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Porträt Jorge Luis Borges
Jorge Luis Borges
1899 – 1986
– Autorenporträt –

Jorge Luis Borges

1899 – 1986 · 86 Jahre

Argentinischer Schriftsteller, der in knappen phantastischen Erzählungen und Essays mit Unendlichkeit, Büchern und den Grenzen der Wirklichkeit spielte – einer der prägenden Erneuerer der Weltliteratur im 20. Jahrhundert.

Kurzporträt

Zu den zentralen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges (1899–1986). Bekannt wurde er vor allem durch seine phantastischen Erzählungen und Essays. Er gilt als einer der wichtigsten Erneuerer der Fantastischen Literatur und als Vorläufer des Magischen Realismus. In seinen kurzen, dicht gebauten Texten verbinden sich Belesenheit, philosophisches Denken und ein Spiel mit den Grenzen von Wirklichkeit und Erfindung. Seine erkenntnistheoretischen Anschauungen sind vom Idealismus geprägt. Sie durchziehen sowohl seine Erzählungen als auch seine Essays. Mit dem Schriftsteller Adolfo Bioy Casares verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Er gehörte zu den prägenden Autoren der Zeitschrift Sur.


Biografie

Geboren wurde Borges am 24. August 1899 in Buenos Aires, wo er auch aufwuchs. Er stammte aus einer wohlhabenden argentinischen Familie. Sein Vater, Jorge Guillermo Borges (1873–1938), war Rechtsanwalt, Dozent für Philosophie und Psychologie sowie Verfasser eines Romans, mehrerer Essays, Erzählungen, eines Dramas und von Gedichten. Außerdem übertrug er Edward Fitzgeralds Bearbeitung der Vierzeiler von Omar Chayyām. Im Elternhaus wurde Englisch und Spanisch gesprochen, denn die Mutter des Vaters, Fanny Haslam, stammte aus Staffordshire. So las der junge Borges früh auch englische Bücher aus der mehrere tausend Bände umfassenden Bibliothek seines Vaters. Den Don Quijote etwa las er zuerst auf Englisch. Seine Mutter, Leonor Acevedo Haedo (1876–1975), war in Uruguay geboren und ebenfalls zweisprachig. Sie übersetzte Werke von Katherine Mansfield, Herbert Read und William Saroyan ins Spanische. Von Anfang an förderte sie die künstlerischen Interessen ihrer Kinder. Auch Borges’ Schwester Norah wurde Malerin.

Sein Großvater väterlicherseits, Francisco Borges, war Oberst und fiel 1874 beim gescheiterten Aufstand von Bartolomé Mitre in der Schlacht von La Verde. Borges verehrte ihn als Helden. Dessen Schicksal kommt in mehreren Gedichten zur Sprache, darunter Al coronel Francisco Borges.

Ab 1914 verbrachte Borges sieben Jahre in der Schweiz, weil sich sein Vater dort einer Augenoperation unterzog. Am Genfer Collège Calvin lernte er unter anderem Deutsch, Latein und Französisch. Seine Liebe zur deutschen Sprache und seine Bewunderung für deren Ausdruckskraft hielt er später in seiner Ode an die deutsche Sprache fest. Anschließend studierte er in Spanien, wo er mit einigen zeitgenössischen Dichtern in Kontakt kam. Mit etwa fünfzig Jahren war Borges vollständig erblindet. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, mit Hilfe von Freunden noch über mehrere Jahrzehnte schriftstellerisch tätig zu sein. Ab 1955 war er Direktor der argentinischen Nationalbibliothek.

Borges verfügte über eine umfassende Bildung in Literatur und Philosophie. Er war mit den Sagas Skandinaviens, der altenglischen Sprache und der altnordischen Literatur vertraut, ebenso mit den Werken von Thomas De Quincey und Ralph Waldo Emerson, mit der Dichtung und Philosophie der Antike, dem deutschen Mittelalter, dem alten Fernen Osten und der Kabbala. Eine besondere Vorliebe hatte er für metaphysische Literatur, die er als einen Zweig der phantastischen Literatur ansah. Auch die Werke deutscher Philosophen wie Arthur Schopenhauer und Oswald Spengler waren ihm vertraut. Diese weite Kenntnis der literarischen Überlieferung vieler Kulturen spiegelt sich in der Vielfalt seines eigenen Werks wider.

Seine erste Ehe scheiterte nach wenigen Jahren. Kurz vor seinem Tod heiratete Borges seine langjährige literarische Sekretärin und Reisebegleiterin, die Autorin María Kodama (1937–2023), und bestimmte sie zur Nachlassverwalterin seines Werks. Er starb am 14. Juni 1986 in Genf im Alter von 86 Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Cimetière des Rois. Den Grabstein ziert ein Vers aus dem altenglischen Gedicht The Battle of Maldon – „and ne forhtedon na“, übersetzbar mit „… und keineswegs furchtsam“. Auf der Rückseite steht ein Auszug aus der Völsunga saga.


Literarische Merkmale

Einem größeren Publikum wurde Borges durch seine phantastischen Erzählungen bekannt. Daneben verfasste er zahlreiche Gedichte und Essays, gab Bücherkataloge und Zitatsammlungen heraus, arbeitete für Zeitschriften und war als Übersetzer tätig. Unter den Pseudonymen B. Suarez Lynch und H. Bustos Domecq veröffentlichte er Werke, die in Zusammenarbeit mit Adolfo Bioy Casares entstanden. Für seine Texte wählte Borges stets eine kurze Form: nur wenige sind länger als zehn oder fünfzehn Seiten. Er vertrat die Auffassung, dass auch Unterhaltungsliteratur literarisch wertvoll sein kann. Er schätzte die Kriminalromane von Arthur Conan Doyle ebenso wie die Dramen Shakespeares.

Viele seiner Werke spielen in Argentinien und beziehen sich immer wieder auf Ereignisse und Personen der argentinischen Geschichte. Dennoch lehnte Borges den Regionalismus in der Literatur strikt ab: Ein Schriftsteller müsse sich das gesamte Universum erschließen können. Im Mittelpunkt seiner Beschäftigung mit der Weltliteratur standen zwar europäische und nordamerikanische Autoren. Doch bezog er auch Werke aus anderen Kulturkreisen, etwa des Fernen Ostens, mit ein.

Ein ständiges Thema ist bei ihm die Unendlichkeit. In Der Unsterbliche etwa führt die Reise des Erzählers zu der Erkenntnis, dass ewiges Leben die ewige Wiederkehr des Gleichen bedeutet – und damit äußerste Langeweile und die Erstarrung alles Lebendigen. Borges beschäftigte zudem das Phänomen der Zeit und die Frage, wie der menschliche Verstand sie wahrnimmt und deutet. Auch deshalb interessierten ihn Traditionen aus allen Teilen der Erde, weil er sie als zeitlos empfand.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv sind Bücher. Borges machte sie immer wieder zu Hauptfiguren seiner Geschichten, etwa in Die Bibliothek von Babel, Das Sandbuch oder Tlön, Uqbar, Orbis Tertius. Oft geht von diesen Büchern eine phantastische Macht aus, die an den Grundfesten der Wirklichkeit rüttelt. Seine Erzählungen sind bevölkert von belesenen Gelehrten, die sich mit obskuren Schriften und Enzyklopädien auseinandersetzen. Das Zitieren realer wie erfundener Bücher samt Ort und Veröffentlichungsdatum ist ein Kennzeichen vieler seiner Texte. Zu seinen liebsten Stilmitteln gehörte die Täuschung, das Spiel mit dem Leser und die Vermischung von Wirklichkeit und Phantastik. Oft ist deshalb kaum zu entscheiden, ob ein erwähnter Schriftsteller von Borges erfunden oder real ist.


Rezeption

Als einer der Mitbegründer der lateinamerikanischen Phantastik nimmt Borges einen festen Platz in der Literaturgeschichte ein. Nach Angel Flores markiert sein Werk Universalgeschichte der Niedertracht aus dem Jahr 1935 die Geburtsstunde des Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur. Seine literarischen Essays geben einen umfassenden Einblick in die Weltliteratur.

Borges gilt als Vorläufer der Postmoderne und zählt zu den meistzitierten Autoren im Poststrukturalismus. Marianne Kesting beschrieb seine Grundidee so: „Borges ist besessen von der Vorstellung, der menschliche Geist habe ‚aus dem Nichts‘ eine Welt von Gedankensystemen geschaffen, die nun bis ins Unendliche fort weitere Gedankensysteme und dichterische Fiktionen erzeuge.“ Sein Werk wirkt über die spanischsprachige Literatur hinaus. Es hat das Nachdenken über Fiktion, Wirklichkeit und die Rolle des Lesers nachhaltig geprägt.

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