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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Johannes Bobrowski
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Porträt Johannes Bobrowski
Johannes Bobrowski
1917 – 1965
– Autorenporträt –

Johannes Bobrowski

1917 – 1965 · 48 Jahre

Johannes Bobrowski, aufgewachsen an der Memel in Ostpreußen, formte aus dem Wissen um die deutsche Schuld gegenüber Osteuropa ein unverwechselbares Werk aus Naturbildern und geschichtlicher Erinnerung – und veröffentlichte es zugleich in beiden deutschen Staaten.

Kurzbiografie↑

Als Lyriker und Erzähler gehört Johannes Bobrowski zu den unverwechselbaren Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur. Geboren 1917 in Tilsit, wuchs er in Ostpreußen auf und trug die Landschaft an der Memel mit ihrer preußisch-litauischen Mischkultur zeitlebens in sich. Aus dem Wissen um die deutsche Schuld gegenüber den Völkern Osteuropas formte er ein Werk, das Naturbilder und geschichtliche Erinnerung verbindet. Während der deutschen Teilung veröffentlichte er in beiden deutschen Staaten und verstand sich stets als deutscher Dichter jenseits der Grenze. Mit dem Preis der Gruppe 47 wurde er 1962 über beide Länder hinaus bekannt.


Biografie↑

Geboren wurde Johannes Konrad Bernhard Bobrowski am 9. April 1917 in Tilsit, dem heutigen Sowetsk in Russland. Die algorithmische Prüfung meldet hier einen Widerspruch zwischen den Quellen: Wikidata nennt als Geburtsort Sowetsk, die Deutsche Biographie Tilsit. Beide Angaben meinen denselben Ort, denn die ostpreußische Stadt Tilsit heißt heute Sowetsk.

Bobrowski stammte aus einer baptistischen, nationalkonservativ ausgerichteten Familie; sein Vater schlug eine Laufbahn in der Reichsbahnverwaltung ein. Laut der Deutschen Biographie wuchs er in bescheidenen bildungsbürgerlichen Verhältnissen auf. 1925 zog die Familie nach Rastenburg, 1928 nach Königsberg, wo Bobrowski das humanistische Stadtgymnasium Altstadt-Kneiphof besuchte. Sein Interesse galt früh kulturgeschichtlichen, künstlerischen und religiösen Fragen: Er zeichnete, spielte Geige, Klavier und Orgel, sang im Domchor und nahm Kompositionsunterricht. Anfang der 1930er Jahre entstanden erste eigene Texte. Prägend wurde die Beschäftigung mit dem Philosophen Johann Georg Hamann, dessen bildreicher Stil später zum Maßstab für sein eigenes Schreiben wurde.

Bestimmend blieb das evangelische Bekenntnis der Familie. 1930 trat Bobrowski einer bündischen Gruppe im Bund Deutscher Bibelkreise bei, 1934 wurde er, beeindruckt vom Theologen Hans-Joachim Iwand, Mitglied der Bekennenden Kirche. Zwischen 1929 und 1944 besuchte er alljährlich Verwandte in dem seit 1923 zu Litauen gehörenden Gebiet am nördlichen Memelufer. Diese archaische Landschaft und ihre preußisch-litauische Mischkultur rückten neben den Kriegserfahrungen später ins Zentrum seines Werks.

Nach dem Abitur 1937 musste er einen zweijährigen Militärpflichtdienst in Königsberg antreten, während die Eltern und die Schwester nach Berlin übersiedelten. Statt dort wie geplant Kunstgeschichte zu studieren, nahm Bobrowski ab 1939 in einem Nachrichtenregiment am Zweiten Weltkrieg teil: an der Besetzung Polens, am Westfeldzug und am Einmarsch in die Sowjetunion. 1941 wurde er in Kaunas Zeuge antisemitischer Pogrome. Eine NSDAP-Mitgliedschaft, die ihm einen längeren Studienaufenthalt ermöglicht hätte, lehnte er ab; ein Semester lang konnte er Ende 1941 dennoch Kunstgeschichte in Berlin studieren. Von 1945 bis 1949 war er sowjetischer Kriegsgefangener, unter anderem im Kohlebergbau. Ende 1949 wurde er nach Berlin-Ost entlassen, wo er bis zu seinem Tod in Berlin-Friedrichshagen lebte.

In Ost-Berlin arbeitete Bobrowski als Verlagslektor, zunächst für den Altberliner Verlag Lucie Groszer, einen Kinderbuchverlag, ab 1959 für die Belletristik des Union Verlags, des Buchverlags der Ost-CDU, deren Mitglied er wurde. 1955 erschienen in der von Peter Huchel geleiteten Zeitschrift Sinn und Form seine ersten Nachkriegsgedichte. Der Weg zum eigenen Buch war lang: Erst 1961 kam der Gedichtband Sarmatische Zeit in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart heraus, kurz darauf auch in der DDR. Auch die späteren Werke – der Gedichtband Schattenland Ströme, die Romane Levins Mühle und Litauische Claviere sowie die Erzählungen – erschienen sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR. Eine Trennung in ost- und westdeutsche Literatur lehnte er ab und verstand sich als deutscher Schriftsteller.

Ab 1960 nahm Bobrowski an den Treffen der Gruppe 47 teil und erhielt im Oktober 1962 deren Preis, wodurch er über beide deutsche Staaten hinaus bekannt wurde. Wegen seiner engen Kontakte in die westdeutsche Literaturszene wurde er in seinen letzten Jahren vom Ministerium für Staatssicherheit observiert. 1963 trat er dem Deutschen Schriftstellerverband der DDR bei. Verheiratet war er ab 1943 mit Johanna Buddrus; das Paar hatte vier Kinder. Am 2. September 1965 starb Bobrowski mit 48 Jahren an den Folgen einer perforierten Blinddarmentzündung. Er wurde auf dem Evangelischen Friedhof Friedrichshagen beigesetzt, seine Grabstätte ist heute ein Ehrengrab des Landes Berlin. Der literarische Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Bobrowskis Dichtung wurde die Bekanntschaft mit der osteuropäischen Landschaft, mit deutschen, baltischen und slawischen Kulturen sowie deren Sprachen und Mythen. Er selbst begründete das mit seiner Herkunft: Er sei um die Memel herum aufgewachsen, wo Polen, Litauer, Russen und Deutsche miteinander lebten, unter ihnen die jüdische Bevölkerung. Sein erklärtes Thema war das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Er wollte, wie er in einem Vortrag sagte, Verschuldungen benennen und Neigung zu den Litauern, Polen und Russen wecken, dabei auf möglichste Authentizität und Wirkung zielend.

Seine Gedichte zeichnen sich durch eine an Friedrich Hölderlin und Georg Trakl geschulte Naturbildlichkeit aus und durch eine klangliche Suggestivität, die sich von der Odendichtung Friedrich Gottlieb Klopstocks herleitet. Sie sind meist reimlos und ohne festes Metrum. Motivisch kreist das Werk um die mittelosteuropäische Landschaft zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, die Bobrowski unter dem Leitbegriff „Sarmatien“ fasste. Gesprochen wird aus der Grunderfahrung des Heimatverlustes und der Fremde. Das mahnende Eingedenken deutscher Schuld steht dabei in einem Spannungsverhältnis zur Trauer um die verlorene ostpreußische Kindheitslandschaft. Trotz ihrer großen Sinnlichkeit sind die Bilder oft abstrakt zusammengesetzt, denn es geht ihm stets um Exemplarisches, um die Aktualität des Vergangenen. Ob sich sein Anspruch auf Wirkung mit der Dunkelheit des Stils vereinbaren lässt, ist ein vieldiskutiertes Problem.

In seiner Lyrik wandte sich Bobrowski auch an Dichterkollegen und Künstler. Der Band Schattenland Ströme enthält Gedichte auf Hölderlin, Brentano, Else Lasker-Schüler oder Nelly Sachs; im Band Wetterzeichen finden sich Verse auf Klopstock, Johann Sebastian Bach oder Ernst Barlach. Seit den frühen sechziger Jahren entstanden kürzere Prosaarbeiten und die beiden Romane, die Themen und Schreibweisen der Gedichte aufnehmen. Sein Erzählen verortete Bobrowski selbst in einem Dreieck zwischen Hermann Sudermann, Robert Walser und Isaak Babel. Charakteristisch sind häufige Perspektivwechsel, Rückblenden, innerer Monolog und Bewusstseinsstrom sowie die ironische Brechung der Erzählillusion. Die Deutsche Biographie nennt seinen Stil unverwechselbar, voraussetzungsreich und von hoher sinnlicher Suggestion.


Rezeption↑

Nach langem Bemühen erschien 1961 mit Sarmatische Zeit Bobrowskis erste Buchveröffentlichung, zunächst in Stuttgart, kurz darauf in Ost-Berlin. Über Gedichtpublikationen in ost- und westdeutschen Zeitschriften und Anthologien wurde er rasch bekannter. Seine Werke erschienen nahezu zeitgleich in beiden deutschen Staaten und wurden dort jeweils ähnlich stark anerkannt; Übersetzungen in viele Sprachen folgten. Besondere Beachtung fanden die Romane Levins Mühle und Litauische Claviere.

Zahlreiche Schriftsteller, bildende Künstler und Komponisten bezogen sich auf ihn, unter ihnen Christa Wolf, Sarah Kirsch, Herta Müller, Wieland Förster und Georg Katzer. Nach Einschätzung der Deutschen Biographie verdankte insbesondere die Literatur der DDR seinem Werk starke stilistische und thematische Impulse. In der Verbindung literarischer Traditionen des 18. Jahrhunderts mit avantgardistischen Schreibweisen steht Bobrowski solitär in der deutschen Nachkriegsmoderne. Seine auf sinnliche Faszination zielende Wirkungsabsicht unterscheidet ihn von anderen Konzeptionen engagierter Literatur. Der ungarische Literaturhistoriker Gábor Szabolcsi schrieb anlässlich von Levins Mühle, das Streben nach Wahrheit diktiere Bobrowskis Werk, weshalb er sich außer an das Gewissen der Deutschen auch an das Gewissen Europas wenden könne.

Sein Nachleben ist auch institutionell verankert. Von 1992 bis 1998 verlieh das Land Berlin alle zwei Jahre eine Johannes-Bobrowski-Medaille, im Jahr 2000 wurde die Internationale Johannes-Bobrowski-Gesellschaft gegründet. Sein Werk liegt heute editorisch und wissenschaftlich umfassend aufgearbeitet vor.

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