1913 – 2001
Stefan Heym
Kurzporträt↑
Als einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR verband Stefan Heym literarisches Werk und politisches Handeln über sein ganzes Leben hinweg. 1913 in Chemnitz als Helmut Flieg geboren, floh er als junger Antifaschist zunächst in die Tschechoslowakei und dann in die USA, wo er zum US-Bürger wurde und in englischer Sprache schrieb. 1952 kehrte er nach Europa zurück und ließ sich in der DDR nieder, wo er trotz wachsender Konflikte mit der Staatsführung blieb. Bis zuletzt mischte er sich ein: Bei der friedlichen Revolution 1989 sprach er auf den Ost-Berliner Montagsdemonstrationen, und 1994 saß er als parteiloser Abgeordneter auf der Liste der PDS im Deutschen Bundestag. Er starb 2001 in Israel.
Biografie↑
Geboren wurde Stefan Heym am 10. April 1913 in Chemnitz als Helmut Flieg, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Sein Vater war der Kaufmann Daniel Flieg (1880–1935), seine Mutter Elsa, geborene Primo (1892–1968). Schon früh engagierte er sich als Antifaschist. 1931 wurde er auf Druck der örtlichen Nationalsozialisten vom Gymnasium seiner Heimatstadt verwiesen, weil sein antimilitaristisches Gedicht Exportgeschäft am 7. September 1931 in der sozialdemokratischen Tageszeitung Volksstimme erschienen war. Seine Reifeprüfung legte er am Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Berlin ab und begann dort ein Studium der Journalistik.
Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh er in die Tschechoslowakei und nahm dort den Namen Stefan Heym an. 1935 ging er mit dem Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung in die USA. Sein Studium setzte er an der Universität von Chicago fort und schloss es 1936 mit einer Magisterarbeit über Heinrich Heines Atta Troll ab. Von 1937 bis 1939 war er in New York Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung Deutsches Volksecho, die der Kommunistischen Partei der USA nahestand. Nach deren Einstellung 1939 arbeitete er als freier Schriftsteller in englischer Sprache. Bereits sein erster Roman Hostages, 1942 veröffentlicht, war ein großer Erfolg.
Ab 1943 nahm Heym als nunmehr US-amerikanischer Staatsbürger am Zweiten Weltkrieg teil. Als Mitglied der Ritchie Boys, einer Einheit für Psychologische Kriegführung unter dem Kommando des Emigranten Hans Habe, folgte er 1944 der alliierten Invasion in der Normandie. Seine Aufgabe war vor allem das Verfassen von Texten, die per Flugblatt, Heeresgruppenzeitung, Lautsprecher und Rundfunk die Soldaten der Wehrmacht beeinflussen sollten. Nach Kriegsende leitete er die Ruhr Zeitung in Essen und war anschließend in München Redakteur der Neuen Zeitung, einer der wichtigsten Zeitungen der US-amerikanischen Besatzungsmacht. Im Herbst 1945 berichtete er vom ersten Bergen-Belsen-Prozess. Wegen seiner prosowjetischen Haltung wurde er Ende 1945 in die USA zurückversetzt, verließ die Armee und arbeitete wieder als freier Schriftsteller. Ende 1948 veröffentlichte er in Boston den Roman The Crusaders (deutscher Titel Kreuzfahrer von heute).
Zeitgleich mit Charlie Chaplin, Bertolt Brecht und Thomas Mann, die in der McCarthy-Ära zum Auswandern veranlasst wurden, verließ Heym 1952 die USA. Er zog zunächst nach Prag und übersiedelte 1953 in die DDR. Dort wurde er anfangs als heimgekehrter antifaschistischer Emigrant privilegiert behandelt. 1953 protestierte er mit einem öffentlichen Schreiben an US-Präsident Dwight D. Eisenhower gegen die amerikanische Kriegführung im Koreakrieg und gab dabei sein Offizierspatent und die 1945 verliehene Auszeichnung Bronze Star zurück. Von 1953 bis 1956 schrieb er gemeinsam mit dem Pfarrer Karl Kleinschmidt die Kolumne Offen gesagt für die Berliner Zeitung. Seine Werke, weiterhin auf Englisch verfasst, erschienen im List-Verlag. 1959 wurde er mit dem Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur ausgezeichnet.
Konflikte mit der Staatsführung setzten schon 1956 ein, als diese die Veröffentlichung von Der Tag X (späterer Titel Fünf Tage im Juni), seinem Buch über den Aufstand vom 17. Juni 1953, ablehnte. Die Spannungen verschärften sich ab 1965, als Erich Honecker Heym auf dem 11. Plenum der SED angriff; im selben Jahr wurde ihm ein Veröffentlichungsverbot auferlegt. 1969 wurde er wegen der unerlaubt in der Bundesrepublik erschienenen Veröffentlichung von Lassalle zu einer Geldstrafe verurteilt. Ab Anfang der 1970er Jahre erschienen seine Bücher wieder in der DDR, wenn auch in kleineren Auflagen; nun schrieb er nur noch auf Deutsch. 1971 heiratete er die Szenaristin und Drehbuchautorin Inge Wüste, geborene Holm, die ihm als Lektorin und später Herausgeberin zu einer wichtigen literarischen Wegbegleiterin wurde. Von 1974 an erschienen seine Erstveröffentlichungen jedoch nur noch in westlichen Verlagen.
1976 gehörte Heym zu den Unterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1979 wurde er ein zweites Mal wegen unerlaubter Veröffentlichung in der Bundesrepublik verurteilt – diesmal wegen Collin – und im Juni aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. In den Achtzigerjahren unterstützte er die Bürgerrechtsbewegung. Während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 hielt er mehrere Reden auf den Ost-Berliner Montagsdemonstrationen, auch bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989. Ende November 1989 war er Mitinitiator des Aufrufs Für unser Land, der sich für den Erhalt einer eigenständigen DDR mit demokratischem Sozialismus aussprach. Im November 1989 wurde er wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen und 1990 juristisch rehabilitiert.
Nach der Wiedervereinigung äußerte sich Heym kritisch über die aus seiner Sicht bestehende Benachteiligung der Ostdeutschen. 1992 gehörte er zu den Mitbegründern des Komitees für Gerechtigkeit. Bei der Bundestagswahl 1994 kandidierte er als Parteiloser auf der offenen Liste der PDS und gewann ein Direktmandat im Wahlkreis Berlin-Mitte – Prenzlauer Berg gegen Wolfgang Thierse. Als Alterspräsident hielt er am 10. November 1994 die Eröffnungsrede zum 13. Deutschen Bundestag. Im Oktober 1995 legte er sein Mandat aus Protest gegen eine geplante Verfassungsänderung im Zusammenhang mit der Erhöhung der Diäten für Bundestagsabgeordnete nieder. Heym starb am 16. Dezember 2001 am Toten Meer in Israel, nach der Teilnahme an einem Heinrich-Heine-Symposium in Jerusalem. Als Todesursache wurde später Herzversagen genannt. In der Forschung umstritten ist die genaue Schreibung seines Sterbeorts: Wikidata nennt En Bokek, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen En Boqeq.
Literarische Merkmale↑
Sein Schreiben war lange von einer doppelten Sprachheimat geprägt. In den Jahren des Exils und noch nach seiner Übersiedlung in die DDR verfasste Heym seine Werke auf Englisch; erst ab Anfang der 1970er Jahre schrieb er ausschließlich auf Deutsch. In den ersten Jahren seines DDR-Aufenthalts war der überzeugte Sozialist bereit, das Land mit dezidiert sozialistischen Romanen und Erzählungen zu unterstützen. Zugleich griff er immer wieder zu historischen und biblischen Stoffen, etwa in Lassalle oder in seinem Buch über den 17. Juni 1953. Sein Roman The Crusaders galt als glänzend geschrieben, vielgelesen und vielgefeiert.
Rezeption↑
Wie umstritten und zugleich beachtet Heyms Werk war, zeigt schon die frühe Kritik: Heinrich Eduard Jacob besprach The Crusaders am 24. Dezember 1948 wohlwollend im New Yorker Aufbau, monierte aber, Heym sei in seiner Darstellung nicht weit genug gegangen. Heym akzeptierte diese Kritik nicht und beschwerte sich beim Chefredakteur der Zeitung, Manfred George. In der DDR wechselten Anerkennung und Sanktion: 1953 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 1959 einen Nationalpreis der DDR, doch führten seine Konflikte mit der Staatsführung zeitweise zu Veröffentlichungsverbot und Ausschluss aus dem Schriftstellerverband.
Nachwirkung findet Heym bis heute in zahlreichen Ehrungen und Institutionen. Er war Ehrendoktor der Universitäten Bern und Cambridge sowie seit 2001 Ehrenbürger der Stadt Chemnitz. 1993 wurde ihm der Jerusalem-Preis zugesprochen. 2004 wurde eine Berliner Stadtteil-Bibliothek in Stefan-Heym-Bibliothek umbenannt. Seit 2008 verleiht die Stadt Chemnitz alle drei Jahre den Internationalen Stefan-Heym-Preis an Autoren und Publizisten, „die sich in gesellschaftliche wie politische Debatten einmischen, um für moralische Werte zu streiten“. 2009 wurde in Berlin-Grünau eine Gedenkstele mit den eingravierten Worten „Ich habe mich immer eingemischt S.H.“ aufgestellt. Seit 2020 werden an der TU Chemnitz Teile seines Nachlasses digitalisiert.
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