1804
Flegeljahre
Überblick↑
Bei den Flegeljahren handelt es sich um einen Roman von Jean Paul. Er erschien 1804 und 1805 in vier Bändchen bei Cotta in Tübingen. Das Werk blieb Fragment. Es erzählt von den Zwillingsbrüdern Walt und Vult, zwei mittellosen Söhnen eines Dorfschulzen. Der Hintergrund ist das Franken der 1790er Jahre mit seinem Gegensatz von Bürgertum und Adel. Karl Wolfskehl nannte den Roman 1927 Jean Pauls vollendetste Dichtung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In dem fränkischen Städtchen Haßlau stirbt der vermögende Herr Van der Kabel. Sieben angesehene Bürger erscheinen zur Testamentseröffnung in der festen Erwartung, ihn zu beerben. Doch das Testament setzt einen jungen Außenseiter zum Universalerben ein: Peter Gottwalt Harnisch, genannt Walt, einen Bauernsohn und stillen Dichter aus dem nahen Dorf Elterlein. Allerdings ist die Erbschaft an verschlungene Bedingungen geknüpft. Walt muss sich nacheinander in einer ganzen Reihe von Berufen bewähren, vom Klavierstimmer über den Notar bis zum Pfarrer. Außerdem muss er mit jedem der sieben enterbten Herren eine Woche unter einem Dach leben. Diese sehen in ihm einen Brotdieb und legen ihm bei jeder Gelegenheit Steine in den Weg.
Mitten in diese ohnehin verzwickte Lage kehrt Walts Zwillingsbruder Vult heim. Er ist jahrelang als Flötenvirtuose durch Europa gezogen. Die beiden ziehen zusammen und beginnen, gemeinsam an einem Doppel-Roman zu schreiben. Zugleich verliebt sich der schüchterne Walt in die schöne Polin Wina, Tochter eines Generals und Braut eines Grafen. Diese Liebe bleibt auch dem weltgewandten Bruder nicht verborgen.
Erzählt wird mit jenem ausschweifenden Humor und jener Detailfreude, für die Jean Paul berühmt ist: vom Erbschaftsstreit, von brüderlicher Nähe und Konkurrenz, von schüchternen Annäherungen unter Mondlicht und Maskerade.
Die Handlung im Detail↑
Im Städtchen Haßlau ist der vermögende Herr Van der Kabel gestorben. Sieben Bürger erscheinen zur Testamentseröffnung und müssen erfahren, dass sie zunächst leer ausgehen: Universalerbe soll ein Grünschnabel sein, Peter Gottwalt Harnisch, genannt Walt, ein Sohn des Dorfschulzen von Elterlein. Eine Nebenklausel bestimmt, dass jener der sieben Herren, der dem Verstorbenen als Erster eine Träne nachweinen kann, immerhin ein Haus erbt; einem von ihnen gelingt das tatsächlich. Walt aber wird das Erbe nicht leichtgemacht. Er darf es erst antreten, nachdem er sich nacheinander als Klavierstimmer, Gärtner, Notar, Korrektor, Buchhändler, Landschullehrer und Pfarrer bewährt hat, und er muss bei jedem der sieben Nebenerben eine Woche lang wohnen.
Diese Herren legen ihrem vermeintlichen Brotdieb beständig Knüppel zwischen die Beine. Als Walt Klaviere stimmt, werden ihm die zerrissenen Saiten gezählt; eine verborgene Nebenklausel greift, und für jede Saite knapsen die Nebenerben ihm ein Beet seiner Erbäcker ab, insgesamt 32 Beete. Auch als Notar unterlaufen ihm Schnitzer, und unter dem Vorwand nicht erfüllter Testamentsbedingungen lassen die Herren ganze Bäume aus Walts Wald fällen. Walt nimmt alles gelassen hin, nicht aber sein bäuerlich auf Besitz gepolter Vater. Außerdem muss Walts Lebenswandel ohne Makel sein: Ehebruch und Gefängnis brächten Restriktionen, Krankheit und Sterben sind erlaubt. Walt vermutet, er verdanke die Erbschaft womöglich seiner Dichtkunst.
Walt ist, von harten Schuljahren in Leipzig abgesehen, stets bei den Eltern geblieben, hat gedichtet und sieht sich still als einen zweiten Petrarca. Sein Zwillingsbruder mit dem eigentlichen Namen Quod Deus vult – Vult – zog dagegen jahrelang als Flötenvirtuose unter dem Namen Van der Harnisch durch Europa, ohne den Eltern damit aufhelfen zu können: Er flötete, doch das Geld ging auch flöten. Nach vierzehneinhalb Jahren kehrt er heim, um in Haßlau ein Konzert zu geben und die Familie zunächst inkognito wiederzusehen, gerade als Walt sein Notariatsexamen ablegt. Der Vater, der den Flötenpfeifer einst aus dem Haus geprügelt hatte, will den verlorenen Sohn nicht mehr kennen. Die Brüder dagegen umarmen sich, nachdem sie sich erkannt haben, und weinen lange.
Beide sind Autoren. Vult, ein "rechter Weltluchs", ist neben dem Konzertieren auch als Satiriker und Verfasser der Grönländischen Prozesse hervorgetreten. Über den ganzen Roman hinweg arbeiten die Brüder gemeinsam an einem Doppel-Roman, der zunächst Flegeljahre heißen soll und schließlich den Titel Hoppelpoppel oder das Herz trägt. Sie ziehen zusammen, bewohnen wegen der halbierten Miete ein gemeinsames Quartier "wie ein Vögelpaar ein Nest", getrennt nur durch eine spanische Wand, hinter der sie einander beim Schreiben über die Schulter blicken können. Im Winter, der besten "Lettern-Zeit", arbeiten sie Tag und Nacht; um Licht zu sparen, verlegen sie längere Gespräche und Flötenspiel in die Dämmerung. Walt verzehrt sein Brot mit dem Trost, der ganze Hof esse jetzt auch nur Brot. Das fertige Manuskript geht an Magister Dyk in Leipzig und kommt postwendend zurück. Es folgen Versuche bei Peter Hammer in Köln, bei Merkel in Berlin, der es Nicolai empfehlen soll, schließlich bei Trattner in Wien, weil man dahin, sagt Vult, nur halb frankieren müsse.
Parallel entfaltet sich Walts Liebesgeschichte. Er liebt die "ruhige Jungfrau" Wina, eine Polin, Tochter des Generals Zablocki und Braut des Grafen Klothar; ihr Name bedeutet Siegerin. Der General hat ein Rittergut in Walts Heimatort, Wina ist Katholikin, Walt Lutheraner. Ein Zufall hilft dem schüchternen Dichter: Er findet einen verlorenen Brief, in dem Wina dem Grafen den Laufpass gibt. Der General beschäftigt Walt zuweilen als Kopist auch schlüpfriger Papiere – Jean Paul nennt ihn den "erotischen Sekretär" des Generals. So kommt es zu Begegnungen mit der schlanken weißen Wina; ein Spaziergang durch ihren mondbeschienenen Garten gehört dazu, eine Anstandsdame fehlt nicht. Walt schwebt: Ein Blumenblick Winas entzündet in ihm einen feurigen Herzschlag, er steht "auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe" und blitzt. Als Wina mit ihrem Vater verreisen muss, reist auch er – mit der Absicht, nicht einmal die Namen der Städte und Dörfer zu kennen, an die er gerät.
Bei einem letzten Kopisten-Besuch bittet Wina ihn um eine Gefälligkeit: Am Neujahrsmorgen soll Vult ein Flötensolo für eine Freundin Winas spielen, während sie selbst einen von Walt vertonten Streckvers singt. Vult, dem niedere Herkunft bei solchen Festen schmerzlich bewusst ist, beschließt, in dieser Neujahrsnacht selbst "mit der Flöte in der Hand" eine Landung auf Winas Herz zu wagen. Der Auftritt gelingt, und Vult fordert Winas Liebes-Ja – und erhält eine Absage. In diesem Augenblick erkennt er: Sein Bruder Walt ist es, den Wina liebt.
Die letzte überlieferte Begegnung ist der "Larven-Tanz", ein Maskenball. Walt geht als Bergknappe, Wina als einfache Nonne mit Halbmaske und einem Aurikelstrauß. Walt erkennt sie an Mund und Kinn; hinter den dunklen Larven sehen die Liebenden einander an "gleichsam die Sterne in einer Sonnenfinsternis". Zum ersten Mal berührt er ihren Rücken; er kann nicht tanzen, wagt mit ihr trotzdem einen eckigen Walzer und bittet um den nächsten Tanz, um lange in ihrer Nähe zu sein, was sie leise bejaht. In einem Nebengelass lässt sich Walt dann unerklärlicherweise auf einen Larventausch mit dem Bruder ein. Nun spielt Vult vor der getäuschten Wina überzeugend den Walt, fordert ein zweites Mal ihr Liebes-Ja und erhält es diesmal, lacht den Bruder aus, tanzt zu Ende und verschwindet aus dem "fortjauchzenden Kreise". An dieser Stelle bricht die Liebesgeschichte ab.
Auch die Erbschaftsgeschichte wird nicht zu Ende geführt; ob Walt am Ende wirklich erbt, bleibt offen, ebenso, ob sich ein Verleger des "Hoppelpoppel"-Manuskripts erbarmt hat. Wenigstens trennen sich die Zwillinge in einer glaubhaften Szene: Walt bleibt in Haßlau, Vult zieht, die Flöte blasend, wieder in die freie Welt hinaus, aus der er am Roman-Anfang gekommen war. "Ich lasse Dich, wie Du warst, und gehe, wie ich kam", sagt er noch zum Bruder, und: "Gehabe Dich wohl, Du bist nicht zu ändern, ich nicht zu bessern." Damit endet das Fragment.
Stil↑
Die Flegeljahre tragen unverwechselbar Jean Pauls Handschrift. Es ist eine schweifende Sprache, die von Einfällen, Bildern und Anspielungen überquillt. In ihr kann eine ernste Beobachtung neben einem albernen Wortspiel stehen. Schon der Doppeltitel des im Roman geschriebenen Romans zeigt diese Doppelnatur: Hoppelpoppel oder das Herz. Kindlicher Klang und große Empfindung stehen dicht beieinander. Das Geld geht beim Bruder Vult "auch flöten". Walt steht beim ersten Verliebtsein "auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe" und blitzt. Solche Bilder sind typisch.
Der Erzähler arbeitet mit witzig-pedantischer Genauigkeit. So zählt er etwa die Reihe der Berufe auf, in denen Walt sich bewähren muss. Und er zählt penibel mit, wie viele Beete für wie viele zerrissene Klaviersaiten verloren gehen. Die Doppelfigur der Zwillinge erlaubt es Jean Paul, Empfindsamkeit und Satire ständig gegeneinander zu führen: der stille, träumerische Walt und der weltgewandte, ironische Vult. Die Szene am Schreibtisch hinter der spanischen Wand ist dafür ein sprechendes Bild, wo die Brüder einander beim Schreiben über die Schulter sehen.
Eingestreut sind ständige Erzähler-Bemerkungen, Wortwitze, Fremdwortspiele, kleine gelehrte Abschweifungen und französische Brocken. Der Roman bleibt Fragment. Liebes- wie Erbschaftshandlung enden offen. Dieses Unvollendete ist nicht nur ein äußeres Schicksal des Werks. Es wirkt wie eine letzte Pointe seiner Form.
Rezeption↑
Schon eine Rezension aus dem Erscheinungsjahr 1804 brachte das gespaltene Echo des Romans auf eine Formel. Hans-Otto Sprengel schreibt sie Karl Leopold Heinrich Reinhardt zu. Die Rede ist von einem "Chaos von reifen und unreifen Kenntnissen", von "Brocken aus allen Fächern der Gelehrsamkeit", von "echtwitzigen" und "platten Einfällen", von "erhabenen, tiefgedachten und seichten, falschen Gedanken" – kurz, von "Trefflichkeiten und Bizarrerieen jeder Gattung". Bewunderung und Befremden lagen bei diesem Werk von Anfang an dicht beieinander.
Im 19. Jahrhundert nahm sich 1867 Karl Christian Planck in einer von Sprengel zitierten Rezension besonders der Dreiecksbeziehung zwischen Walt, Wina und Vult an. Karl Wolfskehl stufte den Roman 1927 als Jean Pauls "vollendetste Dichtung" ein. Aus heutiger Sicht hat Gerhard Schulz hervorgehoben, dass in den Flegeljahren "ein Stück deutscher Wirklichkeit an der Schwelle zum industriellen Zeitalter" eingefangen werde. Hanns-Josef Ortheil betont vor allem den Humor des Buches. Ralf Berhorst hat die wechselnden Lesarten des Romans über die Rezeptionsgeschichte hinweg untersucht und um eine eigene Deutung ergänzt.
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