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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Ahnung und Gegenwart
1815
– Werkseintrag –

Ahnung und Gegenwart

1815 · Roman

Eichendorffs erster Roman schickt einen jungen Grafen durch Wälder, Schlösser und Residenzen einer Welt am Vorabend der Befreiungskriege – und legt zwischen die Kapitel jene Lieder, die später halb Deutschland mitsang.

Überblick↑

Bei Ahnung und Gegenwart handelt es sich um den ersten Roman Joseph von Eichendorffs. Im Herbst 1812 wurde das Buch vollendet. Es erschien 1815 bei Johann Leonhard Schrag in Nürnberg. Das Vorwort stammte von Friedrich de la Motte Fouqué, der es als Zeitroman vor den Befreiungskriegen einordnete. Erzählt wird der Weg des jungen Grafen Friedrich. Er kämpft gegen ausländische Besatzer, verliert seinen Besitz und findet hinter Klostermauern Frieden. Friedrich Schlegel, Otto von Loeben und Fouqué hatten sich für die Veröffentlichung eingesetzt. Den Titel soll Dorothea Schlegel dem Titan Jean Pauls entnommen und Eichendorff vorgeschlagen haben.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der junge Graf Friedrich kehrt vom Universitätsstudium zurück und fährt auf der Donau hinab. Auf einem fremden Schiff erblickt er eine schöne Unbekannte. Nachts trifft er sie in einem Wirtshaus wieder, küsst sie und erfährt ihren Namen: Rosa. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Friedrich setzt seinen Weg zu Pferde fort und gerät in einen Wald. Im Kampf gegen Räuber wird er verwundet. Er erwacht auf dem Schloss des Grafen Leontin. Dort findet er Rosa als Schwester seines Gastgebers wieder.

Im Kreis Leontins, des stets witzigen Dichters Faber und des jungen Erwin beginnt eine Reise durch Wälder, Schlösser und kleine Residenzen. Friedrich verliebt sich in Rosa, zweifelt aber an ihrer Beständigkeit. Leontin trifft auf das schöne Fräulein Julie und rettet sie aus einem brennenden Schloss. Wege kreuzen sich mit einem geheimnisvollen "irrenden Ritter", einer rätselhaften "weißen Frau" und dem Theologen Viktor, der ein Luftschiff erfinden will.

In der Residenz gerät Friedrich in eine glänzende, aber hohle Gesellschaft. Er begegnet der leidenschaftlichen Gräfin Romana, dem Erbprinzen und schließlich einem lüsternen Fürsten, vor dem ihm graut. Eine Rheinfahrt mit Leontin, der sich als Spielmann durch ein Städtchen treiben lässt, mündet in mehrere bittere Verluste. Friedrich ist gereizt und betrogen. Er zieht sich in die Gebirgseinsamkeit zurück und schließt sich dem Landsturm an. Das dritte Buch führt die verstreuten Fäden zusammen. Alte Bekannte tauchen wieder auf, ein verschollener Bruder wird gesucht, und ein Medaillon birgt ein Geheimnis aus Friedrichs Kindheit.

Die Handlung im Detail↑

Graf Friedrich fährt nach dem Universitätsstudium die Donau hinab. Als ein anderes Schiff das seine einholt, erblickt er eine schöne Unbekannte. Im Wirtshaus übernachtet sie im Nebenzimmer; nachts küsst er sie auf dem Balkon und erfährt ihren Namen: Rosa. Am Morgen ist sie von einem Wagen abgeholt. Friedrich reitet weiter, glaubt Rosa einmal von ferne zu sehen, verirrt sich tiefer in den Wald, muss in einer Herberge Räuber abwehren und wird verwundet. Er erwacht im Schloss des Grafen Leontin, wo der schöne, verschlossene Knabe Erwin an seinem Bett wacht. Auf dem Nachbarschloss findet er Rosa wieder – Leontins Schwester – und küsst sie "unzähligemal". Abends sprechen Leontin, Friedrich und der dicke, witzige Dichter Faber über Poesie; Leontin schäkert mit der vierzehnjährigen Marie. Friedrich singt: "Mir ist, als müßt' ich singen / So recht aus tiefster Lust".

Leontin ist auf geheimnisvollen Waldausflügen, kehrt "wie ein gejagtes Wild" zurück und will verreisen. Rosa drängt sich auf und darf mit. Faber bleibt zunächst, reist dann aber auch nach – mit Schreibtafeln und Büchern. In einem Bauernhaus erzählt Friedrich Rosa von seiner Kindheit auf dem Schloss von Pflegeeltern, mit dem geflohenen Bruder Rudolph, der Leontin ähnelt, und der kleinen Angelina. Rosa schläft an seiner Seite ein; Friedrich zweifelt zwischen Begehren und Misstrauen. Am nächsten Morgen ist Faber in die Residenz geritten, auch aus Scham nach einer von Marie abgewiesenen nächtlichen Annäherung. Rosa und Marie verlassen die Männer, als die schöne Gräfin Romana vorbeifährt und sie in ihre Kutsche lockt. Friedrich ist tief gekränkt. Auf einem dörflichen Tanzboden bemerkt Leontin ein schönes Fräulein. Tags darauf treffen sie es auf dem Schloss des Herrn von A. wieder: Julie, die Tochter des Hauses. Auch der arme Theologe Viktor ist dort als Lehrer. Als nachts das Schloss brennt, rettet Leontin Julie. Tags darauf wollen Friedrich und Leontin die "weiße Frau" kennenlernen, deren Schloss bewohnt, deren Herrin aber abwesend ist. Viktor will ein Luftschiff erfinden, hat aber keinen Sinn für Poesie. Leontin belauscht ein Gespräch des Herrn von A. und dessen Schwester, die Julie mit ihm verkuppeln möchte. In Julies Zimmer entdeckt er sein eigenes Porträt – die Malerin hat sein Schloss erfunden, ohne es je gesehen zu haben. Im Wald begegnet Leontin einem irrenden Ritter, der den Stein der Weisen sucht. Friedrich nimmt Abschied – Julie weint – und reitet mit Erwin in die Residenz zu Rosa. Unterwegs schreibt er "O Täler weit, o Höhen".

In der Residenz findet er Rosa auf einem Maskenball, umringt von Verehrern, die sie nach dem Ball in die Kutsche heben. Marie steht nicht mehr in Rosas Diensten; lebensmüde geworden, lässt sie sich von begüterten Herren aushalten. Friedrich sucht mit einem Empfehlungsschreiben den Minister P. auf, der ihm Jurisprudenz und Kameralistik empfiehlt und ihn zu einer literarischen Soiree einlädt. Dort erscheint Rosa mit Romana. Als die geschätzte Gräfin Dolores herabgesetzt wird, schreitet Friedrich energisch ein; Romana sieht ihn mit "dunkel glühenden Augen" an. Auf Romanas Feenschloss bewundert er ein Porträt des Erbprinzen. Die beiden schlafen in nur durch offene Türen getrennten Zimmern. Friedrich beobachtet sie beim Entkleiden, schläft ein, findet sie beim Erwachen unangekleidet am Fuß seines Bettes – und macht sich davon, ohne sie zu wecken. Romana liebt ihn fortan, er aber verachtet sie. Der Erbprinz hängt mit Leidenschaft an Friedrich und gesteht, Romana habe ihn verdorben; Friedrich erwidert die Neigung nicht. Vor dem lüsternen Fürsten graut ihm: Er hatte ihn als Passant durch ein Fenster in der Wohnung eines verführten Mädchens erkannt, das danach gestorben war.

Vor der Trennung machen Friedrich und Leontin eine Rheinfahrt. Abends gibt sich Leontin in einem Städtchen als Spielmann, zieht von Haus zu Haus und singt "Es ist schon spät, es wird schon kalt". Am nächsten Tag stürzt sich Erwin aus dem Kahn in den Rhein und ward nicht mehr gesehen. Friedrich, ihn suchend, nähert sich einem Jagdschloss des Prinzen, hört "Dämm'rung will die Flügel spreiten" und steht plötzlich Rosa gegenüber. Der Prinz bedrängt sie; halb gezwungen, halb verführt folgt sie ihm.

Friedrich zieht sich in tiefste Gebirgseinsamkeit zurück. Im Krieg schließt er sich dem Landsturm an, kämpft tapfer, wird verwundet – und fühlt sich im Gefecht so wohl wie nie zuvor. In einer Kampfpause sieht er Marie wieder, auf dem Schoß eines feindlichen Offiziers. Auf der Verliererseite irrt er güterlos und geächtet durchs Land. In der Nähe von Romanas Stammschloss trifft er die halb verrückte Gräfin, die sich in ihrem eigenen Wald verirrt hat. Er führt sie heim. Sie zündet das Schloss an und erschießt sich. An einer abgelegenen Mühle hört Friedrich eine Stimme singen "In einem kühlen Grunde" und findet Julie, die den ebenfalls verwundeten Leontin pflegt und gerettet hat. Nachts geht er einem weiteren Gesang nach und findet Erwin sterbend. Der Knabe verrät, Friedrich solle im Bergwald einen dunkeläugigen Mann mit langer Schramme über dem rechten Auge suchen. Als Friedrich den Wams öffnet, erschrickt er: Erwin ist ein schönes Mädchen, das ein Medaillon mit dem Bildnis der kleinen Angelina trägt. Julie hatte sie in Friedrichs Abwesenheit "Erwine" genannt. Auf dem Weg zum Mann mit der Schramme reiten die Freunde an der Residenz vorbei: Rosa zeigt sich, mit funkelndem Edelstein geschmückt, als Braut des Erbprinzen. Auf einem abgeschiedenen Waldschloss erkennt Friedrich im Mann mit der Schramme seinen wilden Bruder Rudolph. Rudolph erzählt: Am Abend vor seiner Flucht hatte eine Alte ihm, Angelina und einem vorbeireitenden jungen Reiter geweissagt, "eines von euch dreien wird den anderen ermorden". Rudolph wurde Söldner, überlebte eine Schlacht, verdiente sein Brot als Maler, suchte und fand Angelina, ging mit ihr nach Rom, wo sie eine Tochter Erwine gebar. Angelina verließ ihn mit dem Kind in Begleitung jenes Reiters; Erwine wurde unterwegs in einem Wirtshaus geraubt. Die Prophezeiung erfüllte sich: Rudolph duellierte sich mit Angelinas Mann, dem Grafen, der auf seinem Schloss umkam. Aus Rudolphs Beschreibung schließt Friedrich, Angelina könnte die weiße Frau sein.

In der Abgeschiedenheit kehrt sich Friedrich vom Weltleben ab und findet Kraft in der Religion: "Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und ungewaffnet trifft." Leontin heiratet Julie; das Paar verlässt Europa auf einem Schiff. Faber redet unbeeindruckt weiter über Poesie. Rudolph "kann nicht glauben" und geht nach Ägypten, dem Land der alten Wunder. Friedrich tritt in ein Kloster ein, um es niemals mehr zu verlassen. Einmal, während des Betens, wird in seinem Rücken eine verschleierte Dame ohnmächtig: In der Kirche liegt Rosa. Friedrich hat es nicht mehr bemerkt – "beruhigt und glückselig war er in den stillen Klostergarten hinausgetreten".

Stil↑

Der Roman bindet Prosa und Lied eng zusammen. Immer wieder unterbrechen eingelegte Gedichte das Erzählen. Darunter sind Verse, die als "O Täler weit, o Höhen", "In einem kühlen Grunde" oder "Es ist schon spät, es wird schon kalt" später als Volkslieder eigenes Leben gewannen. Die Figuren sprechen über Poesie, sie singen, sie reimen. Das macht den Roman streckenweise zur Bühne romantischer Lyrik.

Die Handlung folgt nicht der Logik des Alltags, sondern der Logik der Stimmungen. Schon Gustav Adolf Schöll schrieb 1832 an Eichendorff, das Buch habe "keinen Zusammenhang nach Art der Wirklichkeit in abgestuftem Verlaufe; sondern nur einen Zusammenhang in der Phantasie". Wald, Schloss, Strom und nächtliches Fest bilden wiederkehrende Räume. Geheimnisvolle Gestalten tauchen auf und verschwinden: der irrende Ritter, die weiße Frau, der dunkeläugige Bruder. Zufällige Begegnungen, vertauschte Identitäten, Medaillons und alte Prophezeiungen verknüpfen die Stränge.

Auch im Aufbau verweigert sich der Roman geradliniger Entwicklung. Die Hauptfigur reist weniger durch ein Land als durch eine Zeit – durch Adelsgesellschaften, Residenzen und Schlachtfelder einer Welt im Umbruch. Hermann August Korff hat darin weniger einen klassischen Entwicklungsroman gesehen als eine Form, die dem Barock näher stehe.

Rezeption↑

Der Weg zur Veröffentlichung verlief durch ein literarisches Netz. Friedrich Schlegel, Otto von Loeben und Friedrich de la Motte Fouqué setzten sich für die Drucklegung ein. Fouqué steuerte das Vorwort vom 6. Januar 1815 bei. Dorothea Schlegel soll den Titel Jean Pauls Titan entnommen und Eichendorff vorgeschlagen haben.

Das Urteil der Nachwelt fiel uneinheitlich aus. Eduard Höber befand 1894, "so leichtfertig, verworren und ziellos" wie der Roman es schildere, sei es in Deutschland nicht zugegangen. Ricarda Huch nannte das Buch 1902 "ein ungares Brei und schwer genießbar". Herman Anders Krüger sah 1904 im "bodenlosen Leichtsinn der Gebildeten" das eigentliche Bild der Zeit. Hans Brandenburg legte 1922 Goethes Wilhelm Meister als Maßstab an. Er urteilte, neben "Goethes Koloß" werde Eichendorffs Roman "zum Nippes".

Andere Stimmen lasen das Buch entschiedener als Zeitkritik. Paul Requadt hielt 1955 fest: "Eichendorffs Roman ist Kritik an der damaligen deutschen Elite." Schulz fasste zusammen, Friedrich durchquere nicht Deutschland im Sinne eines Ortswechsels, sondern schreite durch seine Zeit. Er sei angewidert vom geistig verarmten Adel der Residenz, suche immer wieder beim noch beschaulichen Landadel Halt und stehe schließlich besitzlos im Freiheitskampf. Sein Ausweg sei der Weg des geistlichen Ritters, denn bei Eichendorff stehe die Religion über der Kunst. Mehrfach wurde der Roman in die Nachfolge des Wilhelm Meister gestellt. Korff zog daraus den Schluss, Ahnung und Gegenwart gehöre eher in die Nähe des Barock. Kremer schließlich liest den Text als Reise Friedrichs in die eigene Kindheit und zieht Parallelen zu Tiecks Sternbald und zu Novalis' Heinrich von Ofterdingen.

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