prosa und bleibt im Tonfall des kleinbürgerlichen Milieus. Hebbel meidet das Pathos der klassischen Versdramen. Er lässt seine Figuren reden, wie es ihrem Stand entspricht: knapp, sachlich, manchmal grob. Gerade die unverstellte Drastik einzelner Wendungen zeigt, wie nah Hebbel an der Alltagssprache bleibt. Ein Beispiel ist der Wunsch des Sekretärs, man müsse Leonhard "aus der Welt wegschießen".

Tragend ist die Figur des Meisters Anton. Seine starre Ehrvorstellung stellt das eigentliche Schicksal der Handlung dar. Die Tragik entsteht nicht aus einem äußeren Geschick, sondern aus einer sozialen Ordnung, die Klara keinen Ausweg lässt. Damit verschiebt Hebbel das bürgerliche Trauerspiel. Es geht nun nicht mehr um den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum, sondern um den Konflikt innerhalb des Bürgertums selbst.

Rezeption

Das Drama Maria Magdalena gilt in der Literaturgeschichte als das letzte bedeutende deutsche bürgerliche Trauerspiel. Nach Hebbel löste das soziale Drama die Gattung ab. In diesem wurde nicht mehr das Bürgertum, sondern der vierte Stand zum Träger des Konflikts. Dem Stück kommt damit eine Scharnierstellung zwischen zwei dramengeschichtlichen Epochen zu.

Auch die Editionsgeschichte hat sich in das Werk eingeschrieben. Hebbel hatte es zunächst nach der Hauptfigur Klara nennen wollen. Der Verleger versprach sich vom biblischen Anklang größeres Leserinteresse. Auf seinen Wunsch wurde daraus Maria Magdalena. Durch einen Setzfehler trug die Erstausgabe auf dem Umschlag die Form Maria Magdalene. Dieser Titel lebt bis heute weiter und wurde gelegentlich auch von Hebbel selbst verwendet.

Die Wirkung reicht bis in andere Künste hinein. 1920 verfilmte Reinhold Schünzel den Stoff als Stummfilm. Später inszenierte Franz Schnyder eine Theaterproduktion unter demselben Titel.

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