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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Agnes Bernauer
Eingang · Werke · Agnes Bernauer
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Agnes Bernauer
1852
– Werkseintrag –

Agnes Bernauer

1852 · Drama

Ein Herzogssohn heiratet heimlich die Tochter eines Baders – und stürzt damit Vater, Hof und ein ganzes Herzogtum in einen Gewissenskonflikt zwischen Liebe und Staatsräson.

Überblick↑

Mit dem Trauerspiel Agnes Bernauer schuf Friedrich Hebbel eines der bedeutendsten Dramen des deutschen Realismus. Hebbel verfasste das Stück in nur drei Monaten und stellte es im Dezember 1851 fertig. Die Uraufführung fand am 25. März 1852 in München statt. Nach durchschlagendem Bühnenerfolg erschien der Text 1855 auch im Druck. Im Zentrum steht ein historischer Stoff aus dem 15. Jahrhundert: der Konflikt zwischen einer unstandesgemäßen Liebe und den Zwängen der Staatsräson.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Bei einem Turnier verliebt sich Albrecht, Sohn des Herzogs Ernst von Bayern-München, in die schöne Agnes Bernauer, Tochter eines einfachen Augsburger Baders. Als er ihr auf einem Ball begegnet, hält er um ihre Hand an. Ihr Vater Caspar versucht noch, eine Heirat mit dem Gesellen Theobald zu arrangieren. So will er sie vor den Folgen einer fürstlichen Verbindung bewahren. Auch Albrechts Ritter Nothafft und Frauenhoven raten ihm ab. Doch Albrecht setzt sich durch. Er bewegt Agnes und ihren Vater zu einer heimlichen Hochzeit.

Sein Vater Ernst hat unterdessen ganz andere Pläne. Eine Heirat seines Sohnes mit Anna von Braunschweig soll den Frieden zwischen den geteilten bayerischen Herzogtümern sichern. Als Albrecht sich öffentlich zu Agnes bekennt, gerät die Erbfolge ins Wanken. Und der alte Herzog steht vor einer Entscheidung, die das Leben aller Beteiligten verändern wird.

Die Handlung im Detail↑

Albrecht, Sohn des Herzogs Ernst von Bayern-München, verliebt sich während eines Turniers in Agnes Bernauer, die bürgerliche Tochter des einfachen Baders Caspar Bernauer aus Augsburg. Als er Agnes wenig später auf einem Ball wiedersieht, hält er um ihre Hand an. Caspar erkennt die Gefahr, die einer solchen Verbindung droht, und versucht seine Tochter mit dem Gesellen Theobald zu verheiraten; Agnes aber lehnt diese Notlösung ab. Auch Albrechts Ritter Nothafft und Frauenhoven bemühen sich, den jungen Herzogssohn von seinem Vorhaben abzubringen. Schließlich gelingt es Albrecht dennoch, Agnes und ihren Vater zu einer heimlichen Hochzeit zu überreden.

Sein Vater Ernst beklagt unterdessen die Teilung Bayerns und hat eine Heirat zwischen Albrecht und Anna von Braunschweig arrangiert, die den Frieden zwischen den Herzogtümern wiederherstellen soll. Er ist überzeugt, dass sein Sohn dieser Verbindung zustimmen wird, und schickt seinen Kanzler Preising mit der Nachricht zu ihm. Albrecht weist die Heirat gegen alle Einwände zurück, verspricht aber, zu einem geplanten Turnier zu erscheinen. Dort, wo Ernst eigentlich die Hochzeit verkünden wollte, bestätigt Albrecht öffentlich die Gerüchte um seine Ehe mit Agnes. Sein Vater enterbt ihn daraufhin zugunsten seines Vetters Adolph.

Nach drei Jahren stirbt Adolph. Damit wird Albrecht wieder zum einzigen Erben – und ein bürgerliches Eheweib auf dem Herzogsthron rückt in greifbare Nähe. Ernst sieht einen Krieg um München-Bayern voraus, wenn kein legitimer Thronfolger nachrückt, und unterschreibt schweren Herzens ein Todesurteil gegen Agnes, das bereits kurz nach dem Turnier vorbereitet worden war. Weil Albrecht eine Vollstreckung niemals zulassen würde, lockt der Vater ihn mit der Einladung zu einem weiteren Turnier von Agnes' Seite weg. Während Albrecht abwesend ist, stürmen Soldaten die Burg und nehmen Agnes gefangen. Kanzler Preising unternimmt einen letzten Versuch, sie zu retten: Er verlangt von ihr, sich von Albrecht zu trennen. Agnes lehnt ab und wird daraufhin in der Donau ertränkt.

Als Albrecht vom Tod seiner Frau erfährt, lässt er aus Rache mehrere Dörfer in Brand setzen und droht, auch München zu verwüsten. Erst ein Bote des Kaisers und ein Gesandter der Kirche bringen ihn zur Unterwerfung. Albrecht söhnt sich schließlich mit seinem Vater aus, der ihn zum Herzog ernennt und selbst ins Kloster geht.

Stil↑

Das Werk trägt die Bezeichnung „deutsches Trauerspiel in fünf Aufzügen“. Vom klassischen Vorbild übernimmt es nur den äußeren Aufbau in fünf Akten. Die übrigen Regeln des aristotelischen Dramas hält Hebbel bewusst nicht ein. Die Handlung spielt an mehreren Orten. Der Zeitsprung von drei Jahren bricht die Einheit der Zeit. Und die Ständeklausel wird unterlaufen, denn mit Agnes rückt eine Figur aus den unteren Schichten ins Zentrum. Im fünften Akt setzt Hebbel ein retardierendes Moment ein: Agnes vertut die letzte Chance auf ihre Rettung, als sie sich weigert, Albrecht zu verleugnen.

Formal, inhaltlich und zeitlich gehört das Stück damit zum realistischen Drama. Es führt den Konflikt zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft vor. Dafür greift es auf einen historischen Stoff zurück, den Hebbel künstlerisch frei gestaltet.

Rezeption↑

Bereits die Münchner Uraufführung am 25. März 1852 war ein durchschlagender Erfolg. Drei Jahre später, 1855, brachte dieser Bühnenerfolg auch die Druckausgabe hervor. Das Stück gilt seither als eines der bedeutenden Werke des deutschen Realismus. Es behauptet seinen festen Platz im Kanon des deutschsprachigen Trauerspiels.

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