1849
David Copperfield
Überblick↑
Der achte Roman von Charles Dickens erschien zunächst 1849 und 1850 als monatliche Fortsetzungsgeschichte, dann 1850 als Buch. Er gilt als eines seiner persönlichsten Werke. Dickens hat in die Lebensgeschichte des jungen David Copperfield viele Erfahrungen seiner eigenen Kindheit eingearbeitet, vor allem die bittere Zeit als arbeitendes Kind in London. Das Buch verbindet die Form des Bildungsromans mit einer breit angelegten Gesellschaftsschilderung des viktorianischen Englands. Bis heute zählt es zu den großen Kindheits- und Jugendromanen der Weltliteratur. Die ersten deutschen Übersetzungen von Julius Seybt und Carl Kolb erschienen schon 1849 bis 1851 beziehungsweise 1855.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
David Copperfield erzählt sein eigenes Leben von der Geburt an. Er kommt sechs Monate nach dem Tod seines Vaters im kleinen Ort Blunderstone in Suffolk zur Welt. Er wächst behütet bei seiner jungen Mutter Clara und der herzlichen Haushälterin Peggotty auf. Die ersten Kapitel zeichnen eine kindliche Idylle. Bald tritt mit dem stattlichen Mr. Murdstone ein Mann hinzu, der um Davids Mutter wirbt und Härte ins Haus bringt.
Eine erste glückliche Episode sind Ferien in Yarmouth bei Peggottys Bruder Daniel. Er lebt in einem zum Haus umgebauten Schiff am Strand. Dort lernt David die Waisenkinder Emily und Ham und die schwermütige Mrs. Gummidge kennen – eine bunt zusammengewürfelte Fischerfamilie, deren Geschichte den Roman bis zum Ende begleiten wird.
Zurück in Blunderstone beginnt für David eine schwere Zeit. Er wird auf das Internat Salemhouse geschickt. Dort lernt er den brutalen Direktor Creakle, den geprüften kleinen Tommy Traddles und den glanzvollen, älteren James Steerforth kennen. Später muss der Junge in London für einen Hungerlohn in einer Weinhandlung arbeiten. Als Untermieter kommt er zur Familie des wortgewandten, aber chronisch verschuldeten Wilkins Micawber. Aus dieser Not bricht David auf zu seiner exzentrischen Großtante Betsey Trotwood nach Dover. In deren Haus lebt auch der liebenswerte Sonderling Mr. Dick.
Davids Weg führt durch Schulzeit, Berufswahl, erste Liebe und langsam ins Erwachsensein. Immer wieder kreuzen sich seine Bahnen mit den Menschen aus Yarmouth, mit den Micawbers, mit Steerforth und Traddles. Der Leser darf dem Erzähler dabei zusehen, wie er aus Demütigungen, Verlusten und falschen Bewunderungen zu sich selbst findet.
Die Handlung im Detail↑
David wird in Blunderstone in Suffolk im Haus Krähenhorst geboren, sechs Monate nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters. Seine kindliche Mutter Clara und die Haushälterin Clara Peggotty kümmern sich liebevoll um ihn. Der Geschäftsmann Edward Murdstone umwirbt die junge Witwe, tritt zunächst freundlich auf, nimmt David sogar auf einem Ausflug zum Meer nach Lowestoft mit. Peggotty warnt ihre Herrin: So einer wie dieser hätte Mr. Copperfield nicht gefallen. Clara aber fühlt sich geschmeichelt und sucht in dem würdigen Mann einen Halt. Die Hochzeit wird rasch beschlossen; David soll nicht dabei sein und macht stattdessen mit Peggotty vierzehn Tage Ferien in Yarmouth.
Dort wohnen sie dicht am Meer in einem zum Haus umgebauten alten Schiff von Peggottys Bruder Daniel. David verlebt glückliche Tage am Strand mit Dans Nichte Emily, in die er sich verliebt, und mit seinem Neffen Ham – beides Waisenkinder, deren Väter beim Fischen ertranken. Mrs. Gummidge, die Witwe eines verunglückten Freundes, führt den Haushalt. Dan kümmert sich liebevoll um alle.
Erst nach der Rückkehr nach Blunderstone erfährt David vom Grund der Reise. Murdstone ist eingezogen und übernimmt die strenge Herrschaft. Er will Clara erziehen: zärtlicher Umgang mit dem Kind soll Distanz und Härte weichen. Bald holt Murdstone seine Schwester Jane ins Haus, die die Schlüsselgewalt an sich zieht. David bekommt einen festen Stundenplan, muss den Geschwistern täglich vortragen, verkrampft sich unter der Kontrolle und kann nichts mehr behalten. Als der Stiefvater ihn mit dem Rohrstock züchtigt, beißt David ihm in die Hand. Dafür wird er verprügelt, bekommt fünf Tage Stubenarrest und wird auf das Internat Salemhouse bei Blackheath geschickt.
Die Reise dorthin tritt er allein an. Ein listiger Kellner schwatzt ihm unterwegs Essen und Trinken ab. In Salemhouse herrscht der Direktor Mr. Creakle mit seinem einbeinigen Aufseher Tungay, der die Schüler nach Belieben prügelt. Murdstone hat sich mit Creakle abgesprochen, David besonders hart zu behandeln; der Junge muss ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht! Er beißt“ auf dem Rücken tragen. Glücklicherweise wird er Schützling des älteren, hochbegabten und selbstsicheren James Steerforth, vor dem alle Respekt haben. Den freundlich-überforderten Unterlehrer Mr. Mell dagegen bringt Steerforth in eine Konfrontation mit dem Direktor; David, der ihm von Mells Mutter im Armenspital erzählt hat, hält sich im Streit trotz seines Mitleids zurück, weil er Steerforth bewundert. Der gutmütige Mitschüler Tommy Traddles, der die meisten Prügel bezieht, wird im weiteren Verlauf des Romans Davids bester Freund.
In den nächsten Ferien erfährt David, dass seine Mutter einen kleinen Bruder zur Welt gebracht hat. Das Zusammenleben mit den Murdstones bleibt drückend. Kurz nach Ferienende erreicht ihn im Internat die Nachricht vom Tod der Mutter. In Yarmouth, wo ihn der Bestatter Omer einkleidet, erfährt er nebenbei, dass auch das Baby gestorben ist. Die Fahrt im Leichenwagen erlebt er als grotesken Kontrast zwischen seiner Trauer und der mit dem Gehilfen Joram scherzenden Bestattertochter Minnie. Zu Hause beachtet ihn der Stiefvater kaum mehr; nur Peggotty kümmert sich. Sie wird entlassen, heiratet den Fuhrmann Barkis, der sie lange umworben hat, und nimmt David vorübergehend mit nach Yarmouth, wo die Fischerfamilie ihn tröstet.
Murdstone schickt David schließlich nach London zur Weinhandlung Murdstone und Grinby, deren Mitinhaber er ist. Der Zehnjährige muss für einen Hungerlohn Flaschen reinigen und mit Wein abfüllen. Der Geschäftsführer Quinion bringt ihn als Untermieter bei der sechsköpfigen Familie Micawber unter. Wilkins Micawber ist Akquisiteur für die Weinhandlung, lebt aber über seine Verhältnisse und versteckt seine Schulden hinter weltmännischen Reden. Seine Frau Emma verpfändet nach und nach das Hausrat, glaubt jedoch fest an die große Begabung ihres Mannes. Beide sind gutherzige Lebenskünstler und schließen mit David Freundschaft; Mrs. Micawber lädt ihre Sorgen bei ihm ab. Als auch die kleine Bibliothek versilbert ist, muss Micawber mehrere Monate ins Kings-Bench-Schuldgefängnis. Nach der Einigung mit den Gläubigern zieht die Familie nach Plymouth, wo sie auf Verwandte hofft. Bevor er aufbricht, gibt Micawber David seine Lebensweisheit mit: Probleme nie aufschieben, nie mehr ausgeben als einnehmen – Grundsätze, die er selbst nie befolgt.
Ohne Freunde in London beschließt der Zehnjährige wegzulaufen. Auf Micawbers Rat will er zu seiner einzigen Verwandten, der Großtante Betsey Trotwood in Dover. Schon zu Beginn der Reise nimmt ihm ein Bursche, der den Koffer zur Kutschenstation tragen soll, das Geld ab und fährt mit dem Gepäck davon. So muss David den ganzen Weg über Canterbury zu Fuß zurücklegen, versetzt Weste und Jacke für Brot, schläft in Heuschobern und kommt am sechsten Tag erschöpft in Dover an.
Die Großtante nimmt ihn auf. Sie lässt Murdstone kommen und wirft ihm sein liebloses Verhalten vor: Er habe die naive junge Witwe Clara ausgenutzt und David um sein väterliches Erbe gebracht. Sein Angebot, den Stiefsohn mitzunehmen, lehnt sie ab. Vor Davids Geburt hatte sie sich um Clara kümmern wollen, war aber enttäuscht abgereist, weil keine Tochter Betsey, sondern ein Sohn zur Welt kam. Jetzt adoptiert sie den Jungen unter dem Namen Trotwood Copperfield und nennt ihn „Trot“. Ihr Wahlspruch für ihn lautet: Nie sei niedrig, nie sei unwahr, nie sei hartherzig. Im Haus lebt auch der liebenswürdige Sonderling Mr. Dick, eigentlich Richard Babley, dessen Gedanken sich immer wieder um den geköpften König Karl I. drehen.
Auch über die weiteren Stationen hinaus halten die Fäden des Romans: David besucht die Schule in Canterbury, trifft die Micawbers wieder, die schon wieder ein neues Projekt verfolgen, hält Verbindung zu Traddles und zu der Yarmouther Fischerfamilie, deren tragische Verstrickungen den Roman bis zum Schluss begleiten. Jahrzehnte später erfährt David noch von zwei Wendungen seiner Schulvergangenheit: Der frühere Unterlehrer Mell ist nach Australien ausgewandert, unterrichtet in Port-Middlebay und ist Vater vieler gebildeter Kinder. Der einst brutale Direktor Creakle dagegen leitet als Friedensrichter von Middlesex ein Reformgefängnis, in dem die Häftlinge zur Reue erzogen werden.
Stil↑
Dickens lässt David seine Geschichte selbst erzählen, in der Ich-Form und im Rückblick. Diese Erzählhaltung gibt dem Roman seinen warmen, persönlichen Ton. Der erwachsene Erzähler erinnert sich an den kleinen Jungen, den er einmal war, ohne die kindliche Sicht zu zerstören. Gerade die frühen Kapitel zeigen Dickens' Talent dafür, Stimmungen und Ängste eines Kindes greifbar zu machen.
Charakteristisch ist die große Zahl scharf gezeichneter Nebenfiguren mit unverwechselbaren Sprechweisen: der wortgewandt-schwülstige Micawber, die schroffe Tante Betsey, der weltabgewandte Mr. Dick, der prügelnde Creakle. Dickens arbeitet mit komischen und grotesken Momenten, etwa wenn David in seiner tiefen Trauer die scherzenden Gehilfen des Leichenbesorgers ertragen muss. Der Roman erschien zuerst in monatlichen Heften mit Illustrationen von Hablot Knight Browne, bekannt als „Phiz“. Dieser Fortsetzungscharakter spiegelt sich in der breiten, episodisch angelegten Erzählweise. Sie legt viele Schauplätze und Handlungsstränge nebeneinander und führt sie immer wieder zusammen.
Rezeption↑
David Copperfield gilt bis heute als einer der bedeutendsten Bildungsromane der englischen Literatur. Wegen seiner Schilderung der Demütigungen und Ängste der Kindheit zählt er zu den eindringlichsten Kindheits- und Jugendromanen der Weltliteratur. Dickens' Talent für die Darstellung von Stimmungen, Erlebnissen und Gefühlen junger Menschen zeigt sich hier besonders deutlich. Seine Kritik an der Missachtung des Kindes stellte er der Kritik an sozialen Missständen voran. Damit appellierte er an das Gewissen seiner Leser und wollte den Weg für soziale Reformen ebnen.
Die Nachwirkung reicht weit über die Literatur hinaus. Der Roman wurde immer wieder verfilmt, von den frühen Stummfilmen ab 1911 über George Cukors Hollywood-Verfilmung von 1935 bis zu Armando Iannuccis Kinofilm David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück von 2019. Auch die Popkultur greift auf das Personal des Romans zurück. Die britische Rockband Uriah Heep wählte bei ihrer Gründung 1969 ihren Namen nach der gleichnamigen Figur aus diesem Buch.
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