1887 – 1912
Georg Heym
Kurzporträt↑
Georg Heym wurde 1887 in Hirschberg in Schlesien geboren. Im Januar 1912 ertrank er mit nur 24 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf der Havel. Er gilt als einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus. In den knapp zwei Jahren seines reifen Schaffens hinterließ er rund 500 Gedichte, einige Prosastücke und wenige dramatische Arbeiten. Sein erster Gedichtband Der ewige Tag erschien 1911 beim jungen Rowohlt Verlag. Der Novellenband Der Dieb und der nachgelassene Lyrikband Umbra vitae folgten postum. Trotz seines kurzen Lebens zählt Heym heute zu den bedeutendsten Lyrikern deutscher Sprache.
Biografie↑
Georg Theodor Franz Artur Heym kam am 30. Oktober 1887 zur Welt. Sein Vater war der preußische Staatsanwalt Hermann Heym, seine Mutter Jenny, geborene Taistrzik. Der Geburtsort wird in den Quellen unterschiedlich angegeben. Die Deutsche Biographie und Wikipedia nennen Hirschberg im Riesengebirge. Wikidata führt das heutige polnische Jelenia Góra, also denselben Ort unter seinem heutigen Namen. Der Vater stieg später zum Anwalt am Reichsmilitärgericht auf. Die Familie war evangelisch und bürgerlich-konservativ geprägt. Eine Schwester, Gertrud, wurde 1889 geboren. Das Verhältnis zum Elternhaus war angespannt. Zur Mutter und zur Schwester blieb die Beziehung schwach. Im Tagebuch der späteren Jahre finden sich die berühmt gewordenen heftigen Beschimpfungen des Vaters. Diese waren laut der Neuen Deutschen Biographie weniger reine Kritik als vielmehr Versuche, mit der Tradition radikal zu brechen.
Heyms Schulzeit war durch die häufigen Versetzungen des Vaters geprägt. Ab 1896 besuchte er das Gymnasium Gnesen, ab 1899 das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Posen und von 1900 an das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. Dort wurde er nicht in die Oberprima versetzt. Am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium Neuruppin verweigerte man ihm zunächst die Zulassung zur Reifeprüfung. Erst am 20. März 1907 konnte er die Schule mit dem Abitur verlassen. Im Mai 1907 begann er, vom Vater dazu gedrängt, ein Jurastudium in Würzburg. Für gut ein Jahr wurde er Mitglied des Corps Rhenania und empfand das Corpsleben bald als »furchtbar, geisttötend, stumpfsinnig, lächerlich«. Es folgten Stationen an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin ab November 1908 und kurz an der Universität Jena im Mai 1910, ehe er endgültig nach Berlin zurückkehrte. Mitte Januar 1911 bestand er die Erste Juristische Staatsprüfung. Eine in der älteren Literatur zuweilen erwähnte Promotion in Rostock ließ sich laut der NDB nicht nachweisen. Eine Dissertation wies die Universität Würzburg am 7. Juli 1911 wegen zu vieler Grammatik- und Rechtschreibfehler zurück.
Den Beruf des Juristen hasste Heym. In seinem Tagebuch notierte er am 29. November 1910: »Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen.« Sein Vorbereitungsdienst am Amtsgericht Lichterfelde währte kaum vier Monate. Dann wurde er wegen der unzulässigen Vernichtung einer Grundbuchakte vorzeitig entlassen. Ein zweiter Anlauf in Wusterhausen an der Dosse scheiterte ebenfalls. Heym suchte Auswege. Er wollte Offizier oder Diplomat werden und betrieb sein Eintrittsgesuch beim Metzer Infanterie-Regiment Nr. 98. Ab dem 19. Oktober 1911 nahm er zudem chinesische und englische Sprachkurse am Berliner Seminar für orientalische Sprachen auf, um sich für den Dolmetscherdienst ausbilden zu lassen. Die Bewilligung des Militärs traf erst nach seinem Tod ein.
Entscheidend für den Lyriker Heym wurde der Winter 1909/1910. In Berlin entstand damals der »Neue Club« um Kurt Hiller und Jakob van Hoddis. Zum engeren Kreis gehörten neben Heym auch Erwin Loewenson, Ernst Blass, David Baumgardt, Robert Jentzsch, Friedrich Koffka, Friedrich Schulze-Maizier, Erich Unger und John Wolfsohn. Es war ein Kreis junger, brillanter und rücksichtsloser Verfechter einer neuen Geistigkeit. In ihm fand Heym, wie die Neue Deutsche Biographie hervorhebt, seinen eigenen Stil. Sein erster Gedichtband Der ewige Tag erschien Mitte April 1911 beim Rowohlt Verlag. Im November 1911 schloss er mit Ernst Rowohlt einen Vertrag über einen Novellenband mit dem Titel Der Dieb ab. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er am 6. Januar 1912 im Münchner Künstlercafé Simplicissimus.
Am 16. Januar 1912 brach Heym beim Schlittschuhlaufen auf der Havel bei Gatow im Eis ein. Er wollte seinem Freund Ernst Balcke zu Hilfe eilen, der in ein für Wasservögel ins Eis geschlagenes Loch geraten und bewusstlos untergegangen war. Waldarbeiter hörten ihn noch eine halbe Stunde um Hilfe rufen. Seine Leiche wurde erst am 20. Januar geborgen und am 24. Januar auf dem Friedhof der Luisengemeinde am Fürstenbrunner Weg in Berlin-Charlottenburg beigesetzt. Heym blieb unverheiratet. Sein Grab wurde nach Ablauf der Ruhefrist 1942 eingeebnet und 2009 von privaten Gönnern neu gestaltet. Ein Kalkstein trägt die Aufschrift »KEITAI« – »Er schläft, er ruhet aus.« nach einem Tagebucheintrag vom 30. Oktober 1910.
Literarische Merkmale↑
Heyms größte Leistung ist nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie seine Lyrik. Schon bald fand er die Themen, die ihn immer wieder beschäftigten: den Tod und die Toten, die Großstadt, den Menschen in Grenzsituationen – als Gefangenen, als Irren, als Bettler oder als Spielball der Geschichte. Beeinflusst von Baudelaire und Rimbaud baute er seine jambischen Strophen aus pompösen Bildern des Grauens auf. Von seinen neuromantischen Zeitgenossen unterschieden ihn, so die NDB, eine vitale Kraft und eine besondere Anschaulichkeit der Sprache. Seine Gedichte seien keine mühsam zusammengesuchten Orgien des Grausigen, sondern wirkliche Visionen.
Neben diesen großen, düsteren Bildern stehen Landschaftsgedichte von hoher Eindringlichkeit und Verse, die geschichtliche Stoffe behandeln. Zwei Züge der späteren expressionistischen Dichtung sind bei Heym bereits ausgebildet: die Entheroisierung großer Gestalten und die Auffassung der Geschichte als einer anonymen Macht, die den Menschen ohne Ansehen seines Wertes zerbricht. Gegen Ende des Jahres 1911 deutete sich eine Wandlung an. Der Pomp der Bilder ließ nach, der Ausdruck wurde einfacher und kühler. Eine Welt aus Marionetten an unsichtbaren Fäden tritt hervor. Die lange jambische Zeile mit ihren prunkvollen Reimen weicht freieren Rhythmen und kurzen, mitunter wie zerhackt wirkenden Versen. Diese letzten Gedichte haben, so die NDB, in manchem den Surrealismus vorweggenommen.
Auch dem Prosawerk eignen deutlich eigene Züge, neben Anregungen der Neuromantik mit ihrer Vorliebe für exotische und unheimliche Themen und für Extremtypen als Helden. Das Grauenhafte werde, so die Deutsche Biographie, nicht mehr genussvoll ausgekostet, sondern stehe als Symbol für die Absurdität des Daseins. Die groteske Spannung zwischen ornamental-fließendem Stil und gespenstischer Situation verstärke diesen Eindruck. Daneben kündige sich bereits das trockene Staccato der späteren expressionistischen Prosa an. Aus Heyms Tagebüchern geht eine besondere Verehrung für Friedrich Nietzsche, Friedrich Hölderlin, Dmitri Mereschkowski und Christian Dietrich Grabbe hervor. Bedeutend war für ihn auch Heinrich von Kleist.
Rezeption↑
Trotz seines kurzen Lebens gilt Heym heute als einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache und als Wegbereiter des literarischen Expressionismus. Schon zu Lebzeiten beeindruckten vor allem seine düsteren Großstadt- und Geschichtsgedichte die Zeitgenossen. Den Kreis um den »Neuen Club« traf sein Tod tief. Bei Jakob van Hoddis führte die Nachricht laut Wikipedia zum Ausbruch seiner ersten psychotischen Phase. Am 3. April 1912 hielt der Club ihm zu Ehren eine letzte Vorlesung ab, bevor er sich im Streit auflöste.
Die Wirkung Heyms reicht weit über seine Generation hinaus. Die Neue Deutsche Biographie hebt hervor, dass er nie eigentlich schulebildend gewesen sei und dennoch bedeutenden Einfluss ausgeübt habe. Bertolt Brecht habe viel von ihm gelernt, auch die Dichter der Neuen Sachlichkeit und des Naturgedichts seien von ihm angeregt worden, und seine letzten Gedichte hätten den Surrealismus in manchem vorweggenommen. Die postum erschienenen Bände – Umbra vitae (1912), Der Dieb. Ein Novellenbuch (1913) und Marathon (1914) – sicherten sein Werk dauerhaft im Gedächtnis der Literatur. Die von Karl Ludwig Schneider herausgegebene Gesamtausgabe Dichtungen und Schriften erschien in mehreren Bänden ab 1960. Sie machte Heyms Lyrik, Prosa, Dramen, Tagebücher, Träume und Briefe wissenschaftlich zugänglich und bildet bis heute die Grundlage der Forschung. Auch die frühe Studie von Helmut Greulich von 1931 und Arbeiten von Kurt Mautz, Erwin Loewenson und Egbert Krispyn zeigen, wie kontinuierlich sich die Germanistik mit Heyms Werk auseinandergesetzt hat.
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