1880 – 1952
Waldemar Bonsels
Biografie↑
Geboren wurde Bonsels am 21. Februar 1880 in Ahrensburg in Holstein, als zweites von fünf Kindern. Er stammte aus einem pietistisch geprägten Elternhaus, das den bürgerlichen Aufstiegswillen der Gründerzeit verkörperte. Sein Vater gab 1884 die Apotheke in Ahrensburg auf und studierte in Berlin Zahnmedizin; die Familie übersiedelte mehrfach. Über die Schulstationen gehen die Quellen etwas auseinander: Nach der Wikipedia besuchte Bonsels in Kiel die Oberrealschule am Knooper Weg und verließ sie 1896 im Alter von 16 Jahren ohne Abschluss, während die Deutsche Biographie berichtet, er habe 1897 in Lübeck das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. In seiner Schulzeit wurde sein jüngerer Bruder von einem Fünfzehnjährigen erschossen.
Anschließend absolvierte Bonsels eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als Kaufmann, unter anderem in einer Karlsruher Druckerei und in einem Stuttgarter Kunstverlag. In Bethel, Basel und England ließ er sich zum Missionskaufmann ausbilden. Im Auftrag der Basler Mission ging er 1903 nach Indien, blieb dort aber nur wenige Monate, von Oktober 1903 bis April 1904. Kurz nach seiner Rückkehr gründete er 1904 mit den Freunden Hans Brandenburg, Bernd Isemann und Carl Strauss den Verlag E. W. Bonsels und Co. in München-Schwabing. Noch im selben Jahr erschien dort sein offener Brief Mein Austritt aus der Baseler Missions-Industrie und seine Gründe, in dem er die Arbeit der Basler Mission in Indien kritisierte. Als Verleger gelang es ihm, mit Autoren wie Thomas Mann und Heinrich Mann öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Zu seinen ersten eigenen Veröffentlichungen zählte der Künstlerroman Ave vita, morituri te salutant von 1906.
Sein Privatleben war unstet. 1906 heiratete er Klara Brandenburg, die Schwester eines Mitverlegers, trennte sich aber bald von ihr. Wenige Jahre später heiratete er Elise Ostermeyer, über deren Vater er zur Basler Mission gekommen war. Aus beiden Ehen gingen jeweils zwei Söhne hervor. Anfang der 1910er Jahre zog Bonsels mit seiner Familie nach Oberschleißheim bei München. Dort verfasste er Die Biene Maja und ihre Abenteuer, das 1912 erschien und ihn weltberühmt machte. Im selben Jahr zog er sich aus dem Verlag zurück.
Im Ersten Weltkrieg war Bonsels Kriegsberichterstatter des Kriegspresseamtes des Großen Generalstabes, zunächst in Galizien, später im Baltikum. 1918 kaufte er ein Haus in Ambach am Starnberger See, wo er bis zu seinem Tod wohnte. Seine Frau Elise und seine Söhne kamen nicht mit, da Bonsels ein Leben ohne Familie bevorzugte; die Ehe wurde geschieden. Mit der Tänzerin Edith von Schrenck hatte er einen weiteren Sohn, heiratete sie aber nicht. 1925 begleitete er den Dokumentarfilmer Adolph von Dungern auf einer Filmexpedition nach Brasilien, kehrte aber wegen Krankheit vorzeitig nach Europa zurück. In den 1920er Jahren wurde Bonsels zu einem der meistgelesenen Autoren Deutschlands; bis in die 1940er Jahre veröffentlichte er in ein- bis zweijährigen Abständen neue Bücher und hielt Vorträge in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA.
Bonsels war als Antisemit bekannt, woraus sich eine Nähe zum Nationalsozialismus ergab. Anders als viele Autoren der Weimarer Avantgarde erhielt er kein Schreibverbot, sondern wurde in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen. Nach den Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 veröffentlichten die Zeitungen seinen vom Propagandaministerium zugesandten Artikel NSDAP und Judentum. Darin begrüßte er das Ende des „überhandnehmenden Einfluß jüdischen Wesens“ in der Kultur und nannte den Einfluss der Juden einen „tödlichen Feind“. Bonsels erfuhr im Nationalsozialismus keine Einschränkungen seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Ob seine Bücher am 10. Mai 1933 verbrannt wurden, ist nach der Deutschen Biographie nicht erwiesen und vermutlich ein Gerücht; auf „Schwarzen Listen“ für Büchereien standen jedoch seine Werke außer Biene Maja und Himmelsvolk. Dank der Protektion von Hanns Johst, dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, verschwand sein Name bald von diesen Listen. Während des Zweiten Weltkriegs gab er die kriegspropagandistischen Münchner Feldposthefte heraus und arbeitete zeitweise als Autor und Lektor für die Münchner Lesebogen. 1943 erschien sein Roman Der Grieche Dositos zunächst als kleiner Privatdruck; ein Exemplar sandte er dem Reichsinnenminister Wilhelm Frick und hob dabei eine beabsichtigte antisemitische Wirkung hervor.
Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde Bonsels in der amerikanischen und britischen Besatzungszone mit einem Publikationsverbot belegt. 1947 trat er im Entnazifizierungsverfahren von Henriette von Schirach als Entlastungszeuge auf. Er überarbeitete Dositos und veröffentlichte das Werk 1948 neu, 1952 unter dem Titel Das vergessene Licht. 1949 erkrankte er an Lymphogranulomatose, im Jahr darauf heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Rose-Marie Bachofen. Am 31. Juli 1952 starb Bonsels in seinem Haus in Ambach am Starnberger See; seine Urne wurde im Garten beigesetzt. Zum genauen Sterbeort weichen die Quellen ab: Wikidata verzeichnet Münsing, die DNB Münsing-Ambach.
Literarische Merkmale↑
Weltruhm erlangte Bonsels durch seine beiden Kinderbücher Die Biene Maja und ihre Abenteuer von 1912 und Himmelsvolk von 1915. Nach der Deutschen Biographie nehmen sie Motive der romantischen Blumen-, Tier- und Elfenmärchen wieder auf, führen sie fantasievoll weiter und verbinden damit unauffällig belehrende Absichten. Auf einer Website der schleswig-holsteinischen Landesregierung werden seine Bücher der Neuromantik zugerechnet.
Ein durchgängiges Thema seines Werks ist das Verhältnis des Einzelnen zur großen, umfassenden Einheit der Natur, der ein unbedingtes Herrschaftsrecht zuerkannt wird. Das Seelische und Geistige im Menschen fügt sich nach dieser Vorstellung der Natur als ein Teil von ihr ein; abgelöst von ethischen Forderungen erscheint das Böse als eine ebenso notwendige Wirkungsmacht wie das Gute. Aus Elementen des Christentums und verschiedener orientalischer Religionen entwickelte Bonsels einen Lichtglauben, in dem seine Naturmystik ihren höchsten Ausdruck finden sollte. Dieses weltanschauliche Anliegen prägt zahlreiche Erzählungen und Reiseschilderungen, so den Romanzyklus Mario von 1938, den Zyklus Notizen eines Vagabunden von 1930 und die Indienfahrt von 1917. Im späten Roman Das vergessene Licht übertrug er seine Grundgedanken auf die biblische und historische Stoffwelt und sehnte eine Vereinigung griechischen Geistes mit dem Christentum herbei. Kritisch gesehen wird der Antisemitismus mancher Schriften: In dem historischen Roman Dositos erzählte er das Wirken Christi nach und lastete dessen Kreuzestod den Juden an; die 1941 herausgegebene Anthologie Der Hüter der Schwelle. Die Welt des Novalis enthält nach dem Literaturwissenschaftler Herbert Uerlings offene rassistische Hetze gegen Heinrich Heine.
Rezeption↑
Seine schriftstellerischen Bemühungen führten Bonsels zu schnellem Erfolg, wie die Deutsche Biographie festhält. Die allgemeine Anerkennung, die die beiden berühmten Kinderbücher fanden, erstreckte sich jedoch nicht auf sein übriges Werk, dessen Beurteilung zwischen enthusiastischer Verehrung und harter Ablehnung schwankte. Mit seinen Erzähl- und Romanzyklen stieg er zu einem der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der Weimarer Republik auf und wurde auch in den USA viel gelesen.
Später geriet Bonsels in Vergessenheit, wurde aber durch die Fernsehserie Die Biene Maja in den 1970er Jahren erneut bekannt. An mehreren Orten erinnern Straßennamen an ihn: seit 1932 ein Waldemar-Bonsels-Weg in seiner Geburtsstadt Ahrensburg, eine Straße in Kiel und der Bonselsweg im Entstehungsort der Biene Maja, Oberschleißheim. Die 1977 gegründete Waldemar-Bonsels-Stiftung widmet sich seinem literarischen Erbe; ihr gehört seit 1978 auch sein ehemaliges Wohnhaus in Ambach, in dem ein Erinnerungsraum mit seinem Schreibtisch und seiner Bibliothek eingerichtet wurde.
In der heutigen Auseinandersetzung stehen sein Antisemitismus und sein politischer Opportunismus im Vordergrund. Das Literaturhaus München führte 2011 gemeinsam mit der Waldemar-Bonsels-Stiftung die Tagung 100 Jahre Biene Maja – Waldemar Bonsels' Literatur und ihre Folgen durch; die Berichterstattung darüber rückte seinen Antisemitismus und sein Verhältnis zum Dritten Reich in den Mittelpunkt.
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