1796
Siebenkäs
Überblick↑
Der vollständige Titel lautet Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel – kurz Siebenkäs. Jean Paul veröffentlichte den Roman in drei "Bändchen" von 1796 bis 1797 in Berlin. Eine erweiterte und teilweise umgebaute Fassung in vier "Bändchen" folgte 1818. Erzählt wird die Geschichte eines armen Provinzanwalts. Seine Ehe scheitert, seine Erbschaft wird ihm vorenthalten, und sein bester Freund schlägt ihm einen sehr ungewöhnlichen Ausweg vor. In das Buch eingelassen ist mit der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei eines der berühmtesten Prosastücke der deutschen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Firmian Stanislaus Siebenkäs, Armenadvokat im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, heiratet die aus Augsburg stammende Putzmacherin Lenette Egelkraut. Zur Trauung erscheint auch sein innigster Freund Heinrich Leibgeber, gleichsam sein zweites Ich, dem er innerlich und äußerlich gleicht. Die beiden haben vor Beginn der Handlung sogar ihre Namen getauscht: der Mann, der jetzt Siebenkäs heißt, ist eigentlich Heinrich Leibgeber.
Zur wirtschaftlichen Grundlage der Ehe soll Siebenkäs eine mütterliche Erbschaft von 1200 Gulden erhalten. Sein Vormund, der "Heimlicher" von Blaise, hatte ihm schriftlich versichert, der Namenstausch schade dem Anspruch nicht. Doch der Brief ist mit sympathetischer Tinte geschrieben. Die Schrift ist verschwunden, das Blatt leer. Blaise verschleppt jede Entscheidung der Erbschaftskammer mit immer neuen Gesuchen.
So beginnt die Ehe in beständiger Geldnot. Siebenkäs schreibt mit Begeisterung an einer Satire, kommt aber selten dazu. Lenette wäscht und putzt, ohne Sinn für seine Arbeit. Stück für Stück muss der Hausrat versetzt werden. Häufiger Gast wird der gutmütige Schulrat Stiefel, dem Lenette sich immer mehr zuwendet. Er ist bedächtig, ernst und schwerfällig – alles, was ihr lebhafter, sprunghafter Mann nicht ist. Daneben bedrängt der eitle Venner Everard Rosa von Meyern, ein Vertrauter des Heimlichers, Lenette mit unerwünschten Annäherungen.
Zwischen all den kleinen Quälereien des Alltags reift in Siebenkäs eine Erkenntnis: Diese Ehe ist nicht zu retten. Aus Vaduz schreibt ihm Leibgeber, er solle zu ihm kommen. Dort unterbreitet er ihm einen Plan, der alles ändern soll.
Die Handlung im Detail↑
Der Armenadvokat Firmian Stanislaus Siebenkäs erwartet in Kuhschnappel seine Braut Lenette Egelkraut, die unter der Obhut des Schulrats Stiefel aus Augsburg eintrifft. Zur Hochzeit kommt auch Heinrich Leibgeber, Siebenkäsens "alter ego" in Wesen und Aussehen. Beide Freunde haben vor Beginn der Handlung die Namen getauscht: Siebenkäs heißt eigentlich Leibgeber.
Die mütterliche Erbschaft von 1200 Gulden soll dem Haushalt eine Grundlage geben. Vormund und "Heimlicher" von Blaise hatte schriftlich bestätigt, der Namenstausch sei für den Anspruch unschädlich. Als Siebenkäs das Blatt vorzeigt, ist es leer – mit sympathetischer Tinte beschrieben. Blaise wird die Auszahlung weiter mit immer neuen Fristgesuchen vereiteln. Vorläufig lebt das junge Paar von einer Barschaft, die Leibgeber dagelassen hat.
Siebenkäs schreibt täglich an einer Satire mit dem Titel Auswahl aus des Teufels Papieren (in einer Fußnote bemerkt Jean Paul augenzwinkernd, dass dieses Buch 1789 erschienen sei – tatsächlich der Titel seiner eigenen Satire). Daneben verteidigt er eine Kindsmörderin. Die Haushaltskasse bleibt leer. Lenette wird von dem aufgeblasenen Venner Everard Rosa von Meyern bedrängt, der ihr im Tausch gegen "einen Flock Kopfhaare" Hilfe in der Erbschaftssache verspricht. Der Schulrat Stiefel rettet sie, tröstet sie – und gewinnt damit ihre Zuneigung. Über die nun aufgedeckte Sache mit dem Namenstausch kommt es zur ersten Verstimmung zwischen den Eheleuten.
Im zweiten Bändchen, von Jean Paul "partie à la guerre" überschrieben, eskaliert der häusliche Kleinkrieg. Siebenkäs will schreiben, Lenette wäscht und scheuert. Stück für Stück wird der Hausrat versetzt. Als Lenette sogar Firmians Verlobungsgeschenk, ein Stoffblumensträußchen, ins Pfandhaus trägt, weiß er, dass sie ihn innerlich verlassen hat. Vor dem Andreasschießen, dem ersehnten Schützenfest, gibt es nichts mehr zu verpfänden als ihr Trauerkleid aus Kattun, das sie nicht hergeben will. In dieser Lage versetzt Siebenkäs das vom Vater geerbte Gewehr. In der Gewehrkiste findet er neben der Waffe und einer eisernen Maske Gegenstände, die sich verkaufen lassen. Er wird zudem Schützenkönig und steht am nächsten Morgen mit 40 Gulden in bar auf dem Tisch da. Das Bändchen schließt mit zwei "Blumenstücken", deren erstes berühmt geworden ist: der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei, in der die Vorstellung von der Nichtexistenz Gottes als Albtraum entfaltet wird.
Die Besserung der Lage hält nicht lange. Der innere Abstand wächst – Lenette zieht es zu dem bedächtigen, schwerfälligen Schulrat hin, von dem ihr Mann sich grundsätzlich unterscheidet. Siebenkäs leidet unter Herzrhythmusstörungen. Am letzten Tag des Jahres 1785 geht er hinaus, bedenkt sein Leben, fühlt sich dem Tod nahe und gönnt im Stillen Lenette schon den Freund Stiefel. Zu Hause findet er allerdings vor, dass Lenette den Kattunrock doch versetzt hat, nachdem er ihr gedroht hatte, sich mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf durch die Stadt zum Leihhaus zu schleppen. Sie hat sich beim Schulrat ausgeweint, der Firmian empört zur Rede stellt; Siebenkäs weist Stiefel aus dem Haus. Die Erbschaftsklage scheitert wegen eines Formfehlers, die Berufung ebenso. Die Eheleute verkehren nur noch schriftlich miteinander. Siebenkäs versetzt seine Uhr, um Lenette zu ihrem Geburtstag das Kattunkleid auszulösen – und schließt innerlich mit dem Leben ab.
In diese Trostlosigkeit hinein trifft ein Brief Leibgebers aus Vaduz ein, mit 50 Talern und der Aufforderung, nach Bayreuth zu kommen. Siebenkäs wandert los, erreicht Schloss Fantaisie und begegnet dort einer rätselhaften jungen Frau: Natalia Aquiliana, die Verlobte des Venners. Leibgeber, der diese Verlobung mit allen Mitteln zu hintertreiben sucht, weiht den Freund ein. Firmian und Natalie freunden sich an. Über die zerrüttete Ehe sprechen die Freunde offen. Da Siebenkäs die Scheidung ablehnt, schlägt Leibgeber ihm vor zu sterben – um dann unter Leibgebers Namen die Inspektorenstelle beim Fürsten von Vaduz anzutreten.
Siebenkäs kehrt nach Kuhschnappel zurück. Der rachsüchtige Venner, dem Firmian sein Verlöbnis mit Natalie verdorben hat, hat ihn in Bayreuth bespitzeln lassen und stachelt nun Lenette mit allen Einzelheiten auf, sogar mit einem Kuss zwischen Firmian und Natalie. Siebenkäs ist alles gleich; er wartet auf seinen inszenierten Tod. Eine nächtliche Spukerscheinung kündigt diesen an: die Hausbewohner sehen den "toten" Siebenkäs auf dem Dachboden wandeln – in Wahrheit ist es der heimlich angereiste Leibgeber. Am nächsten Morgen trifft Leibgeber offiziell ein und übernimmt die Regie. Firmian erleidet abends scheinbar einen Schlagfluss, kann durch eine "Medizin" noch einmal sprechen und seine letzten Verfügungen treffen: Im Augenblick des Todes soll ihm die eiserne Maske aufs Gesicht gelegt werden, die Totenfrau darf den Leichnam nicht berühren, und als Toter werde er im Haus des Heimlichers spuken, wenn dieser die Erbschaft nicht an die Witwe auszahle. In der Nacht "stirbt" Siebenkäs. Leibgeber wacht allein an der Bahre, füllt den gelieferten Sarg mit Steinen, Firmian selbst flieht im Schutz der Dunkelheit.
Bei Bindlach treffen sich die Freunde wieder, in Hof trennen sie sich endgültig. Siebenkäs wandert nach Vaduz und tritt unter Leibgebers Namen die Inspektorenstelle an. Aus Kuhschnappel kommt Nachricht: Der Heimlicher hat die Erbschaft ausgezahlt, weil Leibgeber ihn als "Gespenst" verfolgt hat, und Stiefel hat die Witwe geheiratet, die ein Kind erwartet. Der Graf eröffnet Firmian, dass seine Tochter mit ihrer Gesellschafterin Natalie auf Dauer nach Vaduz kommen werde. Nun klärt er Natalie über seine wahre Identität auf. Noch einmal zieht es ihn nach Kuhschnappel, um unerkannt die Stätten seines früheren Lebens zu sehen. Vom Hotelzimmer aus erblickt er Stiefel mit einem Trauerarmband. Er eilt in der Nacht auf den Friedhof und findet die Gräber Lenettes und ihres Töchterchens. Daneben, vor seinem eigenen Grabstein, kauert eine Gestalt: Natalie, die um ihn trauert. Er offenbart sich ihr. Sie geloben sich, "im Leben und Tode" beieinanderzubleiben. "Und die Leiden unsers Freundes waren vorüber" – mit diesem Satz endet der Roman.
Als Vorbild für die Figur Leibgebers diente Jean Pauls Jugendfreund Johann Bernhard Hermann, den er 1779 in Hof kennengelernt hatte.
Stil↑
Schon der barocke Titel Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel zeigt Jean Pauls Lust am ausladenden, bildreichen Sprechen. Die "Blumenstücke", "Fruchtstücke" und "Dornenstücke" sind in den Roman eingelassene Prosastücke eigener Art. Sie umrahmen und überhöhen das Erzählte – am berühmtesten die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei.
Charakteristisch ist die Mischung der Tonlagen: nüchterner Kanzleiwitz neben zärtlicher Innerlichkeit, schwarzhumorige Satire neben Visionen vom Tod. Jean Paul beobachtet die Eheszenen mit ausgesprochener Genauigkeit. Die kleinen Reibereien um gestopfte Strümpfe, versetzte Hausratstücke und nicht aufgehende Schreibstunden gewinnen durch seine bilderreichen Vergleiche eine sonst kaum erreichte erzählerische Dichte. Die Figuren erhalten oft sprechende Namen: Siebenkäs, Egelkraut, Blaise, Stiefel, Rosa von Meyern. Auch die Form ist verspielt. Fußnoten, in denen sich der Erzähler in fingierte Verweise auf eigene Werke begibt, Kapitelüberschriften wie "Eheliche partie à la guerre" und der eingebaute Namenstausch zweier äußerlich wie innerlich gleicher Freunde gehören zu den Mitteln, mit denen Jean Paul die romantypische Linearität bricht.
Rezeption↑
Besondere Bekanntheit hat innerhalb des Romans ein einzelnes Stück erlangt: die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei. Sie stellt die Vorstellung von der Nichtexistenz Gottes als Albtraum dar. Als eigenes Prosastück wurde sie immer wieder gelesen und zitiert. Jean Paul erweiterte den Roman zwei Jahrzehnte nach der Erstausgabe, 1818, noch einmal, überarbeitete ihn und strukturierte ihn in vier "Bändchen" um. Das zeigt, welche Bedeutung er ihm selbst beimaß. Diese späte Fassung wurde maßgeblich für die spätere Lektüre.
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