1784
Figaros Hochzeit
Überblick↑
Das Werk Le mariage de Figaro ist eine Komödie in fünf Akten von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais. Der vollständige Titel lautet La folle journée ou Le mariage de Figaro – auf Deutsch: Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit. Das Stück bildet den zweiten Teil von Beaumarchais' Figaro-Trilogie. Später diente es Mozart und seinem Textdichter Da Ponte als Vorlage für die Oper Le nozze di Figaro. Beaumarchais schrieb es kurz vor der Französischen Revolution, als die alte Gesellschaftsordnung des Ancien Régime bereits ins Wanken geriet. Im Mittelpunkt steht der Zusammenprall zweier Welten: hier ein Adel, der sich auf ererbte Vorrechte beruft, dort Dienstboten, die unter dem Einfluss der Aufklärung selbstbewusster geworden sind. Der aus dem Bürgertum stammende Autor versetzte damit dem Adel einen ähnlichen Schlag, wie ihn ein Jahrhundert zuvor Molière mit Tartuffe dem Klerus verpasst hatte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die ganze Handlung drängt sich in einen einzigen Tag zusammen – den „tollen Tag" des Titels. Figaro, der Kammerdiener des Grafen Almaviva, will an diesem Tag die Kammerzofe Suzanne heiraten. Doch der Graf hat es auf die Braut selbst abgesehen. Das „Recht der ersten Nacht", das er bei seiner eigenen Hochzeit abgeschafft hat, würde er nun gern zurückkaufen. Suzanne weiht ihre Herrin ein, die vom Gatten vernachlässigte Gräfin. Gemeinsam mit Figaro schmieden die beiden Frauen einen Plan, um den Grafen bei seinen Nachstellungen zu ertappen und seine Untreue vor aller Augen bloßzustellen.
Von anderer Seite drohen weitere Hindernisse. Marceline pocht auf ein altes Eheversprechen, das Figaro einlösen müsste, falls er ihr eine Geldschuld nicht begleichen kann. Und der verliebte Page Chérubin, der für die Gräfin schwärmt, bringt mit seinen Eskapaden alle Pläne durcheinander. Verkleidungen, verwechselte Personen, heimliche Briefe und nächtliche Verabredungen treiben das Verwirrspiel immer schneller voran.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt spielt im künftigen Schlafzimmer des Brautpaars. Figaro richtet das Ehebett ein, doch Suzanne will diesen Raum zwischen den Gemächern des Grafen und der Gräfin nicht beziehen, weil der Graf ihr nachstellt. Er hat ihr sogar angeboten, das abgeschaffte „Recht der ersten Nacht" zurückzukaufen. Figaro begreift den Plan: Auf dem geplanten Botschafterposten in London soll Suzanne die Mätresse des Grafen werden, während er selbst als lästiger Ehemann möglichst oft mit Kurierpost nach Spanien reisen soll. Zugleich taucht Marceline auf, der Figaro einst die Ehe versprochen hat, falls er ihr 2000 Piaster schuldig bleibt. Sie spannt Bartholo ein, um die Hochzeit zu verhindern, und erinnert diesen an ein uneheliches Kind namens Emmanuel, das er einst mit ihr hatte. Der Page Chérubin gesteht Suzanne seine Liebe zur Gräfin und entreißt ihr deren Haarband. Als der Graf eintritt, versteckt sich Chérubin hinter einem Sessel. Almaviva verspricht Suzanne eine Mitgift, wenn sie sich am Abend im Park hingibt. Dann kommt Bazile, und auch der Graf sucht hinter dem Sessel Zuflucht, während Suzanne den Pagen mit einem Kleid bedeckt. Bazile erzählt, jedermann wisse von Chérubins Liebe zur Gräfin. Der Graf tritt hervor, will den Pagen fortschicken – und entdeckt ihn schließlich hinter dem Möbel, als heimlichen Zeugen seines eigenen unsittlichen Angebots. Figaro erwirkt, dass die Hochzeit gefeiert werden darf, doch der Graf besteht darauf, das Eintreffen Marcelines abzuwarten. Statt Chérubin fortzujagen, macht er ihn zum Offizier und schickt ihn sofort nach Katalonien. Figaro aber stiftet den Pagen an, am Abend heimlich zurückzukehren.
Im zweiten Akt, dem Schlafzimmer der Gräfin, berichtet Suzanne ihrer Herrin von den Erpressungen des Grafen. Figaro plant, den Grafen eifersüchtig zu machen: Suzanne soll das Stelldichein zusagen, statt ihrer aber der verkleidete Chérubin erscheinen. Die Frauen richten den Pagen her. Die Gräfin nimmt ihm ihr Haarband ab, mit dem er sich nach einer Verletzung den Arm verbunden hat. Da klopft der Graf, durch einen anonymen Brief zurückgerufen, an die Tür. Chérubin flüchtet in die Garderobe und stößt gegen einen Stuhl. Als der Graf eine Zange holt, um die verschlossene Tür zu öffnen, springt der Page aus dem Fenster, und Suzanne nimmt heimlich seinen Platz ein. Zur Verblüffung des Grafen kommt am Ende Suzanne aus der Garderobe. Der Graf entschuldigt sich. Dann bringt der angetrunkene Gärtner Antonio einen Topf zerschmetterter Blumen und meldet, ein Mann sei aus dem Fenster gesprungen – man redet dem Grafen ein, es sei Figaro gewesen. Marceline erhebt Einspruch gegen die Hochzeit, Bazile beansprucht seinerseits ihre Hand, und der Graf beruft das Gericht ein. Die Gräfin beschließt nun, selbst als Suzanne verkleidet zum Rendezvous zu erscheinen, und steckt sich das mit Chérubins Blut befleckte Haarband ins Décolleté.
Der dritte Akt spielt im Gerichtssaal. Vor dem korrupten und lächerlichen Gericht wird Marceline von Bartholo vertreten. Da bringt der Abdruck eines Spatels an Figaros Arm die entscheidende Wendung: Figaro ist Emmanuel, der von Zigeunern entführte uneheliche Sohn von Bartholo und Marceline. Damit ist sein Eheversprechen an Marceline hinfällig – sie ist seine Mutter. Suzanne eilt mit 4000 Piastern herbei, die ihr die Gräfin als Mitgift geschenkt hat, sieht Figaro Marceline umarmen und ohrfeigt ihn im ersten Zorn. Als sie die Zusammenhänge begreift, umarmen sich alle drei. Nun muss noch der widerstrebende Bartholo überzeugt werden, Marceline zu heiraten.
Im vierten Akt, einer geschmückten Galerie, willigt Bartholo endlich ein. Suzanne verspricht dem Grafen brieflich ein Rendezvous unter den Kastanienbäumen und verschließt den Brief mit einer Schmucknadel, die er zur Bestätigung zurücksenden soll. Bei einem Blumenfest wird der als Mädchen verkleidete Chérubin enttarnt, als Antonio ihm die Haube abzieht und die Soldatenfrisur zum Vorschein kommt. Die Gräfin gesteht dem Gatten, dass es Chérubin war, der aus ihrer Garderobe sprang. Bei der Krönung der Bräute steckt Suzanne dem Grafen die Einladung zu; Figaro bemerkt nur, dass der Graf die Nadel fallen lässt und aufhebt. Bazile stürmt herein und beansprucht Marceline, verzichtet aber, als er erfährt, dass er dafür Figaro adoptieren müsste. Schließlich erfährt Figaro von Fanchette, dass er die Nadel als „Siegel der Kastanienbäume" an Suzanne zurückbringen soll – und glaubt sich betrogen. Marceline beschließt, Suzanne zu warnen.
Der fünfte Akt spielt nachts unter den Kastanien. Figaro legt sich auf die Lauer und lässt in einem großen Selbstgespräch, als Alter Ego des Autors, sein abenteuerliches Leben Revue passieren und verspottet dabei das Ancien Régime und die Zensur. Gräfin und Suzanne haben die Kleider getauscht. In der Dunkelheit häufen sich die Verwechslungen: Chérubin will die vermeintliche Suzanne küssen und küsst den Grafen; der Graf will ohrfeigen und trifft Figaro; statt Suzanne umarmt der Graf seine eigene verkleidete Gattin, der er die versprochene Mitgift und einen Brillanten schenkt. Figaro glaubt, Suzanne mit dem Grafen zu ertappen – doch die echte Suzanne, als Gräfin verkleidet, ohrfeigt ihn für seinen Zweifel an ihrer Treue. Als die Hochzeitsgesellschaft im Fackelschein zusammenkommt, will der Graf seine vermeintlich untreue Gattin bloßstellen. Stattdessen treten Chérubin, Fanchette, Marceline und Suzanne hervor, und aus dem anderen Pavillon kommt die Gräfin. Sie verzeiht dem reuigen Gatten. Das Geld gibt sie Figaro, den Brillanten Suzanne. Als die jungen Männer das Strumpfband der Braut verlangen, wirft sie ihnen das Haarband zu, das so wieder in Chérubins Besitz gelangt. Am Schluss singt jede Hauptfigur ein kurzes Vaudeville, und die Komödie endet mit einem Ballett.
Stil↑
Schon der Originaltitel La folle journée – der tolle Tag – nennt das Bauprinzip: Das gesamte Geschehen ballt sich in einen einzigen, atemlosen Tag zusammen. Das Werk ist eine Intrigenkomödie im besten Sinne. Verkleidungen, verwechselte Personen, hinter Möbeln versteckte Lauscher, heimliche Briefe und Missverständnisse greifen wie Zahnräder ineinander und treiben das Tempo unaufhörlich an. Immer wieder verbergen sich Figuren, springen aus Fenstern oder schlüpfen in fremde Kleider, sodass eine Kette von Beinahe-Enttarnungen entsteht.
Unter der heiteren Oberfläche steckt spitze Gesellschaftskritik. Das zeigt sich vor allem in Figaros großem Selbstgespräch im fünften Akt, in dem der Diener als Sprachrohr des Autors sein Leben überblickt und Adel, Justiz und Zensur verspottet. So mischt Beaumarchais in die Komödie eine politisch-satirische Sprengladung. Am Ende greift das Stück auf ältere, musikalisch geprägte Theaterformen zurück: Jede Hauptfigur singt ein kurzes Vaudeville, und ein Ballett beschließt den Abend – eine Nähe zur Bühnenmusik, die den Weg zur späteren Oper bereits erahnen lässt.
Rezeption↑
Zeitgenössisch wurde das Stück als politische Provokation empfunden. Anton Bettelheim sah in ihm „ein Zeichen des sinkenden Ansehens des Königtums, eine (…) unerhörte Verhöhnung des Adels, der Zensur, des Stellenkaufes, einer unzuverlässigen, überlebten Justiz, eine Anklage aller despotischen Einschränkungen der persönlichen und Gedankenfreiheit". Wie heikel die Wirkung war, zeigt ein Detail der Aufführungsgeschichte: Marcelines flammende Rede gegen das Patriarchat wurde von den Comédiens-Français schlicht weggelassen.
Über die Bühne hinaus entfaltete das Werk eine bemerkenswerte Nachwirkung. Am bekanntesten ist wohl die Vertonung durch Mozart und Da Ponte, deren Oper Le nozze di Figaro auf der Komödie beruht. Auch später griffen Bühne und Film den Stoff immer wieder auf, etwa in der Verfilmung Figaros Hochzeit von Max Mack und in einer Inszenierung von Oskar Wälterlin.
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