Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Der König David Bericht
Eingang · Werke · Der König David Bericht
Abbildung nicht verfügbar
Der König David Bericht
1972
– Werkseintrag –

Der König David Bericht

1972 · Roman

Ein Gelehrter soll dem toten König David ein Heldendenkmal schreiben – doch je genauer er forscht, desto gefährlicher wird ihm die Wahrheit.

Überblick

Der Roman Der König David Bericht von Stefan Heym erschien 1972 zunächst in einer westdeutschen Ausgabe, ein Jahr später auch in der DDR. Heym schrieb das Buch zuerst auf Englisch und übertrug es anschließend selbst ins Deutsche. Er greift darin Stoffe aus dem Tanach über den König David und dessen Herrschaft auf. Aus dem biblischen Stoff formt Heym eine Erzählung über Macht, Geschichtsschreibung und die Frage, wer bestimmen darf, was als Wahrheit gilt. Gerade im Westen wurde das Werk als verschlüsselte Auseinandersetzung mit dem Stalinismus gelesen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der Gelehrte und Historiker Ethan ben Hoshaja aus der Stadt Esrah. König Salomo beruft ihn zum Redaktor eines amtlichen Werks: Ethan soll den einzig wahren, historisch genauen und offiziell anerkannten Bericht über den Aufstieg, das Leben und die Taten des Königs David verfassen, des Vaters Salomos. Zur Seite steht ihm eine Kommission aus hohen Würdenträgern – dem Kanzler, dem Heerführer, einem Propheten, einem Priester und zwei Schreibern. Ein Stimmrecht besitzt Ethan in diesem Gremium jedoch nicht.

Für seine Arbeit wertet Ethan alte Dokumente aus und befragt Zeitgenossen Davids: Angehörige der königlichen Familie ebenso wie Wahrsagerinnen, Huren und Soldaten. Je tiefer er gräbt, desto klarer wird ihm, dass der wirkliche David wenig mit dem strahlenden Helden zu tun hat, den Salomo verewigt sehen will. So gerät der Historiker in einen Zwiespalt zwischen dem, was er herausfindet, und dem, was er niederschreiben darf. Das Werk erzählt in 26 Kapiteln, wie gefährlich es ist, an einer Geschichte zu rühren, die von oben bereits festgelegt wurde.

Die Handlung im Detail

Der Historiker Ethan ben Hoshaja aus Esrah wird von König Salomo zum Redaktor eines gewaltigen Staatswerks bestimmt. Er soll den einen und einzigen wahren, autoritativen, historisch genauen und amtlich anerkannten Bericht über den erstaunlichen Aufstieg, das gottesfürchtige Leben sowie die heroischen Taten des David ben Jesse abfassen, des Königs von Juda und Israel und Vaters König Salomos. Ethan wird in eine Kommission aus hohen Staatsvertretern berufen, doch ohne Stimmrecht. Ihr gehören der Kanzler Josaphat, der Heerführer Benaja, der Prophet Nathan, der Priester Zadok sowie die Schreiber Elihoreph und Ahija an.

Bei seinen Nachforschungen wertet Ethan Dokumente aus Davids Herrschaftszeit aus, darunter alte Tontäfelchen. Er befragt außerdem noch lebende Zeitgenossen des Königs, unter ihnen Bath-sheba, die Mutter Salomos, und Michal, eine Frau Davids, dazu Wahrsagerinnen, Huren und Soldaten. Aus diesen Quellen und Gesprächen setzt sich für den Historiker ein Bild zusammen, das dem gewünschten Heldenbild widerspricht. David erscheint als Machtmensch, der zum Erreichen seiner Ziele bedenkenlos Menschenleben opferte. Seine Verbrechen verübte er unter dem Vorwand, in göttlichem Auftrag zu handeln. Zu seinem widersprüchlichen Wesen gehörte auch, dass er von seinen Leidenschaften getrieben wurde.

Ethan deutet seine Erkenntnisse in dem Bericht nur verdeckt an. Dennoch zieht er das Misstrauen der Kommissionsmitglieder auf sich. Diese erkennen, dass sein Wissen die heroische Darstellung Davids gefährden kann, und machen ihm wegen Hochverrats den Prozess. In einem salomonischen Urteil verurteilt König Salomo den Schreiber nicht zum Tode. Stattdessen soll der Bericht totgeschwiegen, sein Verfasser verbannt und sein Name vergessen werden – mit einer einzigen Ausnahme: Ethan darf als Verfasser von Psalm 89 genannt werden, weil Salomo diesen Psalm für misslungen hält. Zugleich nimmt Salomo Lilith, eine der drei Frauen Ethans, bei Hofe auf. Ein Liebeslied, das Ethan einst für Lilith gedichtet hatte, gibt der König überdies als eigenes Werk aus – als das Hohe Lied Salomos.

Stil

Angelegt ist der Roman als fiktiver amtlicher Bericht, den der Historiker Ethan im Auftrag des Hofes verfasst. Schon der ausufernde, mit Großbuchstaben und Titeln überladene Name des Werks über David treibt die Sprache der Macht ins Lächerliche und macht den offiziellen Ton als hohle Verherrlichung kenntlich. In diese behördlich-feierliche Diktion mischt Heym die Stimme des Gelehrten, der Dokumente sichtet und Zeugen befragt, sodass sich die vorgeschriebene Heldenlegende und die unbequeme Wirklichkeit ständig reiben. Der biblische Stoff wird so zur Bühne für eine Auseinandersetzung mit Zensur, Geschichtsfälschung und dem Zwiespalt des Schreibenden zwischen Wahrheit und Selbstschutz. Die Gliederung in 26 Kapitel folgt dem Fortgang von Ethans Recherche und lässt das Bild Davids Schritt für Schritt kippen.

Rezeption

Aufgenommen wurde das Werk vor allem im Westen als Beitrag zu einer hochaktuellen Debatte. Viele Rezensenten sahen darin deutliche Bezüge zur Gegenwart und deuteten das Buch in erster Linie als Abrechnung mit dem Stalinismus. Marcel Reich-Ranicki brachte diese Lesart in der Zeitung „Die Zeit“ 1972 mit dem Titel „König David alias Stalin“ auf den Punkt. Auch Heinrich Böll besprach den Roman im selben Jahr im „Spiegel“. Innerhalb von Heyms Schaffen steht das Buch neben den Romanen Die Architekten und Collin, die demselben Themenkreis von Stalinismus und Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet sind.

Über die Jahrzehnte fand der Stoff auch auf der Bühne und im Rundfunk neue Formen. In Ungarn entstand 1984 eine Rockoper unter dem Titel A krónikás. Der Mitteldeutsche Rundfunk brachte 1995 eine Hörspielbearbeitung heraus. In Israel folgte 2016 eine Theaterfassung von Roee Chen. Damit wirkt die Auseinandersetzung mit David, der Macht und der amtlich verordneten Wahrheit weit über den Erscheinungszeitpunkt hinaus.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten