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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Decamerone
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Cover Decamerone
Decamerone
1353
– Werkseintrag –

Decamerone

1353 · Novelle

Zehn junge Florentiner fliehen vor der Pest aufs Land und vertreiben sich zehn Tage lang die Angst mit hundert Geschichten voller Liebe, List und Witz.

Überblick↑

Das Werk Decamerone von Giovanni Boccaccio ist eine Sammlung von hundert Novellen. Der Titel ist dem Griechischen nachgebildet und bedeutet „Zehn-Tage-Werk“. Das Buch trägt den Beinamen Principe Galeotto. Die Niederschrift fällt wahrscheinlich in die Jahre zwischen 1349 und 1353. Es gilt als stilbildendes Werk der Renaissance. Das Decamerone wurde zum Vorbild fast aller späteren Novellensammlungen des Abendlandes und zählt zu den Ursprüngen der italienischen Prosa.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zur Zeit der großen Pest, die im Jahr 1348 Florenz heimsucht, verlassen sieben Frauen und drei junge Männer die Stadt. Sie ziehen sich in ein Landhaus in den Hügeln bei Fiesole zurück, nur wenige Kilometer vom Stadtkern entfernt. Dort wollen sie dem Schrecken für eine Weile entkommen und sich gegenseitig unterhalten. An jedem Tag wählt die Gruppe eine Königin oder einen König. Diese Person gibt ein Thema vor, zu dem sich jeder eine Geschichte ausdenkt und erzählt. So kommen Tag für Tag zehn Erzählungen zusammen – Geschichten von Liebe und Leidenschaft, von Klugheit und List, von Glück und Unglück. Jeder Tag klingt mit dem Singen eines Liedes aus.

Die Handlung im Detail↑

Die Rahmenhandlung ist genau verortet. Im Frühjahr und Sommer 1348 wütet in Florenz der Schwarze Tod. Boccaccio schildert die Seuche ausführlich und schonungslos; diese Schilderung dient bis heute als historische Quelle über die Epidemie. Vor dieser Bedrohung fliehen sieben Frauen und drei Männer in ein Landhaus in den Hügeln zwischen Florenz und Fiesole.

Um die Tage zu füllen, geben sich die zehn eine feste Ordnung. An jedem Tag steht eine Königin oder ein König an der Spitze der Gesellschaft und bestimmt einen Themenkreis. Jeder der Anwesenden trägt dazu eine Novelle bei. Am Ende des Tages wird eine Kanzone gesungen. Die Themen wechseln von Tag zu Tag, und so entsteht ein weites Bild menschlichen Lebens.

Erzählt wird von Liebenden und klugen Frauen, von listigen Betrügern und überraschenden Schicksalswendungen. Eine der Geschichten des ersten Tages handelt vom weisen Juden Melchisedech, der einem Herrscher mit dem Gleichnis von drei nicht mehr zu unterscheidenden Ringen antwortet. Zu den berühmten Erzählungen gehören auch die Falkennovelle und die Geschichte von Cimone und Efigenia. Nach zehn Tagen und einhundert Novellen ist die Gefahr überstanden. Die Gruppe kehrt nach Florenz zurück.

Stil↑

Der Aufbau des Werks ist streng durchdacht. Er beruht auf der Zahl Zehn, die im Mittelalter als vollkommene Zahl galt – Bonaventura nannte sie numerus perfectissimus. Zehn Erzähler, zehn Tage und hundert Novellen ergeben ein geschlossenes Ganzes. Als Vorbild diente vor allem Dantes Göttliche Komödie, die in hundert Gesänge gegliedert ist.

Boccaccio schreibt in Prosa. Sein Ton reicht vom Feierlichen bis zum derben Scherz. Die Pestschilderung am Anfang ist nüchtern und realistisch gehalten.

Nach eigener Angabe hat Boccaccio die Geschichten nicht erfunden. Ihre Stoffe stammen aus den verschiedensten Quellen – aus der Antike, aus mittelalterlichen, vor allem französischen Legenden und Schwänken sowie aus älterer italienischer Erzähltradition. Boccaccio erzählt seine Vorlagen aber nicht bloß nach, sondern gestaltet sie neu.

Rezeption↑

Schon die Grammatiker und Rhetoriker der Renaissance hielten das Decamerone für ein Meisterwerk. Boccaccio wurde neben Dante und Francesco Petrarca zum Vorbild ihres eigenen Schaffens. Heute gilt das Werk als Ursprung der italienischen Prosa und als eines der Bücher, die die Weltliteratur nachhaltig geprägt haben.

Die Zahl seiner Nachahmer ist groß. Geoffrey Chaucer griff die Form in den Canterbury Tales auf, Margarete von Navarra im Heptaméron, Giambattista Basile im Pentameron und Miguel de Cervantes in den Novelas ejemplares. Auch François Rabelais, Christoph Martin Wieland mit dem Hexameron von Rosenhain, Johann Wolfgang von Goethe mit den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und Gottfried Keller mit Das Sinngedicht folgten dem Vorbild. Goethe schätzte das Buch sehr und verdeutschte den Namen des Autors zu „Boccaz“. Die Romantiker würdigten die Sammlung besonders; Honoré de Balzac ließ sich zu seinen Tolldreisten Geschichten anregen.

Einzelne Stoffe wirkten weiter. William Shakespeare verwendete sie in Cymbeline und Ende gut, alles gut; außerdem griffen Hans Sachs, Jonathan Swift und Josef Viktor Widmann auf das Werk zurück. Die Geschichte vom weisen Melchisedech und den drei nicht mehr unterscheidbaren Ringen liegt der Ringparabel in Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise zugrunde.

Über Jahrhunderte galt das Buch immer wieder als anstößig. Noch im 20. Jahrhundert entfernte die amerikanische Zollbehörde anstößige Stellen; erst ab 1931 durften die einzelnen Bundesstaaten selbst über ein Verbot entscheiden. Im Kino wurde der Stoff früh entdeckt. Nach dem Erfolg von Pier Paolo Pasolinis Verfilmung Decameron um 1970 erlebten Filme mit diesem Titel einen wahren Boom.

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