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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Hermann Hesse
Hermann Hesse
1877 – 1962
– Autorenporträt –

Hermann Hesse

1877 – 1962 · 85 Jahre

Erzähler der inneren Suche zwischen Schwarzwald und Tessin, der mit Siddhartha und Steppenwolf Generationen prägte – 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Kurzporträt

Hermann Hesse (1877–1962) zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Mit Romanen wie Peter Camenzind, Unterm Rad, Demian, Siddhartha, Der Steppenwolf, Narziss und Goldmund sowie dem Glasperlenspiel prägte er eine besondere Literatur. Sie kreist immer wieder um die Suche nach Selbsterkenntnis, Authentizität und geistiger Heimat. Sein Interesse an östlichen Weisheitslehren und an der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs gab seinem Werk seine besondere Färbung. 1946 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. 1954 folgte die Aufnahme in den Orden Pour le Merite. Spätestens seit der Hippiebewegung wird Hesse weltweit gelesen. Bis Anfang 2007 wurden über 120 Millionen seiner Bücher verkauft.


Biografie

Hermann Karl Hesse wurde am 2. Juli 1877 im schwäbischen Calw geboren. Sein Vater war der baltendeutsche Missionar Johannes Hesse, seine Mutter die in Indien geborene Württembergerin Marie Gundert. Das Elternhaus war vom schwäbischen Pietismus geprägt. Zugleich war es durch die internationale Welt der Basler Mission und durch die umfassende Bibliothek seines Großvaters Hermann Gundert geistig weit geöffnet. Hesse selbst nannte diese Mischung später die Grundlage dafür, dass er gegen jeden Nationalismus gefeit war. Von Geburt an war er russischer Staatsbürger. 1882 erwarb der Vater das Basler Bürgerrecht, so dass die Familie Schweizer wurde.

Nach Jahren in Basel kehrte die Familie 1886 nach Calw zurück. Ab 1890 besuchte Hesse die Lateinschule in Göppingen, um sich auf das württembergische Landexamen vorzubereiten. Zu diesem Zweck erwarb der Vater für ihn die württembergische Staatsangehörigkeit. 1891 bestand Hesse das Examen und trat in das evangelisch-theologische Seminar im Kloster Maulbronn ein. Doch schon im März 1892 entwich er, weil er „entweder ein Dichter oder gar nichts" werden wollte. Es folgten eine schwere Krise mit Suizidgedanken, ein Suizidversuch im Mai 1892 und ein Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Stetten. Am 14. September 1892 schrieb er den berühmten Brief an den Vater, in dem er sich als „Gefangener im Zuchthaus zu Stetten" unterzeichnete. Nach einem Jahr am Gymnasium in Cannstatt brach er 1893 die Schule ab. Eine Buchhändlerlehre in Esslingen scheiterte nach drei Tagen. Eine 14-monatige Mechanikerlehre in der Calwer Turmuhrenfabrik Perrot bestärkte ihn nur in seinem Drang zur Literatur.

Im Oktober 1895 begann Hesse eine Buchhändlerlehre bei Heckenhauer in Tübingen. Nach den zwoelfstuendigen Arbeitstagen las er Goethe, Lessing, Schiller, Nietzsche und die deutschen Romantiker. 1898 veröffentlichte er den Gedichtband Romantische Lieder, 1899 die Prosasammlung Eine Stunde hinter Mitternacht. Beide Bücher waren geschäftliche Misserfolge. Ab Herbst 1899 arbeitete er als Buchhändler in Basel. 1901 reiste er erstmals nach Italien. 1902 lernte er die neun Jahre ältere Basler Fotografin Maria Bernoulli kennen, die er 1904 heiratete. Im selben Jahr erschien bei S. Fischer der Entwicklungsroman Peter Camenzind und brachte ihm den literarischen Durchbruch.

Die Familie zog nach Gaienhofen am Bodensee. Dort wurde 1905 Sohn Bruno geboren, es folgten Heiner (1909) und Martin (1911). 1906 erschien Unterm Rad, in dem Hesse seine Schul- und Ausbildungszeit verarbeitete. Im selben Jahr wurde er Mitherausgeber der Zeitschrift März, in der er bis 1912 mitwirkte. 1911 brach er mit dem Maler Hans Sturzenegger nach Ceylon und Sumatra auf. Diese Reise brachte die erhoffte spirituelle Erfüllung nicht, prägte sein Werk aber dauerhaft. Auf indischem Boden selbst war er nicht. 1912 verkaufte er das Haus in Gaienhofen und zog mit der Familie nach Bern. Die Ehekrise schlug sich 1914 im Roman Rosshalde nieder.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Hesse als Kriegsfreiwilliger. Er wurde als untauglich befunden und der deutschen Botschaft in Bern zugeteilt. Dort baute er die „Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene" auf und betrieb sie bis 1919. Am 3. November 1914 erschien sein Aufsatz O Freunde, nicht diese Töne in der Neuen Zürcher Zeitung. Er trug ihm in Deutschland heftige Angriffe und Hassbriefe ein, sicherte ihm aber auch die Solidarität von Theodor Heuss und Romain Rolland. Der Tod des Vaters 1916, die schwere Erkrankung des Sohnes Martin und das Scheitern der Ehe führten ihn in eine tiefe Krise und in eine psychoanalytische Behandlung bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler C. G. Jungs. 1917 entstand in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch der Roman Demian, der 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair erschien.

1919 siedelte Hesse allein ins Tessin über und bezog im Mai die „Casa Camuzzi" in Montagnola. Hier entstanden Klingsors letzter Sommer (1920) und 1922 der Roman Siddhartha, in dem seine Geliebte Ruth Wenger zur Romanfigur der Kamala wurde. 1923 wurde die Ehe mit Maria Bernoulli geschieden. 1924 heiratete Hesse Ruth Wenger. Im selben Jahr erhielt er das Bürgerrecht der Stadt Bern und damit zum zweiten Mal die Schweizer Staatsbürgerschaft. Die zweite Ehe scheiterte rasch und wurde 1927 geschieden. 1927 erschien Der Steppenwolf. Im selben Jahr veröffentlichte sein Freund Hugo Ball die erste Hesse-Biografie. 1930 folgte Narziss und Goldmund. 1931 zog Hesse mit seiner dritten Frau Ninon Dolbin, geborene Ausländer, in die von seinem Freund Hans Conrad Bodmer finanzierte Casa Hesse. Sie hieß wegen ihrer Farbe auch Casa Rossa.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beobachtete Hesse mit großer Sorge. Er setzte sich in Rezensionen verstärkt für jüdische und verfolgte Autoren ein. Ab Mitte der 1930er Jahre wagte keine deutsche Zeitung mehr, Beiträge von ihm zu drucken. Sein Werk wurde seit 1936 „unerwünscht", aber nicht formal verboten. 1943 erschien in der Schweiz Das Glasperlenspiel, an dem er seit 1931 gearbeitet hatte. 1946 wurde Hesse mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, 1954 in den Orden Pour le Merite aufgenommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich sein Schaffen auf eine gewaltige Korrespondenz. Rund 35.000 erhaltene Briefe sind nachgewiesen, von denen er ohne Sekretariat etwa 17.000 selbst beantwortete. Im Dezember 1961 erkrankte er an einer Grippe und erholte sich nur schwer. Eine bis dahin unerkannte Leukämie wurde im Spital von Bellinzona mit Bluttransfusionen behandelt. In der Nacht zum 9. August 1962 starb Hesse in Montagnola im Schlaf an einem Schlaganfall. Er wurde auf dem Friedhof Sant'Abbondio in Gentilino beigesetzt.


Literarische Merkmale

Hesses Sprache ist farbenreich und anschaulich. Die Neue Deutsche Biographie nennt sie ausdrücklich „an Gottfried Keller geschult". Seine frühen Erzählungen, etwa die Gerbersau-Texte oder Knulp (1915), zeichnen das freie Leben ewiger Tippelbrüder einfühlsam, aber ohne falsche Sentimentalität. Sie schildern die Entwicklungsnöte junger Handwerker und einzelgängerischer Lateinschüler. Unterm Rad (1906) ist laut NDB die bedeutendste dieser Erzählungen. Der Roman schildert eine zum Selbstmord führende Pubertätskrise und richtet sich gegen die autoritäre Pädagogik der Zeit.

Ein zentrales Thema zieht sich durch das ganze Werk. Nach Hesses eigener Aussage ist es der Konflikt von Geist und Natur und die Suche eines Menschen nach Authentizität, Selbsterkenntnis und Spiritualität. Sein Interesse an östlichen religiösen und philosophischen Traditionen und seine Auseinandersetzung mit der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs gaben dieser Suche ihre besondere Färbung. Mit Demian begann nach Urteil der Deutschen Biographie ein neuer Stil. Hier verwandte Hesse zum ersten Mal eine unrealistische Schreibweise, um Sinclairs Hinwendung zur tätigen – und damit immer schuldhaften – Teilnahme am Leben sinnbildlich zu fassen. Thomas Mann sprach von der „elektrisierenden Wirkung" des Buches, das „mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf".

In Siddhartha verbindet sich diese Bildhaftigkeit mit einer auffallend klaren und einfachen Sprache. Henry Miller beschrieb das Buch als eines, „dessen Tiefe in der kunstvoll einfachen und klaren Sprache verborgen liegt". Spätere Werke wie Kurgast (1925) und Die Nürnberger Reise (1927) zeigen autobiografisches Erzählen mit ironischem Unterton. Neben der Prosa hat die Musik für Hesses Schreiben großes Gewicht. Sein intensives Verhältnis zur Musik schlägt sich in seinen Gedichten und in Romanen wie Gertrud, Der Steppenwolf und Das Glasperlenspiel nieder.


Rezeption

Hesses Frühwerk wurde von der zeitgenössischen Kritik überwiegend positiv aufgenommen. Schon Peter Camenzind brachte 1904 Lesergunst und Preise. In den Kreisen der aufblühenden Jugendbewegung fanden seine Erzählungen begeisterte Leser. Mit dem Aufsatz O Freunde, nicht diese Töne und der späteren Antikriegshaltung geriet er ab 1914 jedoch ins Visier rechter Publizisten, die ihn zum Verräter erklärten. Sein literarisches Bild in Deutschland war fortan stark durch politische Pressekampagnen geprägt.

Der große Wiederaufstieg kam erst weit nach 1945. Bei jungen Lesern beider Nachkriegsgenerationen deckte Hesse das Bedürfnis nach geistiger und moralischer Neuorientierung. Zugleich setzte eine harte Gegenstimme ein. Karlheinz Deschner schrieb 1957 in Kitsch, Konvention und Kunst, dass Hesse „so vernichtend viele völlig niveaulose Verse" veröffentlicht habe – eine „literarische Barbarei". Auch der Prosa stellte Deschner ein vernichtendes Zeugnis aus. Teile der deutschen Kritik schlossen sich dem an und führten Hesse als Produzenten epigonaler Literatur.

Während die deutsche Rezeption in den 1960er Jahren auf einem Tiefpunkt angelangt war, brach unter Jugendlichen in den USA ein „Hesse-Boom" aus, der bald nach Deutschland zurückschwappte. Der Steppenwolf wurde zum internationalen Bestseller und gab einer Rockband ihren Namen. Santana nannte 1970 sein zweites Album Abraxas nach einem Begriff aus dem Demian. Ken Kesey soll die Fahrt der Merry Pranksters quer durch die USA als seine Variante der Morgenlandfahrt verstanden haben. In Kathmandu gründete sich eine Hermann-Hesse-Gesellschaft. Bis Anfang 2007 wurden weltweit über 120 Millionen seiner Bücher verkauft.

Hesses Geburtsstadt Calw bezeichnet sich als „Hermann-Hesse-Stadt" und unterhält das Hermann-Hesse-Museum. Seit 1977 findet dort in mehrjährigem Abstand das Internationale Hermann-Hesse-Kolloquium statt. Im schweizerischen Sils-Maria gibt es seit dem Jahr 2000 die jährlichen Silser Hesse-Tage. Drei Literaturpreise tragen seinen Namen: der Karlsruher Hermann-Hesse-Literaturpreis (seit 1957), der Calwer Hermann-Hesse-Preis (seit 1990) und der Preis der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft (seit 2017).

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