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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Unterm Rad
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Cover Unterm Rad
Unterm Rad
1905
– Werkseintrag –

Unterm Rad

1905 · Roman

Ein hochbegabter Junge im Schwarzwald, dem Schule, Vater und Pfarrer eine glänzende Zukunft vorzeichnen – und der unter der Last der fremden Erwartungen den Boden unter den Füßen verliert.

Überblick↑

Mit der Erzählung Unterm Rad legte Hermann Hesse 1905 ein frühes Prosawerk vor, das er selbst zunächst als Roman bezeichnete. Im Mittelpunkt steht das Schicksal eines begabten Jugendlichen, der an einer Erziehung scheitert, die ihn nur in eine Richtung treibt – und der zugleich an sich selbst zugrunde geht. Die Erzählung verbindet die einfühlsame Schilderung einer Kindheit im Schwarzwald mit einer scharfen Kritik an einem Schul- und Bildungssystem, das Ehrgeiz über das Wohl des Kindes stellt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In einer Kleinstadt im Schwarzwald wächst Hans Giebenrath auf, der Sohn eines verwitweten Zwischenhändlers. Hans gilt als der begabteste Schüler des Städtchens, und alle setzen große Hoffnungen in ihn. Rektor und Vater halten ihn von gleichaltrigen Spielkameraden fern, er bekommt Extraunterricht, und sein Tag besteht fast nur noch aus Lernen. Seine Liebe zur Natur, zum Angeln und zu seinen Kaninchen tritt immer mehr in den Hintergrund.

Ziel der Mühen ist das Landexamen in Stuttgart, zu dem Hans als Einziger aus seiner Stadt antritt. Besteht er, darf er in das Seminar der Klosterschule Maulbronn eintreten, in dem künftige Beamte und Pastoren ausgebildet werden. Doch auch in den Ferien lassen Direktor und Stadtpfarrer ihn nicht ruhen, sondern drängen weiter zum Lernen. Allein der einfache Schustermeister Flaig, ein gütiger, frommer Mann, rät ihm zu „Luft und Bewegung“.

Im Kloster begegnet Hans dem künstlerisch begabten, aufsässigen Hermann Heilner. Aus anfänglicher Empörung über den Mitschüler, der sich nichts aus der Schule macht, wird Bewunderung und schließlich Freundschaft. Diese Verbindung aber zieht auch Hans in den Blick der Lehrer, die in Heilner einen schlechten Einfluss sehen. Zwischen Pflichtgefühl, Freundschaft und wachsender Erschöpfung gerät der Junge zunehmend unter Druck.

Die Handlung im Detail↑

Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, lebt seit Jahren als Witwer in einer Schwarzwälder Kleinstadt. Sein Sohn Hans gilt als bester Schüler des Ortes und als Hoffnung der ganzen Gemeinde. Rektor und Vater schirmen ihn vor Gleichaltrigen ab, um schlechte kindliche Einflüsse zu verhindern, und lassen ihn durch Extraunterricht auf das Landexamen in Stuttgart vorbereiten. Hans’ ursprüngliche Naturverbundenheit wird dabei immer stärker zurückgedrängt. Am Abend vor der Abreise zerschlägt er aus einer Mischung aus Trotz und Sehnsucht heraus den Kaninchenstall, den er früher geliebt hat.

Hans besteht das Landexamen landesweit als Zweiter und darf in das Seminar der Klosterschule Maulbronn eintreten. Zur Belohnung erlaubt ihm der Vater wieder das Angeln. Doch Direktor und Stadtpfarrer drängen ihn auch in den Ferien zum Lernen, damit er der größeren Konkurrenz im Seminar gewachsen ist. Einzig der mit Hans freundschaftlich verbundene Schustermeister Flaig, ein einfacher Mann und Pietist, der dem Stadtpfarrer ablehnend gegenübersteht, mahnt zu mehr Bewegung an der frischen Luft.

In Maulbronn schließt Hans Freundschaft mit dem künstlerisch und sozialkritisch veranlagten Hermann Heilner. Aus anfänglicher Empörung über den rebellischen Mitschüler wird Bewunderung; Heilner gibt seinem Verehrer sogar einen Kuss auf den Mund, was Hans „mit wunderlichem Schreck“ über sich ergehen lässt. Durch die Nähe zu dem von den Lehrern abgelehnten Heilner gerät auch Hans in Misskredit. Die Lehrer versuchen, ihn zu beeinflussen, und tatsächlich distanziert Hans sich von dem Freund. Doch unter dieser Trennung leidet er selbst am meisten: Seine Leistungen werden schlechter, er fühlt sich müde und klagt über Kopfschmerzen und „Nervengeschichten“.

Nach einem Fluchtversuch bleibt Heilner drei Tage lang verschwunden, wird schließlich in einem Dorf aufgegriffen und der Schule verwiesen. Er nimmt Hans den „Verrat“ übel und verabschiedet sich nur mit einem Händedruck, ohne je wieder Kontakt aufzunehmen. Der Verdacht der Lehrer, Hans könnte vom Verschwinden gewusst haben, lastet schwer auf ihm. Schließlich bricht Hans zusammen, ihm wird ein Nervenleiden bescheinigt, und er fährt in den „Urlaub“ nach Hause – wobei allen klar ist, dass er nicht ins Internat zurückkehren wird.

Zu Hause verbringt Hans untätige Wochen, seine Müdigkeit nimmt zu, und er beginnt fast mit Genugtuung, seinen Suizid zu planen. Während der Apfelernte und des Mostens verliebt er sich in Emma, die aus Heilbronn stammende Nichte Flaigs, die erotisch nicht unerfahren ist. Doch vor ihrer Annäherung versagt Hans; Emma kehrt, ohne sich zu verabschieden, nach Heilbronn zurück. Auf Vermittlung seines Vaters beginnt Hans statt einer naheliegenderen Schreiberstelle eine Lehre bei einem Schlossermeister und wird von früheren Klassenkameraden als „Landexamenschlosser“ verspottet. Immerhin freundet er sich mit August an, einem ehemaligen Schulkameraden, der ebenfalls eine Ausbildung macht.

Nach einer Wirtshaustour, auf der Hans sich mit einigen Gesellen betrunken hat, ertrinkt er im Fluss, an dessen Ufer er früher so viele glückliche Stunden verbracht hat. Ob es sich um Suizid oder um einen Unfall handelt, bleibt offen, auch wenn viele Stellen auf eine bewusste Tat hindeuten: „Niemand wusste auch, wie er ins Wasser geraten sei.“ Bei der Beerdigung äußert Meister Flaig gegenüber dem Vater die Vermutung, dass der überzogene Ehrgeiz der Lehrer und des Pfarrers Hans in den Tod getrieben habe. Zugleich gesteht er ein, dass auch er selbst und der Vater „Einiges an dem Jungen versäumt“ hätten.

Stil↑

Geprägt wird die Erzählung von einem Erzähler, der mehr weiß und durchschaut als die handelnden Figuren. Schon früh stellt er über Hans eine kühle Diagnose – eine „Hypertrophie der Intelligenz bei einsetzender Degeneration“ – und macht damit von Anfang an deutlich, dass der Junge zwar hochbegabt, aber nicht dauerhaft belastbar ist. Diese überlegene Erzählhaltung erlaubt es Hesse, die Erwachsenen mit leiser Ironie zu zeichnen: Der Vater wird als „Philister“ vorgeführt, die Lehrer als Männer, die Hans’ Untergang nicht sehen wollen und am Ende nur heucheln: „Aus dem hätte etwas werden können, traurig, traurig.“

Auffällig ist die dichte Bildsprache rund um das Wasser. Das Ertrinken wird lange vor dem Schluss vorbereitet: Ein Mitschüler bricht ins Eis eines Sees ein und ertrinkt, Hans halluziniert im Unterricht zweimal eine Gestalt auf einem Schiff, und der Erzähler spricht von einer „untergehenden Seele“, die „im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich“ blicke. So ist Hans innerlich längst ertrunken, ehe er es im Fluss tatsächlich tut – sein Tod erscheint dadurch als folgerichtiges Ende. Ebenso bedeutungsvoll sind die Bilder der Natur, des Angelns und der Kaninchen, die für das freie, selbstbestimmte Leben stehen, das Hans Schritt für Schritt genommen wird.

Rezeption↑

Zu den frühen Erzählwerken Hermann Hesses zählend, hat Unterm Rad seine Wirkung vor allem aus seinem Thema bezogen: der Anklage einer Erziehung, die einen begabten Jungen einseitig fordert und schließlich zerbricht. Die Schlussszene, in der Meister Flaig den Ehrgeiz der Lehrer und des Pfarrers für Hans’ Tod verantwortlich macht, fasst diese Kritik in einem Bild zusammen und hat den anhaltenden Eindruck des Werks wesentlich mitbestimmt. Der Konflikt zwischen den Erwartungen der Erwachsenen und dem eigenen Lebenswillen eines jungen Menschen hat die Erzählung über ihre Entstehungszeit hinaus lesbar gehalten.

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