1921 – 1947
Wolfgang Borchert
Kurzporträt↑
Wolfgang Borchert (1921–1947) gilt als die markanteste Stimme der deutschen Trümmerliteratur. In nur knapp zwei Jahren am Krankenbett schrieb er die Kurzgeschichten und das Heimkehrerdrama, die seinen Ruhm begründeten. Dazu zählen Das Brot, Nachts schlafen die Ratten doch und vor allem Draußen vor der Tür. Dessen Uraufführung erlebte er nicht mehr. Sein Werk gab einer ganzen Generation heimgekehrter Soldaten eine Sprache und wurde rasch zur Schullektüre. Mit nur 26 Jahren starb Borchert in Basel an den Folgen einer im Krieg zerstörten Gesundheit.
Biografie↑
Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg-Eppendorf geboren. Er war das einzige Kind des Volksschullehrers Fritz Borchert und der plattdeutschen Heimatschriftstellerin Hertha Borchert. Zur Mutter pflegte er zeitlebens ein sehr enges Verhältnis. Das Verhältnis zum kränkelnden Vater galt als konfliktbeladen. Schwache Vaterfiguren und die Sehnsucht nach der Mutter wurden später wiederkehrende Motive seines Werks. Er besuchte die Erikaschule in Eppendorf, an der auch sein Vater unterrichtete, und wechselte 1932 auf die Oberrealschule an der Hegestraße.
Mit 15 Jahren begann Borchert Gedichte zu schreiben, oft fünf bis zehn am Tag. Er nannte sich, in Anlehnung an Rilke, „Wolff Maria Borchert" und hielt sich für ein Genie. Seine Jugendlyrik war pathetisch und imitierte wechselnde Vorbilder von Rilke und Hölderlin bis Benn, Trakl oder Lichtenstein. Peter Rühmkorf nannte ihn rückblickend einen „Allesversucher und Nichtskönner". 1938 erschien Borcherts erstes Gedicht im Hamburger Anzeiger. Im selben Jahr verließ er die Schule ohne Abschluss, weil seine Leistungen mit zunehmender Liebe zur Literatur immer schlechter geworden waren. Eine Hamlet-Aufführung mit Gustaf Gründgens am Thalia Theater im Dezember 1937 hatte in ihm den Wunsch geweckt, Schauspieler zu werden. Auf Drängen der Eltern begann er 1939 zunächst eine Buchhändlerlehre bei Heinrich Boysen. Nebenher nahm er Schauspielunterricht bei Helmuth Gmelin.
Im April 1940 wurde Borchert erstmals von der Gestapo festgenommen und über Nacht verhört. Man warf ihm vor, in Gedichten die Homosexualität zu verherrlichen. Im Dezember 1940 brach er die Buchhändlerlehre ab und bestand im März 1941 seine Schauspielprüfung. Anfang April wurde er an der Landesbühne Osthannover in Lüneburg engagiert, einem Tourneetheater, an dem er meist kleine Rollen spielte. Diese knappen drei Monate nannte er später „eine kurze, wunderbare Theaterzeit". Die Einberufung zur Wehrmacht im Juni 1941 riss ihn aus seinem „Lebenstraum".
Nach der Grundausbildung bei Weimar nahm Borchert mit der Heeresgruppe Mitte am Angriff auf die Sowjetunion teil. Im Dezember 1941 wurde er an die Front bei Smolensk abkommandiert. Am 23. Februar 1942 kehrte er mit einer Schussverletzung an der linken Hand von einem Postengang zurück. Der Mittelfinger musste amputiert werden. Sein Vorgesetzter äußerte den Verdacht der Selbstverstümmelung. Der Vorfall wurde nie aufgeklärt. Im Juni 1942 wurde er deswegen verhaftet. In Nürnberg forderte die Anklage die Todesstrafe, das Gericht sprach ihn jedoch frei. Wegen seiner regimekritischen Briefe wurde er anschließend nach dem Heimtückegesetz angeklagt und zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Später wurde die Strafe in sechs Wochen verschärften Arrest mit „Frontbewährung" umgewandelt. Die hundert Tage in der Einzelzelle bildeten den Stoff für die Erzählung Die Hundeblume.
Im November 1942 erreichte Borchert erneut die Front und nahm an den Kämpfen um Toropez teil. Dort zog er sich Erfrierungen zweiten Grades, eine Gelbsucht und einen schweren fieberhaften Infekt zu. Über das Seuchenlazarett in Smolensk kam er im März 1943 ins Reservelazarett Elend im Harz. Im Juli 1943 erschien mit Requiem für einen Freund sein erster Prosatext im Hamburger Anzeiger. Bei einem Heimaturlaub im August 1943 fand er Hamburg nach den Luftangriffen zerstört vor. Dieser Schock klingt in mehreren Texten nach. Nach einer weiteren Denunziation in der Garnison wurde er laut der Deutschen Biographie 1943 in Berlin-Moabit zu neun Monaten Haft mit erneuter Frontbewährung verurteilt. Nach einem letzten Kriegseinsatz im Frühjahr 1945 kehrte er „schon vom Tode gezeichnet" nach Hamburg zurück.
Dort versuchte er sich kurz als Regieassistent und Kabarettist, ehe ihn die Krankheit endgültig ans Bett fesselte. Zwischen Januar 1946 und September 1947 entstanden zahlreiche Kurzgeschichten. In acht Tagen schrieb er das Drama Draußen vor der Tür. Seine Verleger Ernst Rowohlt, Henry Goverts und Emil Oprecht ermöglichten ihm einen Kuraufenthalt in der Schweiz. Am 18. September 1947 reiste er aus Hamburg ab und wurde in Basel ins St. Claraspital eingeliefert. Dort schrieb er, wenige Tage vor seinem Tod, den Mahnruf Dann gibt es nur eins! Wolfgang Borchert starb am 20. November 1947 an den Folgen einer schwer geschädigten Leber. Einen Tag später wurde Draußen vor der Tür in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Im Februar 1948 fand seine Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. In der Tatsachen-Zeile umstritten ist das genaue Sterbedatum. Wikidata und Wikipedia nennen den 20. November 1947, die Deutsche Biographie weist den 20. September 1947 aus.
Literarische Merkmale↑
Borcherts Stil ist geprägt von kurzen, abgehackten Sätzen. Dieses Stakkato entsteht durch Ellipsen, Parataxen, eigenwillige Interpunktion und durch Konjunktionen oder Adjektive am Satzanfang. Die schnelle Abfolge der Sätze soll die Erregung der Figuren ausdrücken oder Spannung erzeugen. Die Wiederholung von Satzgliedern unterstreicht die Dringlichkeit des Gesprochenen. Häufig steigert er die Intensität durch eine Klimax, gelegentlich schwächt er sie durch die Antiklimax ab. Zur Hervorhebung dienen Alliterationen, etwa in Schischyphusch, wo der Onkel als „Breit, braun, brummend, basskehlig, laut, lachend, lebendig" erscheint. Daneben fallen Komposita, Neologismen und kunstvoll gesetzte Attribute auf.
Rhetorische Figuren durchziehen sein gesamtes Werk. Dazu zählen Personifikationen, bei denen eine Latte aufseufzt oder eine Tür weint, außerdem Metaphern, Vergleiche, Hyperbeln und Allegorien wie in Draußen vor der Tür, wo die Toten „wie die Fliegen" an den Wänden des Jahrhunderts kleben. Borchert schreibt überwiegend vom Leid der Kriegsopfer. Dennoch finden sich humoristische Züge in Geschichten wie Schischyphusch oder Der Stiftzahn, und sein Drama arbeitet auch mit Ironie, Sarkasmus und Satire. Die Alltagssprache verleiht den Figuren Authentizität und zeichnet sie als Durchschnittsmenschen.
Eine zentrale Rolle spielt die Symbolik, vor allem die Farbsymbolik. Grün steht meist für Leben und Hoffnung, Gelb wirkt lebensbejahend. Rot bezeichnet seltener die Liebe als den Krieg, Blau sowohl Kälte als auch Nacht. Die unbunten Farben sind überwiegend negativ besetzt. Grau steht für das Unbestimmte und Pessimismus, Weiß für Krankheit und Kälte, Schwarz für Düsternis und Bedrohung.
Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass Borchert „der unmittelbarste und überzeugendste Sprecher seiner Generation" sei. Seine schlichte Sprache sei gerade durch die Einfachheit der Bilder und die wiederkehrenden Variationen eines Gedankens „von unvergleichlich suggestiver Wirkung". Borchert selbst beschrieb das Entstehen seiner frühen Gedichte als „kurzen Rausch". Er brauche dafür kaum mehr Zeit, als nötig sei, die gleiche Menge Worte aus einem Buch abzuschreiben. Hinterher feilen oder ändern könne er nicht.
Rezeption↑
Die Erstausstrahlung der Hörspielfassung von Draußen vor der Tür am 13. Februar 1947 im Nordwestdeutschen Rundfunk machte Borchert quasi über Nacht bekannt. Der Sender erhielt eine ungewöhnlich hohe Zahl an Hörerbriefen, die von begeisterter Zustimmung bis zu heftiger Ablehnung reichten. Alle westdeutschen und West-Berliner Sender übernahmen das Stück. Die Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen einen Tag nach Borcherts Tod ließ seine Popularität postum weiter wachsen. Der Spiegel resümierte: „Selten hat ein Theaterstück die Zuschauer so erschüttert wie Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür." Hellmuth Karasek wertete die Uraufführung gemeinsam mit Carl Zuckmayers Des Teufels General und Günther Weisenborns Die Illegalen als „Beginn des Dramas in der Bundesrepublik".
Die Wirkung wurde immer wieder eher dem Zeitbezug als dem rein literarischen Rang zugeschrieben. Borcherts Biograf Helmut Gumtau urteilte, der Erfolg sei „nicht im Dichterischen begründet" gewesen. Borchert habe „das Glück der rechten Stunde" gehabt und mit Hans Quest den richtigen Sprecher gefunden. Jan Philipp Reemtsma sah einen Grund für die positive Aufnahme im abwehrenden Umgang mit der Schuldfrage. Das Stück liefere „die Formeln und Bilder, mit deren Hilfe sich ein deutsches Publikum von seiner Vergangenheit lossagen konnte, ohne die Frage nach Verantwortung und Schuld zu stellen". Für Bettina Clausen wurde Borchert nach 1945 zum „kollektiv so dringend benötigten Identifikationsmodell". Die Verschmelzung von Tod und Ruhm machte ihn zu einem bis heute überdauernden Mythos. Bald wurden Vergleiche mit dem ebenfalls früh verstorbenen Georg Büchner gezogen.
Anders als viele Werke der Trümmerliteratur überdauerte Borcherts Schreiben die unmittelbare Nachkriegszeit. In den 1950er und 1960er Jahren verlagerte sich das germanistische Interesse vom Drama auf die Prosa. Seine Kurzgeschichten – Das Brot, An diesem Dienstag, Nachts schlafen die Ratten doch – wurden zur häufigen Schullektüre. Mit der Wahrnehmung als „Schulbuchautor" ging das wissenschaftliche Interesse in Deutschland zurück. Die Borchert-Forschung verlagerte sich überwiegend ins Ausland. In der DDR wandelte sich die Bewertung in den 1960er Jahren. Der zunächst abgelehnte Borchert wurde nun als Kämpfer gegen Imperialismus und Faschismus gefeiert. Sein Aufruf Dann gibt es nur eins! mit der wiederholten Formel „Sag NEIN!" wurde laut Michael Töteberg „Borcherts bekanntester Text" und auf zahlreichen Demonstrationen der Friedensbewegung deklamiert.
Borcherts Einfluss auf andere Schriftsteller begann mit der Gruppe 47. Zu deren zweiter Tagung hatte Hans Werner Richter ihn noch im November 1947 eingeladen. Alfred Andersch bezeichnete die Ausrichtung der frühen Gruppe als „Borchertismus". Heinrich Böll bekannte sich im Nachwort zur Taschenbuchausgabe zu Borchert, der ausgesprochen habe, „was die Toten des Krieges, zu denen er gehört, nicht mehr sagen konnten". Spätere Autoren wie Dieter Wellershoff und Wilhelm Genazino fühlten sich von seinen Texten „elektrisiert". Jürgen Fuchs machte Borcherts Zeile „Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin" zum Motto seines Widerstands in der DDR. 2006 zitierte der Film Das Leben der Anderen Borcherts Gedicht Versuch es.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →