1976
Der Kuss der Spinnenfrau
Überblick↑
Der Roman Der Kuss der Spinnenfrau des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig erschien 1976. Er gilt als sein erfolgreichstes Buch. Erzählt wird von zwei Männern, die eine Gefängniszelle teilen: einem wegen Homosexualität verurteilten Häftling und einem inhaftierten marxistischen Revolutionär. Die deutsche Übersetzung stammt von Anneliese Botond und kam 1979 bei Suhrkamp heraus. Das Werk hat weit über die Literatur hinaus gewirkt und wurde für Bühne, Musical und Film bearbeitet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einer argentinischen Gefängniszelle sitzen zwei sehr verschiedene Männer aufeinander. Molina ist wegen Homosexualität zu acht Jahren Haft verurteilt; er versteht sich zeitweise selbst als Frau. Valentín Arregui ist als marxistischer Revolutionär wegen linksextremer Aktivitäten inhaftiert.
Um die Zeit zu vertreiben, erzählt Molina seinem Zellengenossen alte Filme nach: Hollywood- und Ufa-Produktionen der 1930er und 1940er Jahre. Der erste davon heißt Katzenmenschen und handelt von einer Frau, die ihren Mann nicht einmal küssen will, weil sie sich verflucht glaubt: Bei Erregung, so fürchtet sie, verwandelt sie sich in einen mörderischen Panther.
Über diese Geschichten kommen die beiden Männer einander näher. Molina verliebt sich in Valentín, und die festen Rollenbilder zwischen ihnen beginnen sich aufzulösen. Doch die Nähe ist nicht so unschuldig, wie sie scheint: Die Gefängnisleitung hat eigene Pläne mit den beiden Häftlingen. Valentín erhält Essen, das mit Medikamenten versetzt ist, und Molina pflegt ihn.
Die Handlung im Detail↑
Zwei Häftlinge teilen sich eine Zelle. Molina ist wegen Homosexualität zu acht Jahren verurteilt; im Buch erscheint er als homosexueller oder transgeschlechtlicher Mensch und bezeichnet sich gelegentlich selbst als Frau. Valentín Arregui sitzt als marxistischer Revolutionär wegen linksextremer Aktivitäten ein.
Molina erzählt Valentín alte Filme nach, Hollywood- und Ufa-Stoffe der 1930er und 1940er Jahre. Diese Geschichten handeln von schwierigen Liebesverhältnissen, von der Opferbereitschaft der liebenden Frau, von Unterdrückung und Gefangenschaft. Sie spiegeln damit die Lage der beiden Männer. Molina verliebt sich in Valentín, beide nähern sich einander an, und die starren Geschlechterrollen lösen sich auf.
Hinter dieser Annäherung steht ein Plan der Gefängnisleitung. Valentín bekommt Essen, das mit Medikamenten vergiftet ist. Er soll körperlich geschwächt werden, damit er Molina gegenüber redet und dieser die Informationen weitergibt. Molina jedoch warnt Valentín vor dem vergifteten Essen und Trinken und teilt seine eigene Nahrung mit ihm. Er pflegt ihn, nachdem Valentín von dem Essen krank geworden ist. Valentín zeigt sich sehr dankbar.
Kurz vor Molinas Entlassung kommt es zwischen den beiden zu einer kurzen sexuellen Beziehung. Valentín sagt ihm, er sei nicht die Pantherfrau, die niemanden küssen kann: „Du bist die Spinnenfrau, du fängst die Männer in deinem Netz ein.“
Molina wird entlassen. Draußen führt er einen Auftrag für Valentíns Widerstandsgruppe aus und wird dabei erschossen. Valentín bleibt im Gefängnis zurück, sein weiteres Schicksal bleibt offen. Im letzten Kapitel liegt er im Delirium, gezeichnet von den Folgen der Folter. In diesem Fiebertraum erscheint die Spinnenfrau und weist ihm den Weg zu der Nahrung, nach der er sich sehnt.
Stil↑
Auffallend ist an diesem Roman, dass ein Erzähler völlig fehlt. Das Buch besteht allein aus gesprochener Rede, aus Bewusstseinsströmen und gegen Ende aus Polizeiberichten. Ein Erzähler tritt nur noch dadurch hervor, dass jemand diese Textstücke ausgewählt und angeordnet hat. Die Teile werden einander gegenübergestellt wie beim filmischen Verfahren der Montage.
Ganz losgelöst von der Handlung läuft in neun Fußnoten eine wissenschaftliche Abhandlung über das Wesen und die Ursachen der Homosexualität mit. Sie bildet eine zweite Ebene neben dem Gespräch in der Zelle.
Die nacherzählten Filme sind mehr als Zeitvertreib. Valentín und Molina verständigen sich über sie, und die Filmhandlungen wirken wie ein Gleichnis auf ihre eigene Lage: schwierige Liebesverhältnisse, die Opferbereitschaft der liebenden Frau, Unterdrückung und Gefangensein.
Rezeption↑
Von den Büchern Manuel Puigs zählt dieser Roman zu den erfolgreichsten. Seine Wirkung reicht weit über den Buchmarkt hinaus. Puig selbst schuf 1983 eine Bühnenfassung, die 1985 im Londoner West End in englischer Sprache am Bush Theatre uraufgeführt wurde. Im selben Jahr kam die Verfilmung von Héctor Babenco heraus, mit William Hurt, Raúl Juliá und Sônia Braga in den Hauptrollen.
1992 folgte im Londoner West End die Uraufführung des Musicals Kuss der Spinnenfrau von John Kander, Fred Ebb und Terrence McNally. Dieses Bühnenmusical wurde 2025 seinerseits verfilmt, unter der Regie von Bill Condon und mit Diego Luna, Tonatiuh Elizarraraz und Jennifer Lopez in den Hauptrollen.
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