1731
Manon Lescaut
Überblick↑
Der Roman Manon Lescaut stammt von dem französischen Autor Antoine-François Prévost (1697–1763). Er erschien erstmals 1731 in Amsterdam, unter dem vollständigen Originaltitel Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut. Im Mittelpunkt steht die leidenschaftliche und verhängnisvolle Liebe eines jungen Adeligen zu einer schönen, wankelmütigen jungen Frau. In Form von Erinnerungen berichtet der Held selbst von einer Leidenschaft, die ihn Stand, Familie und bürgerliche Ordnung kostet. Das Werk zählt zu den bekanntesten Liebesgeschichten der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Rahmenerzählung ist der Roman angelegt. Ein Marquis de Renoncour trifft auf einer Reise durch die Normandie einen jungen Mann, der einem Zug verhafteter Frauen folgt. Unter ihnen befindet sich seine Geliebte. Jahre später begegnen sich die beiden erneut, und der junge Mann erzählt dem Marquis seine ganze Geschichte. Dieser gibt sie, wie er versichert, getreu und ohne Zusätze wieder.
Der junge Mann ist der Chevalier Des Grieux. Mit siebzehn Jahren hat er seine Studien in Amiens gerade abgeschlossen. Am Abend vor der Heimreise sieht er im Gasthof die etwas jüngere Manon Lescaut und verliebt sich augenblicklich. Als er erfährt, dass sie gegen ihren Willen ins Kloster gehen soll, fliehen die beiden heimlich nach Paris.
Doch das junge Glück hat keinen Bestand. Geldnot, die Einmischung der Familien und Manons Hang zu einem Leben in Wohlstand treiben das Paar in immer neue Bedrängnis. Reiche Verehrer, Betrug, Glücksspiel und Gefängnis wechseln einander ab. Und immer wieder ist es die Liebe zu Manon, die Des Grieux zu neuen Wagnissen verleitet. Wohin ihn diese Leidenschaft am Ende noch führt, treibt die Erzählung bis zum Schluss voran.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn berichtet der Marquis de Renoncour in der Ich-Form von einem Erlebnis auf seiner Rückreise aus Rouen. In der Gemeinde Pacy-sur-Eure kommt er mit einem Mann ins Gespräch, der einen Zug von zwölf verhafteten Dirnen begleitet. Zu ihnen gehört auch seine Geliebte. Zwei Jahre später trifft der Marquis denselben Mann in Calais wieder und erfährt von ihm dessen Schicksal. Er versichert dem Leser, den Bericht bis ins kleinste Detail getreu und ohne Hinzufügungen niedergeschrieben zu haben. Von da an erzählt der Held, der Chevalier Des Grieux, seine Geschichte selbst.
Mit siebzehn Jahren hat Des Grieux in Amiens seine philosophischen Studien beendet. Weil er auf Wunsch seiner Eltern dem Malteserorden angehört, wird er bereits Chevalier, also Ritter, genannt. Am Abend vor der Abreise zu den Eltern sieht er im Gasthof die etwas jüngere Manon Lescaut und verliebt sich sofort. Sie soll gegen ihren Willen in ein Kloster kommen. Gemeinsam organisieren die beiden die heimliche Flucht nach Paris, von der auch der Freund Tiberge nichts erfahren darf. Schon am folgenden Tag treffen sie in Paris ein und mieten eine möblierte Wohnung. Sie liegt neben dem Haus des Steuerpächters B., und diese Nachbarschaft wird sich bald als schicksalhaft erweisen.
Nach etwa sechs Wochen bringen drei Lakaien den Sohn auf Geheiß des Vaters in den Heimatort zurück. Ein halbes Jahr lebt er dort unter bewachtem Arrest. Nur Tiberge darf ihn besuchen. Gemeinsam gehen die Freunde später ins Pariser Priesterseminar St. Sulpice, und Des Grieux nennt sich nun nicht mehr Chevalier, sondern Abbé. Nach zwei Jahren theologischer Studien kommt es bei einer öffentlichen Disputation an der Sorbonne zum Wiedersehen mit der inzwischen achtzehnjährigen Manon. Des Grieux verlässt das Seminar, und das Paar beginnt im Dorf Chaillot eine neue Fortsetzung seiner Schicksalsgemeinschaft.
Bei der königlichen Leibwache hat Manon einen Bruder. Er schließt sich dem Paar an und rät Des Grieux in einer schwierigen Geldlage zum Glücksspiel, in dem dieser bald hohe Gewinne erzielt. Doch der Diener und die Zofe stehlen das Geld und verschwinden mit der Beute. In dieser Not vermittelt der Bruder Lescaut seiner Schwester einen Kontakt zu einem reichen Lebemann, dem Herrn von G. M. Dieser will seine Zuneigung mit Geld, einem Haus und kostbarem Schmuck bezeugen. Nach einem Betrug lässt der Lebemann das Paar jedoch von der Polizei verhaften. Manon wird in die Besserungsanstalt Magdalenenheim eingewiesen, Des Grieux zwangsweise in das Ordenshaus der Mission Saint Lazare gebracht.
Nach einem Vierteljahr gelingt Des Grieux die nächtliche Flucht aus dem Ordenshaus. Sogleich organisiert er auch die Befreiung seiner Geliebten. Das Paar nimmt Quartier in einem Wirtshaus in Chaillot. Am nächsten Tag lässt sich Des Grieux von Tiberge erneut Geld geben. An dieser Stelle schiebt sich der Marquis de Renoncour ein, der den Erzähler zum Abendessen einlädt. Mit dieser Zeitangabe endet der erste Teil.
Im zweiten Teil hat Des Grieux den Herrn von T. zu einem Abendessen geladen, denn dieser hat bei der Befreiung Manons mitgewirkt. Voller Glück meint der Geliebte, die Liebe sei eine gnädige Lehrmeisterin, und das grausame Schicksal schmelze durch sie zu nichts. Doch mitten in dieses Glück hinein knüpft Manon im Bois de Boulogne heimliche Kontakte zu einem Verehrer, die aber erfolglos bleiben. Erfolgreicher ist ein junger G. M., ein Sohn des Herrn von G. M. Er bietet Manon eine Kutsche, eine möblierte Villa mit Personal und zwanzigtausend Franken im Jahr. Nachdem sie das Angebot angenommen hat, plant Des Grieux, seine Geliebte aus der Villa zu entführen. Es kommt zu einem heftigen Streit zwischen beiden. Nach der Versöhnung lassen sie G. M. von einem Gardisten festsetzen, um die Villa für eine gemeinsame Nacht zu nutzen. Stattdessen wird das Paar von zwei Polizisten in das Gefängnis Châtelet gebracht.
In dieser Not wendet sich Des Grieux an seinen Vater, der beim Polizeipräsidenten die Freilassung des Sohnes bewirken kann. Für Manon aber gilt die Verfügung, dass sie als gefallenes Mädchen nach Amerika an den Mississippi deportiert werden soll. Wegen dieser Nachricht bricht bei einem Treffen im Jardin du Luxembourg ein dramatischer Streit zwischen Vater und Sohn aus. Er endet mit dem väterlichen Satz: „Geh! Renn in dein Verderben! Ich will dich nie mehr sehen, undankbarer, pflichtvergeßner Sohn!"
Auf zwei Pferdekarren werden die weiblichen Häftlinge, unter ihnen Manon, im Schutz von sechs Gendarmen in die Hafenstadt Le Havre gebracht. Durch ein Bestechungsgeld erlangt Des Grieux ein leidvolles Gespräch mit der angeketteten Manon. Durch weitere Zahlungen darf er den Zug begleiten. In der Gemeinde Pacy-sur-Eure kommt es dann zu jener Begegnung mit dem Marquis de Renoncour, mit der der Roman begonnen hatte.
Die Schiffsreise zur französischen Kolonie Louisiana beginnt in Le Havre und endet nach zwei Monaten in New Orleans. Der Gouverneur nimmt das Paar freundlich auf und stellt ihm eine schlichte Unterkunft zur Verfügung. Gemeinsam finden Des Grieux und Manon in der Stadt Anerkennung. Doch dann plant der Gouverneur für Manon eine Zwangsheirat mit seinem Neffen. Vor dieser Bedrohung flieht das Paar aus der Stadt in eine unbewohnte Wildnis. Dort stirbt Manon in völliger Erschöpfung. Des Grieux begräbt sie am Ort ihres Todes und kehrt allein nach Frankreich zurück.
Stil↑
Als kunstvolle Rahmenerzählung ist der Roman gebaut. Zuerst spricht der Marquis de Renoncour in der Ich-Form, dann übernimmt der Held Des Grieux selbst das Wort und erzählt sein Leben ebenfalls in der ersten Person. So entsteht die Form der Memoiren: ein rückblickender Lebensbericht, in dem der Erzähler seine eigene Leidenschaft aufdeckt. Der Marquis versichert dem Leser ausdrücklich, den Bericht getreu und ohne Zusätze wiedergegeben zu haben. Diese Beteuerung der Wahrhaftigkeit verleiht der Geschichte den Anschein eines echten, selbst erlebten Bekenntnisses. Der Held berichtet dabei offen von seinen eigenen Verfehlungen, und gerade diese unmittelbare, gefühlvolle Ich-Perspektive gibt dem Werk seine Eindringlichkeit.
Rezeption↑
Weit über das Buch hinaus hat die Geschichte von Manon und Des Grieux fortgewirkt. Der Stoff wurde immer wieder für die Opern- und Ballettbühne bearbeitet und über zwei Jahrhunderte hinweg vielfach neu erzählt. Von den frühen Tagen des Kinos an entstanden zahlreiche Verfilmungen, die den Stoff bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig hielten. Die anhaltende Neugestaltung in Musik, Tanz und Film zeigt, wie stark diese Liebesgeschichte spätere Künstler beschäftigt hat.
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