1813
Das zerbrochene Ringlein
Überblick↑
Ein Liebesgedicht, das zum Volkslied wurde: Joseph von Eichendorff schrieb die Verse über die zerbrochene Treue eines verlassenen Liebenden. In der Mühle im Tal findet dieser ein Bild seines eigenen Schmerzes. Erstmals 1813 erschien das Gedicht unter dem Pseudonym Florens. Erst 1826 fand es unter dem heute geläufigen Titel Das zerbrochene Ringlein seinen Platz im Anhang der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts. Durch die Vertonung von Friedrich Silcher wurde es zu einem der meistgesungenen deutschen Lieder der Romantik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger Mann steht an einem kühlen Tal und blickt auf ein Mühlenrad, das sich unermüdlich dreht. An diesem Ort hat einst seine Geliebte gewohnt. Sie hatten einander Treue versprochen und einen Ring zum Zeichen ihres Bundes getauscht. Doch das Versprechen ist gebrochen. Der Ring, der dieses Bündnis besiegeln sollte, hält ihm nun den Verlust vor Augen. Aus seinem Schmerz heraus malt er sich aus, wie es nun weitergehen könnte: als fahrender Spielmann durch die Welt zu ziehen, als Reiter in eine blutige Schlacht zu gehen oder zur Ruhe zu kommen. Das Gedicht führt den Leser durch eine Folge solcher Wunschbilder. In ihnen verdichten sich Sehnsucht, Trauer und Unrast zu einer eindringlichen Stimmung.
Die Handlung im Detail↑
Das Gedicht beginnt mit dem berühmten Bild des kühlen Grundes, in dem ein Mühlenrad geht. Dort hat die Geliebte des Sprechers gewohnt, und dort ist sie auch verschwunden – nicht durch den Tod, sondern durch Treulosigkeit. Sie hatte ihm Treue versprochen und einen Ring zum Pfand gegeben; nun ist das Versprechen gebrochen, und der Ring ist entzwei.
Der Sprecher entwirft daraufhin verschiedene Lebenswege, die ihm in seiner Verzweiflung offenstehen. Er möchte als Spielmann hinaus in die weite Welt ziehen und sein Lied von Haus zu Haus tragen. Oder er möchte als Reiter in eine blutige Schlacht ziehen, an stillen Feuern im dunklen Feld liegen. Jede dieser Möglichkeiten ist zugleich Flucht vor dem Schmerz und Ausdruck der Sehnsucht nach einem Ende der Unrast.
Am Schluss horcht der Sprecher auf das Mühlenrad, das immer weitergeht, und gesteht, dass er am liebsten sterben möchte – dann wäre es endlich still. So mündet die Reihe der Wunschbilder in den Todeswunsch, der das Gedicht beschließt. Die Mühle, anfangs nur Landschaftsbild, wird damit zum Sinnbild eines Lebens, das sich weiterdreht, obwohl alles, was ihm Sinn gab, zerbrochen ist.
Die Entstehung wird häufig auf Eichendorffs Heidelberger Jahre 1807/08 zurückgeführt, als er eine unerfüllte Liebe zu Käthchen Förster erlebte, der Nichte seines Quartiergebers. An sie erinnert ein Gedenkstein am Heidelberger Philosophenweg. Eine andere Vermutung verlegt den Ursprung in das oberschlesische Bresnitz, wo eine Wassermühle das Vorbild geliefert haben soll. 1813 erschienen die Verse zunächst unter dem Pseudonym Florens und dem schlichten Titel Lied in der Anthologie Deutscher Dichterwald. Eichendorff übernahm sie auch in seinen 1812 verfassten und 1815 erschienenen Roman Ahnung und Gegenwart, wo sie erstmals unter seinem eigenen Namen gedruckt wurden. Den heute geläufigen Titel erhielt das Gedicht erst 1826, als es im Anhang der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts erschien.
Stil↑
Eichendorff wählt eine schlichte Liedform mit kurzen Strophen, eingängigem Reim und einer fast volkstümlichen Sprache. Schon die Eingangszeile „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad" hat den ruhigen, fast erzählenden Tonfall, der dem Gedicht seinen liedhaften Charakter verleiht. Bilder aus der Natur und dem ländlichen Leben tragen die Stimmung, ohne dass der Text in Reflexion abgleitet: das Tal, das Mühlenrad, der Ring, der Spielmann, das nächtliche Feld.
Charakteristisch ist die Verknüpfung von äußerer Landschaft und innerem Zustand. Die sich drehende Mühle wird zum Spiegel der quälenden Unrast des Sprechers. Der zerbrochene Ring wird zum sichtbaren Zeichen des gebrochenen Versprechens. Die Aneinanderreihung der Wunschbilder – Spielmann, Reiter, Tod – verleiht dem Gedicht einen ruhelosen Sog, der musikalisch wie inhaltlich überzeugt. Diese Mischung aus Schlichtheit, klarer Bildsprache und tiefem Gefühl macht das Gedicht zu einem Musterbeispiel romantischer Lyrik im Volksliedton.
Rezeption↑
Schon ein Jahr nach der Erstveröffentlichung wurde das Gedicht vertont. 1814 schuf Friedrich Glück eine Melodie. Durch den Chorsatz Friedrich Silchers für Männerstimmen gelangte sie unter dem Titel Untreue zu großer Bekanntheit. In dieser Fassung ging das Lied in den deutschen Volksgesang ein und wurde zu einem der populärsten Texte Eichendorffs überhaupt.
In der Folge griffen immer wieder Komponisten zu den Versen. Friedrich Nietzsche vertonte sie 1863 für Sprechstimme und Klavier. Max Reger schuf 1915 einen Satz für vierstimmigen gemischten Chor als Beitrag zum Kaiserliederbuch. Die Comedian Harmonists nahmen das Lied 1932 in einem Arrangement von Erwin Bootz auf Schellack auf. Im 20. Jahrhundert haben unter anderem Richard Tauber, Freddy Quinn, Roy Black, Heino, James Last, Mireille Mathieu, Max Raabe und Hannes Wader das Lied gesungen. Dazu kamen Chöre wie die Fischer-Chöre, das Renner-Ensemble, Singer Pur, Chanticleer und die King's Singers. Die Bandbreite der Interpreten zeigt, wie tief die Verse im musikalischen Gedächtnis verwurzelt sind – ein literarischer Text, dessen Wirkung sich vor allem über das gesungene Lied entfaltet hat.
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