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Cover Fiktionen
Fiktionen
1944
– Werkseintrag –

Fiktionen

1944 · Erzählung

Kurze Geschichten über erfundene Bücher, geheime Gesellschaften und sich verzweigende Zeitläufe, die spielerisch die Grenze zwischen Erfindung und Wirklichkeit verwischen.

Überblick

Der Erzählband Fiktionen zählt zu den bekanntesten Werken des argentinischen Schriftstellers und Dichters Jorge Luis Borges. Er erschien 1944 in Argentinien beim Verlag Emecé Editores; der spanische Originaltitel lautet Ficciones. Das Buch gilt als Ausgangspunkt der modernen phantastischen Literatur Lateinamerikas. Die Geschichten sind in zwei Teilen angeordnet, deren erster Der Garten der Pfade, die sich verzweigen heißt und deren zweiter den Titel Kunststücke trägt. Das Magazin Der Spiegel zählt den Band zu den hundert besten Erzählwerken zwischen 1925 und 2025.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die Sammlung führt in kurzen Prosastücken durch eine Welt, in der sich Erfindung und Gelehrsamkeit unentwirrbar mischen. Jeder der beiden Teile beginnt mit einem Vorwort. Manche Stücke geben sich als wissenschaftlicher Aufsatz, als Rezension oder als Untersuchung aus und handeln von Büchern und Autoren, die es gar nicht gibt. Andere sind als Kriminal-, Spionage- oder phantastische Erzählungen angelegt.

So soll in Die Lotterie in Babylon eine geheime Gesellschaft seit Jahrhunderten das Schicksal der Menschen durch eine Lotterie lenken. In der Titelgeschichte Der Garten der Pfade, die sich verzweigen arbeitet ein Chinese im Ersten Weltkrieg als Spion für Deutschland und trifft auf einen Engländer, der ein rätselhaftes chinesisches Buch kennt. Die Erzählung Das unerbittliche Gedächtnis stellt einen jungen Mann vor, der nichts vergessen kann. In Der Tod und der Kompass glaubt ein Ermittler, hinter einer Reihe von Verbrechen ein geometrisches Muster zu erkennen. Und Das geheime Wunder zeigt einen zum Tode verurteilten Schriftsteller, der Gott um Zeit bittet, um sein Drama noch zu vollenden. Weitere Stücke tragen Titel wie Tlön, Uqbar, Orbis Tertius, Pierre Menard, Autor des Quijote oder Die Bibliothek von Babel.

Die Handlung im Detail

Der erste Teil versammelt phantastische Erzählungen und essayartige Stücke. In Die Lotterie in Babylon soll eine geheime Gesellschaft seit Jahrhunderten durch eine Lotterie über das Schicksal der Menschen entscheiden. Doch es bleibt ungewiss, welchen Einfluss diese Gesellschaft wirklich hat und ob sie überhaupt existiert. In der Titelgeschichte Der Garten der Pfade, die sich verzweigen arbeitet ein Chinese während des Ersten Weltkriegs als Spion für Deutschland. Er trifft auf einen Engländer, der das chinesische Werk Der Garten der Pfade, die sich verzweigen gelesen hat. Der Engländer erklärt ihm, dieses verwirrende Buch sei ein Labyrinth aus Symbolen, in dem verschiedene mögliche Zeitverläufe zugleich dargestellt werden. Währenddessen ist der Chinese dabei, eine symbolische Handlung auszuführen, die dem deutschen Geheimdienst eine verborgene Nachricht übermitteln soll. Daneben stehen Stücke wie Tlön, Uqbar, Orbis Tertius, Pierre Menard, Autor des Quijote, Die kreisförmigen Ruinen, Untersuchung des Werks von Herbert Quain und Die Bibliothek von Babel.

Der zweite Teil trägt die Überschrift Kunststücke. In Das unerbittliche Gedächtnis begegnet der Erzähler einem jungen Mann mit einem vollkommenen Gedächtnis. Dieser kann sich an jede Einzelheit jedes Tages erinnern und muss nichts aufschreiben. Doch weil er nichts vergessen kann, wird sein Gedächtnis zugleich zu einer Art Abfalltonne. In der Kriminalgeschichte Der Tod und der Kompass glaubt einer der Ermittler, in einer Serie von drei Verbrechen ein Schema zu erkennen: Die Taten geschehen stets am dritten Tag des Monats, und die Tatorte bilden auf der Landkarte ein gleichseitiges Dreieck. Er nimmt an, dass ein viertes Verbrechen geplant ist. Da im Judentum der Tag bereits am Abend beginnt, ereigneten sich die Taten nach dieser Rechnung am vierten Tag des Monats, und das Dreieck lässt sich durch einen vierten Punkt zu einer Raute erweitern. So begibt sich der Ermittler noch vor dem erwarteten Zeitpunkt an diesen vierten Ort. In Das geheime Wunder wird der Schriftsteller Jaromir Hladik von der Gestapo gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Er bittet Gott um ein weiteres Jahr, damit er sein unvollendetes Drama Die Feinde abschließen kann. Als er auf die Erschießung wartet, geschieht kurz vor den Todesschüssen das für die Umwelt unsichtbare Wunder: Die äußere Zeit bleibt für ihn stehen, während er im Geist ein ganzes Jahr lang sein Drama ausarbeitet und vollendet. Weitere Stücke des zweiten Teils sind Die Narbe, Thema vom Verräter und Helden, Drei Versionen des Judas, Das Ende, Die Phönix-Sekte und Der Süden.

Der Bestand des Buches wuchs im Lauf der Ausgaben: 1956 nahm Borges drei weitere Geschichten auf: Das Ende, Die Phönix-Sekte und Der Süden.

Stil

Kennzeichnend für den Band ist die knappe Form. Borges greift dabei gern zur Maske des Gelehrten. Mehrere Erzählungen geben sich als Aufsatz, als Rezension oder als Untersuchung aus und behandeln Bücher, Autoren und Ereignisse, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Erfundene Angaben stehen dabei so selbstverständlich neben scheinbar belegten, dass die Grenze zwischen Wirklichkeit und Erfindung verschwimmt. Immer wieder kehren dieselben Motive wieder: das Labyrinth, die sich verzweigenden Zeitläufe, das Gedächtnis sowie geheime Ordnungen und Systeme, die das ganze Leben durchziehen sollen. So verbinden sich strenge gedankliche Konstruktion und phantastische Erfindung zu einer Form, die zwischen Erzählung und Denkspiel steht.

Rezeption

Der Band gilt als Ausgangspunkt der modernen phantastischen Literatur Lateinamerikas und zählt zu den bekanntesten Werken seines Autors. Seine Wirkung reicht bis in die Gegenwart: Das Magazin Der Spiegel führt das Buch unter den hundert besten Erzählwerken zwischen 1925 und 2025.

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