1917
Debdas
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wachsen in dem bengalischen Dorf Taalshonapur zwei Kinder gemeinsam auf. Debdas stammt aus einer reichen Familie, Parvati, genannt Paro, aus einer Brahmanenfamilie des Mittelstands. Als Debdas zum Studium nach Kalkutta geht und in den Ferien zurückkehrt, hat sich die vertraute Kameradschaft der Kindheit in etwas Tieferes verwandelt.
Parvati hofft auf eine Heirat. Nach dem Brauch der Zeit muss ihre Familie den Antrag stellen, und ihre Mutter wendet sich an Debdas' Mutter Harimati. Doch die Verbindung scheitert an Standesfragen und an den unterschiedlichen Mitgiftbräuchen beider Familien. Auch Debdas' Vater Narayan Mukherjee ist gegen eine so frühe Heirat seines Sohnes. Parvatis Vater Nilkantha Chakravarti fühlt sich gekränkt und sucht für seine Tochter einen noch wohlhabenderen Mann.
Als Parvati von den Heiratsplänen erfährt, sucht sie Debdas heimlich bei Nacht auf. Er ist überrascht und zugleich bewegt, doch sein Zögern hat Folgen. Der Roman verfolgt von hier aus, wie beide mit den Entscheidungen leben, die andere für sie getroffen haben. In Kalkutta begegnet Debdas später der Kurtisane Chandramukhi, die ihn auf ihre Weise liebt.
Die Handlung im Detail↑
Im britisch beherrschten Indien der frühen 1900er Jahre wachsen Debdas und Parvati im Dorf Taalshonapur als Nachbarskinder auf. Debdas geht für einige Jahre nach Kalkutta, um dort zu leben und zu studieren. Wenn er in den Ferien heimkommt, bemerken beide, dass ihre unschuldige Kinderfreundschaft zu Liebe geworden ist. Parvati sieht darin den Beginn eines gemeinsamen Lebens.
Parvatis Mutter trägt Debdas' Mutter Harimati den Heiratsantrag vor. Harimati mag Parvati sehr, hält jedoch nichts von einer Verbindung mit der Nachbarsfamilie. Deren Sitte ist es, die Mitgift von der Familie des Bräutigams zu nehmen, statt sie mit der Braut zu geben. Diese abweichende Tradition und der damit verbundene Ruf einer „handeltreibenden“ Familie geben den Ausschlag gegen Parvati. Debdas' Vater Narayan Mukherjee, der das Mädchen ebenfalls gern hat, will seinen Sohn ohnehin nicht so früh verheiraten. Parvatis Vater Nilkantha Chakravarti empfindet die Absage als Beleidigung und sucht einen noch reicheren Mann für seine Tochter.
Als Parvati von der geplanten Ehe hört, geht sie nachts allein zu Debdas, in der verzweifelten Hoffnung, er werde sie zur Frau nehmen. Er hatte sie nie als künftige Ehefrau gesehen; ihr kühner Besuch überrascht ihn, und ihr Schmerz geht ihm nahe. Er fasst sich ein Herz und sagt seinem Vater, er wolle Parvati heiraten. Der Vater lehnt ab. Verwirrt flieht Debdas nach Kalkutta und schreibt von dort einen Brief, in dem er vorschlägt, es bei der Freundschaft zu belassen. Wenige Tage später erkennt er, dass er mutiger hätte sein müssen. Er kehrt ins Dorf zurück und erklärt Parvati, er sei zu allem bereit, um ihre Liebe zu retten.
Doch die Hochzeitsvorbereitungen sind bereits weit gediehen. Parvati weist ihn zurück und hält ihm seine Feigheit und sein Schwanken vor. Nur um eines bittet sie ihn: Er solle sie noch einmal sehen, bevor er sterbe. Debdas gelobt es. Parvati wird mit dem Witwer Bhuvan Choudhuri verheiratet, einem älteren Gutsherrn aus Hatipota mit drei Kindern. Nach dem Tod seiner Frau war ihm sein Haus so leer erschienen, dass er sich zu einer neuen Ehe entschloss. Nach der Hochzeit verbringt er seine Tage vor allem mit religiösen Feiern und der Verwaltung seines Besitzes.
In Kalkutta führt Debdas' trinkfester Freund Chunni Lal ihn bei der Kurtisane Chandramukhi ein. Debdas beginnt in ihrem Haus schwer zu trinken. Sie verliebt sich in ihn und sorgt für ihn. Sein Gesundheitszustand verfällt durch Alkohol und Verzweiflung; es ist ein langsamer Selbstmord. In Gedanken vergleicht er die beiden Frauen immer wieder. Seltsamerweise fühlt er sich von Parvati verraten, obwohl sie ihm ihre Liebe zuerst gestanden hatte. Chandramukhi kennt den wahren Hergang und sagt ihn ihm. In nüchternen Stunden hasst er sie dafür und erträgt ihre Gegenwart nicht. Also trinkt er noch mehr, um sein Elend zu vergessen. Chandramukhi sieht alles und leidet schweigend. Sie erkennt hinter dem haltlosen Trinker den Mann, der er einmal war, und kann nicht anders, als ihn zu lieben.
Als Debdas spürt, dass der Tod naht, macht er sich nach Hatipota auf, um sein Versprechen einzulösen. In einer dunklen, kalten Nacht stirbt er vor Parvatis Tür. Als sie von seinem Tod erfährt, läuft sie zur Tür, doch ihre Angehörigen hindern sie daran, das Haus zu verlassen.
Stil↑
Angelegt ist das Buch als kurzer Roman, der seine Wirkung aus der Konzentration auf drei Figuren gewinnt. Die Erzählung folgt einem Dreieck: Debdas als der Liebende in der Trennung, Parvati als die verwehrte Jugendliebe und Chandramukhi als die Kurtisane, die sich wandelt. Der Verfall der Hauptfigur wird nicht in großen Szenen ausgestellt, sondern Schritt für Schritt entwickelt. Eindringlich schildert das Werk die gesellschaftlichen Bräuche, die im Bengalen der frühen 1900er Jahre galten und einer aufrichtigen, zarten Liebe den glücklichen Ausgang verwehrten. Die Figur der Paro geht auf eine wirkliche Person zurück: die zweite Frau des Gutsherrn Bhuvan Mohan Chowdhury. Der Autor soll das betreffende Dorf, Hatipota, selbst besucht haben.
Rezeption↑
Kaum ein anderer Stoff der indischen Literatur ist so oft für die Leinwand bearbeitet worden. Rund zwanzig Verfilmungen und mehrere Umsetzungen einzelner Lieder gehen auf das Buch zurück. Schon 1927 entstand eine Fassung unter der Regie von Naresh Mitra. In den 1930er Jahren verfilmte Pramathesh Chandra Barua den Stoff mehrfach, 1955 folgte die Fassung von Bimal Roy. Auch in Telugu wurde der Stoff aufgegriffen, etwa 1953 durch Vedantam Raghavaiah; 1965 folgte eine Fassung von Khwaja Sarfraz. Zu den bekanntesten neueren Bearbeitungen zählt der Film von Sanjay Leela Bhansali aus dem Jahr 2002, der im deutschen Sprachraum als Devdas – Flamme unserer Liebe lief. Anurag Kashyap verlegte die Geschichte 2009 mit Dev.D in die Gegenwart. Die Reihe der Bearbeitungen reißt bis heute nicht ab.
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