1922
Siddhartha
Überblick↑
Die Erzählung Siddhartha. Eine indische Dichtung entstand zwischen Dezember 1919 und Mai 1922 in Montagnola. Im Herbst 1922 erschien sie als Buch. Hermann Hesse erzählt darin den Lebensweg eines jungen Brahmanen im Indien des 6. Jahrhunderts vor Christus. Dieser will zur Erleuchtung finden – nicht aus überlieferter Lehre, sondern aus eigener Erfahrung. Das schmale Buch verbindet indische Religionsphilosophie mit europäischer Innerlichkeit. Es gehört zu den weltweit bekanntesten Werken Hesses.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Indien im 6. Jahrhundert vor Christus. Siddhartha, Sohn eines Brahmanen, wächst in den heiligen Riten der Veden auf. Doch die ererbten Gebete und Waschungen genügen ihm nicht. Er will das Eine, das All-Eine in jedem Menschen, selbst erfahren. Gemeinsam mit seinem Freund Govinda verlässt er das Vaterhaus. Er schließt sich den Samanas an, den Asketen und Bettlern im Wald.
Eine Begegnung mit Gotama, dem Buddha, bringt Siddhartha zu einer Einsicht. Diese trennt seinen Weg von dem Govindas: Erleuchtung lasse sich nicht durch Lehre weiterreichen, jeder müsse sie selbst erfahren. So zieht er weiter und überquert einen Fluss. Dessen Fährmann sagt ihm geheimnisvoll voraus, er werde einst zurückkehren. Dann tritt Siddhartha in eine große Stadt ein. Dort begegnet er der Kurtisane Kamala und der Welt der Kaufleute, des Geldes und der Lust. Es sind jene Menschen, die er anfangs spöttisch die Kindermenschen nennt.
Wie Siddhartha sich in dieser Welt verliert und wieder findet, welche Lehrer ihm danach begegnen und wie sich der Gegensatz zwischen ihm und dem treuen Govinda am Ende auflöst, entfaltet die Erzählung in ruhig fortschreitenden Bildern.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung spielt im Indien des 6. Jahrhunderts vor Christus. Siddhartha, der schöne Sohn eines Brahmanen, lernt von seinem Vater und den Priestern die Veden, ihre philosophischen Gedanken, religiösen Gebote und Rituale. Doch er sieht, dass die heiligen Waschungen und Gebete die Älteren nicht aus dem Samsara, dem Kreislauf von Geburt und Tod, befreien. Er beschließt, sein Leben der Suche nach dem Atman zu widmen, dem All-Einen, das in jedem Menschen ist. Sein Freund Govinda folgt ihm.
Beide werden Samanas, Asketen und Bettler im Wald. Sie üben Selbstentäußerung, doch Siddhartha spürt nach einiger Zeit, dass auch dieser Weg ihn nicht ans Ziel bringt. Die Freunde pilgern zu Gotama, dem Buddha. Govinda schließt sich der Gemeinde des Erleuchteten an. Siddhartha zweifelt nicht an Gotamas Bodhi, doch er glaubt, diese Erleuchtung sei allein für Gotama selbst gültig: Man könne nicht durch fremde Lehre Buddha werden, sondern müsse das Ziel aus eigener Erfahrung erreichen. So trennt er sich von Govinda und zieht allein weiter.
Zum ersten Mal nimmt er die Welt nicht mit dem verachtenden Blick des Asketen wahr, sondern in ihrer Schönheit. Er überquert einen Fluss; der Fährmann sagt ihm voraus, er werde eines Tages wiederkommen. In einer großen Stadt begegnet Siddhartha der Kurtisane Kamala. Er bittet sie, ihn in der Kunst der Liebe zu unterweisen. Um sich ihre Gunst leisten zu können, wird er Kaufmann. Anfangs betrachtet er das Geschäft, das Streben nach Erfolg und Reichtum mit der distanzierten Neugier eines Beobachters und nennt die weltlich Lebenden spöttisch die Kindermenschen. Doch über die Jahre wird er ihnen ähnlich, verfällt dem Spiel, dem Wein, dem Hochmut. Ein Traum zeigt ihm, wie weit er sich von seiner Suche entfernt hat.
Siddhartha verlässt Kamala, ohne zu wissen, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Er irrt davon im Gefühl, tiefer denn je im Samsara verstrickt zu sein, und gelangt wieder an jenen Fluss, den er einst überquert hatte. Verzweifelt steht er am Wasser und ist nahe daran, sich zu ertränken, als er erkennt, dass ihn auch der Tod nicht befreien, sondern nur eine neue Geburt im Kreislauf bringen würde. Er beginnt zu meditieren und schläft am Ufer ein. Beim Erwachen findet er den Mönch Govinda neben sich, der ihn zunächst nicht erkennt. Die Freunde sprechen miteinander, und Siddhartha begreift deutlicher als zuvor, wie wenig das gelernte Wissen taugt und wie viel die eigene Erfahrung.
Siddhartha bleibt am Fluss und bittet den alten Fährmann Vasudeva, ihn als Gehilfen aufzunehmen. Vasudeva, selbst ein Erleuchteter, lehrt ihn auf seine stille Weise nur eines: dem Rauschen des Flusses zu lauschen und von ihm zu lernen.
Jahre vergehen. Eines Tages kommt Kamala, die nicht mehr Kurtisane ist, mit ihrem Sohn an den Fluss; sie ist auf einer Pilgerreise zu dem sterbenden Gotama. Am Ufer wird sie von einer Schlange gebissen und stirbt, obwohl Siddhartha und Vasudeva ihr beizustehen versuchen. Der Knabe, der wie sein Vater Siddhartha heißt, bleibt bei ihm. Der Vater versucht, den verwöhnten Stadtjungen Bescheidenheit und Ruhe zu lehren – und begeht damit unwissentlich denselben Fehler, den er einst dem eigenen Vater vorwarf: Er will dem Sohn die Erfahrung ersparen und ihm Erkenntnis weiterreichen. Der Junge erträgt das stets milde Verständnis nicht, wird trotzig, schließlich flieht er über den Fluss. Gegen Vasudevas Rat eilt Siddhartha ihm nach, doch vor der Stadt erkennt er, dass er den Sohn loslassen muss.
Lange nagt dieser Schmerz an ihm. Erst nach Jahren reift in ihm, was Weisheit sei, und er kann sich Vasudeva öffnen. Dieser lehrt ihn erneut, auf den Fluss zu hören, der sich beständig wandelt und doch immer derselbe bleibt. Siddhartha hört in den Stimmen des Wassers sein eigenes Leben – sich selbst als Kind, als jungen Mann, als Greis – und alle Stimmen aller Menschen zugleich. Er findet die Erleuchtung. Vasudeva geht in die Wälder; Siddhartha bleibt als Fährmann.
In einem letzten Bild begegnen sich Siddhartha und Govinda noch einmal: der Vollendete und der noch immer Suchende. Govinda versteht die Worte des Freundes zunächst nicht. Da bittet Siddhartha ihn, seine Stirn zu küssen, und gewährt ihm für einen Augenblick Einsicht in die wahre Natur der Dinge. Der Gegensatz, der das ganze Buch durchzieht, hebt sich auf.
Stil↑
Hesse wählt für seine indische Dichtung eine schlicht-feierliche Sprache. Ihr Rhythmus erinnert an buddhistische und biblische Texte. Die Sätze sind ruhig, oft parallel gebaut, mit wiederkehrenden Formeln und Bildern: der Fluss, der Wald, die Stimme, das Lächeln. Die Erzählung schreitet in zwölf kurzen Kapiteln voran, die fast wie Stationen angeordnet sind. Je drei sind zu einem Teil gebunden. Das Geschehen wird nicht psychologisch ausgemalt, sondern in knappen, bildhaften Szenen gezeigt. An seiner Stelle stehen Meditation, Zwiegespräch und Naturbeschreibung. So entsteht der Ton einer Legende. Er verbindet westliche Innenschau und indische Weisheitsdichtung miteinander.
Rezeption↑
Die Erzählung Siddhartha gehört bis heute zu den meistgelesenen Werken Hermann Hesses. Sie wurde in viele Sprachen übersetzt. Besonders in den USA trugen sie in den 1960er und 1970er Jahren die Gegenkultur und die wachsende Aufmerksamkeit für asiatische Spiritualität. So erreichte sie ein Millionenpublikum. 1972 verfilmte Conrad Rooks den Stoff unter demselben Titel. Das Buch wirkt als eines der frühen Werke nach, in denen indische Religionsphilosophie für ein westliches Lesepublikum erzählerisch erschlossen wurde.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →