1313 – 1375
Giovanni Boccaccio
Kurzporträt↑
Giovanni Boccaccio gilt als einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller des 14. Jahrhunderts. Er war zugleich ein wichtiger Vertreter des frühen Renaissance-Humanismus. Sein Hauptwerk, das Decamerone, versammelt einhundert Novellen. Es zeichnet ein vielschichtiges Bild der Gesellschaft seiner Zeit. Damit begründete er die europäische Prosa-Erzähltradition und prägte die Novellistik nachhaltig. Geboren wurde er 1313 in Certaldo oder Florenz, gestorben ist er 1375 in Certaldo. Neben der Erzählkunst trat er als Dichter, Diplomat, Übersetzer und Biograf hervor.
Biografie↑
Die Umstände seiner Geburt sind nicht eindeutig geklärt. Boccaccio kam 1313 zur Welt, vermutlich in Florenz oder im nahe gelegenen Bergdorf Certaldo. Er war der uneheliche Sohn des Kaufmanns Boccaccio di Chellino. Seine Mutter starb kurz nach der Geburt. Später entstand eine Legende, die auch von ihm selbst gefördert wurde: Er sei in Paris als Sohn einer französischen Adligen namens Giovanna zur Welt gekommen. Bewiesen ist diese Erzählung bis heute nicht.
Als Kind lebte er in Florenz im Haus des Vaters. Dieser arbeitete für die Bankgesellschaft Compagnia dei Bardi. Mit etwa vierzehn Jahren schickte ihn der Vater nach Neapel in eine Filiale dieser Compagnia, damit er den Kaufmannsberuf erlerne. Die Jahre in Neapel bis 1340 prägten ihn tief. Der Vater wünschte, dass er sich dem Handel oder dem kanonischen Recht widme. Boccaccio aber folgte seiner Leidenschaft für die Literatur. Am Hof Roberts von Anjou lernte er den höfischen Lebensstil kennen. Er verkehrte mit Intellektuellen und bildete sich breit. In dieser Zeit entstanden seine ersten Werke in Vers und Prosa. Der zwischen 1336 und 1338 entstandene Filocolo gilt als einer der ersten volkssprachlichen Prosaromane. In ihm taucht erstmals die ideale Geliebte Fiammetta auf. Ihr reales Vorbild war vermutlich die neapolitanische Adlige Maria d'Aquino.
1340 kehrte Boccaccio aus finanziellen Gründen nach Florenz zurück und trat in den Staatsdienst ein. Zwischen 1345 und 1346 hielt er sich am Hof des Ostasio da Polenta in Ravenna auf. Im folgenden Jahr stand er in Forlì im Dienst des Francesco Ordelaffi. Das bürgerlich-städtische Umfeld war ganz anders als das höfische Leben in Neapel. Es wurde zur wichtigen Inspirationsquelle für seine literarische Arbeit. Den Höhepunkt dieses Jahrzehnts bildet das Decamerone. Er schrieb es in den Jahren nach der großen Pestepidemie, die Italien 1348 heimsuchte.
Im Herbst 1350 begegnete er erstmals Francesco Petrarca. Mit ihm schloss er eine tiefe Freundschaft, die ihr Briefwechsel bezeugt. Beide verband die Verehrung für die klassischen Autoren der Antike. Mit wachsendem Ruhm vertraute die florentinische Stadtverwaltung Boccaccio diplomatische Aufträge an. Diese führten ihn auf zahlreiche Reisen. Angeregt von Petrarca vertiefte er sein Studium der klassischen Texte. Um 1355 erhielt er freien Zugang zur Bibliothek von Montecassino, in der viele Werke der Antike überdauert hatten. Einige der kostbaren Kodizes schrieb er eigenhändig ab. Das belegen seine Notizbücher, die sogenannten Zibaldoni.
Um 1360 begann er, Griechisch zu lernen. Er erwirkte, dass in Florenz der erste Lehrstuhl für diese Sprache eingerichtet wurde. Er ging an Leontius Pilatus. Diesem vertraute Boccaccio zugleich die Übersetzung von Ilias und Odyssee ins Lateinische an. So wurden beide Werke einem breiteren Publikum zugänglich. Sein Interesse für die Antike veränderte auch seine eigene Produktion. In den späten Jahren verfasste er weniger erzählende Texte im Volgare. Dafür schrieb er mehr enzyklopädische und philologische Arbeiten in lateinischer Sprache.
Möglicherweise spielte auch eine religiöse Krise eine Rolle. Sie soll so tief gewesen sein, dass Boccaccio einige seiner Werke vernichten wollte, die er nun für unmoralisch hielt. Petrarca konnte ihn davon abhalten. Diese Darstellung steht allerdings im Widerspruch zu einer Tatsache: Noch um 1370 fertigte er eigenhändig Abschriften des Decamerone an. Bereits 1360 war er in den niederen Geistlichenstand eingetreten, wahrscheinlich aus finanzieller Not. 1362 begegnete er dem Kartäusermönch Gioachino Cianni aus Siena, der ihn zu einem frommen Leben bekehrte.
1373 trug ihm die Stadt Florenz auf, die Divina Commedia Dante Alighieris öffentlich zu lesen, zu erklären und zu kommentieren. Bereits zwanzig Jahre zuvor hatte er mit seiner Dante-Biographie den Kult um Dante befördert. 1374 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand wegen einer wahrscheinlichen Wassersucht. Deshalb musste er die Vorlesungen abbrechen. Er kam nur bis zum Beginn des 17. Gesangs des Inferno. Schließlich zog er sich nach Certaldo zurück. Dort arbeitete er an einigen Werken weiter und starb am 21. Dezember 1375.
Literarische Merkmale↑
Boccaccio experimentierte schon in seinen frühen, in Neapel entstandenen Arbeiten mit verschiedenen Genres und Stilen, in Vers wie in Prosa. Der zwischen 1336 und 1338 entstandene Filocolo gilt als einer der ersten volkssprachlichen Prosaromane. Er zeigt die Breite seiner Bildung. Wiederkehrend ist in diesen Jahren das Bild der idealen Geliebten Fiammetta, das er in mehreren Werken aufgreift.
Mit dem Decamerone schuf er ein Erzählwerk in der italienischen Volkssprache. Es verbindet hundert Novellen zu einem großen Ganzen und entwirft ein facettenreiches Porträt der Gesellschaft des 14. Jahrhunderts. Diese Form machte ihn zum Begründer der prosaischen Erzähltradition in Europa.
In seinen späteren Jahren verschob sich der Schwerpunkt. Unter dem Einfluss Petrarcas und der eigenen Antikenstudien schrieb Boccaccio weniger erzählende Texte im Volgare. Er wandte sich enzyklopädischen und philologischen Themen in lateinischer Sprache zu. Die Verehrung für die klassischen Autoren teilte er mit Petrarca. Sie prägt diese Phase ebenso wie die intensive Arbeit an alten Handschriften, von denen er einige eigenhändig abschrieb.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wuchs Boccaccios Ruhm weit an. So betraute ihn die florentinische Stadtverwaltung mit diplomatischen Aufträgen. Seine Dante-Biographie entstand etwa zwanzig Jahre vor seinem Tod. Sie entfachte den Kult um Dante Alighieri. 1373 beauftragte ihn die Stadt Florenz, die Divina Commedia öffentlich zu lesen und zu kommentieren. Das zeigt das hohe Ansehen, das er als Gelehrter und Vermittler genoss.
Auch über die eigene Erzählkunst hinaus wirkte Boccaccio in die europäische Bildungsgeschichte hinein. Er stieß die Einrichtung des ersten Griechisch-Lehrstuhls in Florenz an. Zudem gab er die lateinische Übersetzung von Ilias und Odyssee durch Leontius Pilatus in Auftrag. So machte er Homer einem weitaus breiteren Publikum zugänglich. Sein Briefwechsel mit Petrarca bezeugt die geistige Nähe der beiden frühen Humanisten. Er gehört zu den wichtigen Dokumenten dieser Epoche.
Sein Hauptwerk, das Decamerone, erhebt ihn zum Begründer der prosaischen Erzähltradition in Europa. Diese Wirkung reicht weit über sein eigenes Jahrhundert hinaus.
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