1830 – 1914
Paul Heyse
Kurzporträt↑
Paul Heyse (1830–1914) war einer der erfolgreichsten und einflussreichsten deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er in Berlin. Ab 1854 lebte er bis zu seinem Tod in München. Dort nahm er als „Dichterfürst" eine bedeutende Stellung im literarischen Leben ein. Sein Werk umfasst nach Angaben seines Biografen Erich Petzet rund 180 Novellen, acht Romane und 68 Dramen. Dazu kommen zahllose Gedichte und Übersetzungen vor allem aus dem Italienischen. 1910 wurde er als erster deutscher Autor belletristischer Werke mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Theodor Fontane hatte schon 1890 prophezeit, ein „Heysesches Zeitalter" werde dem Goetheschen folgen. Diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.
Biografie↑
Am 15. März 1830 kam Paul Johann Ludwig Heyse in der Berliner Heiliggeiststraße zur Welt. Sein Vater Karl Wilhelm Ludwig Heyse war außerordentlicher Professor für klassische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft. Als junger Mann hatte er den Sohn Wilhelm von Humboldts sowie Felix Mendelssohn Bartholdy erzogen. Die Mutter Julie, geborene Saaling, stammte aus der wohlhabenden Familie des preußischen Hofjuweliers Salomon Jacob Salomon. Dieser nahm nach seinem Übertritt vom Judentum zum Christentum den Namen Saaling an. Julie war eine Cousine von Lea Salomon, der Mutter Felix Mendelssohn Bartholdys. Im Elternhaus traf sich eine kultivierte Gesellschaft zu Gesprächen über Musik und Kunst. Durch die Mutter erhielt der Junge früh Zutritt zu den künstlerischen Salons Berlins.
Heyse besuchte bis 1847 das renommierte Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Dort glänzte er als Musterschüler und schrieb bereits eigene Gedichte. 1846 lernte er den 15 Jahre älteren Emanuel Geibel kennen, einen damals populären Dichter. Geibel wurde zu seinem lebenslangen Mentor und Freund. Er führte ihn in das Haus des Kunsthistorikers Franz Kugler ein, wo Heyse auch Jakob Burckhardt begegnete. 1847 begann er ein Studium der klassischen Philologie in Berlin. An der Märzrevolution 1848 beteiligte er sich kurz, zog sich aber bald wieder zurück. Im Berliner Dichterkreis „Tunnel über der Spree" verkehrte er ab 1849 mit Adolph Menzel, Theodor Fontane und Theodor Storm. Im April 1849 wechselte er nach Bonn. Dort studierte er Kunstgeschichte und romanische Sprachen bei Friedrich Diez, dem Begründer der Romanischen Philologie in Deutschland. Eine Liebesaffäre mit der Frau eines Professors zwang ihn zur Rückkehr nach Berlin.
1852 promovierte Heyse mit einer Arbeit über den Refrain in der Poesie der Troubadours. Ein preußisches Staatsstipendium ermöglichte ihm eine Italienreise zur Erforschung alter provenzalischer Handschriften. In der Bibliothek des Vatikans erhielt er Hausverbot, weil er sich Notizen aus ungedruckten Manuskripten machte. In Italien freundete er sich mit Arnold Böcklin und Joseph Victor von Scheffel an. Unter dem Eindruck der Landschaft entstanden Werke, die ihn bekannt machten. Dazu gehört seine berühmteste Novelle L'Arrabbiata (1853).
1854 vermittelte Geibel eine Einladung König Maximilians II. von Bayern. Heyse erhielt eine jährliche Pension von zunächst 1000 Gulden, um nach München überzusiedeln, an den königlichen Symposien teilzunehmen und zu dichten. Zudem wurde ihm ein Vorlesungsrecht an der Universität gewährt, das er jedoch nie ausübte. Nach der Heirat mit Margaretha Kugler, der Tochter seines Mentors, traf er im Mai 1854 in München ein. Bei den Symposien saß er neben Geibel, Friedrich Bodenstedt und führenden Wissenschaftlern wie Justus von Liebig und Max von Pettenkofer. Mit dieser Berufung entschied sich Heyse, wie die Deutsche Biographie notiert, für die Existenz als freier Schriftsteller. Aus der Ehe mit Margaretha gingen vier Kinder hervor. Am 30. September 1862 starb sie in Meran an einer Lungenkrankheit.
1856 gründete Heyse mit Geibel und Wilhelm Heinrich Riehl den Dichterverein „Die Krokodile". 1857 lernte er in Zürich Gottfried Keller kennen. Mit ihm begann ein lebenslanger Briefwechsel. Auch mit Eduard Mörike korrespondierte er über Jahre. 1867 heiratete er die junge Münchnerin Anna Schubart. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, die beide früh starben. Als König Ludwig II. 1868 Geibel die Pension entzog, verzichtete Heyse aus Solidarität auf seine eigene. 1871 wurde er Mitglied des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst. Im selben Jahr erschien die Einleitung zum Deutschen Novellenschatz (mit Hermann Kurz herausgegeben). In ihr entwickelte Heyse seine berühmte „Falkentheorie" der Novelle.
Anfang der 1870er Jahre erwarb Heyse in der Münchner Maxvorstadt nahe dem Königsplatz ein kleines Wohnhaus. Er ließ es von Gottfried von Neureuther zu einer neoklassizistischen Villa ausbauen. Die Paul-Heyse-Villa wurde zu einem Mittelpunkt des literarischen München. 1887 trat er aus dem Maximiliansorden aus, weil sein Vorschlag, Ludwig Anzengruber aufzunehmen, am Einspruch klerikaler Kreise scheiterte. Ab 1899 verbrachte er ein Jahrzehnt lang die Winterhalbjahre in einer Villa in Gardone Riviera am Gardasee.
1910 ernannte ihn die Stadt München anlässlich seines 80. Geburtstags zum Ehrenbürger. Prinzregent Luitpold verlieh ihm den persönlichen Adelstitel, von dem er jedoch niemals Gebrauch machte. Am 10. Dezember desselben Jahres erhielt er den Literaturnobelpreis. Heyse starb am 2. April 1914 im Alter von 84 Jahren in München, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er gilt als letzter der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts und ruht im alten Teil des Münchner Waldfriedhofs.
Literarische Merkmale↑
Heyse war ein Meister der Novelle. Deren theoretische Grundlegung lieferte er selbst. In der Einleitung zum Deutschen Novellenschatz (ab 1871, mit Hermann Kurz herausgegeben) entwickelte er die sogenannte Falkentheorie, die lange Zeit als mustergültig galt. Die Deutsche Biographie bezeichnet sie als eine „auf die eigene Praxis bezogene Werkpoetik". Sein Werk ist von außergewöhnlicher Vielfalt und Produktivität: rund 180 Novellen, acht Romane, 68 Dramen, dazu Gedichte und Übersetzungen.
Als Erzähler suchte Heyse einen Mittelweg zwischen Realismus und Idealismus. Mit dem Münchner Dichterkreis verband ihn die Maxime, die Kunst habe „auch das Zeitliche im Licht des Ewigen" darzustellen, bei realistischen Stoffen aber „das allgemein Menschliche" und „Reiz und Adel der äußeren Form" zu bewahren. Auf ein ästhetisches Dogma legte er sich nicht fest. Seine Stoffe schöpfte er mit besonderer Vorliebe aus Italien. Die Italienreise von 1852/53 prägte ihn nachhaltig. Werke wie L'Arrabbiata oder die Lieder aus Sorrent zeugen von der südlichen Inspiration. Auch als Übersetzer leistete er, so die Deutsche Biographie, vor allem als Vermittler der italienischen Literatur Hervorragendes – etwa von Leopardi und Giusti. Das Italienische Liederbuch von 1860 wurde später von Hugo Wolf vertont.
Dem liberalen Bürgertum galt Heyse lange als Repräsentant moderner religiös-weltanschaulicher Gedanken, moderner Psychologie, Erotik und Gesellschaftskritik. Seine Moralischen Novellen (1869) brachten ihm sogar den Vorwurf der Sittenverletzung ein, gegen den er sich zu wehren hatte. Mit dem Tod König Maximilians lockerten sich die Beziehungen zum Hof. Richard Wagner lehnte Heyse ab, obwohl er Franz Liszt und Hans von Bülow nahestand.
Rezeption↑
Heyses Erfolg war zu Lebzeiten überwältigend. Theodor Fontane glaubte 1890, der Name Heyses werde seiner Epoche „den Namen geben" und ein „Heysesches Zeitalter" dem Goetheschen folgen. Heyses Biograf Erich Petzet rühmte die „Umfassenheit seiner Produktion". Die von Petzet 1924 besorgte Werkausgabe umfasst drei Reihen von je fünf Bänden mit jeweils rund 700 Seiten – und enthält dabei noch nicht alle Werke. Als „Dichterfürst" pflegte Heyse zahlreiche Freundschaften und war als Gastgeber berühmt. Der Schriftsteller Hans Carossa erinnerte sich, wie respektvoll die Spaziergänger Heyse im Englischen Garten grüßten.
Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1900 erschienen Sonderhefte, Alben und zahlreiche Publikationen. Wilhelm Bölsche, Georg Brandes, Maximilian Harden und Alfred Kerr widmeten ihm Geburtstagsartikel. 1895 wurde er zum Mitglied der American Philosophical Society gewählt. Den krönenden Höhepunkt brachte 1910 der Literaturnobelpreis. Heyse war der erste deutsche Autor belletristischer Werke, dem diese Auszeichnung zuteilwurde.
Doch schon zu Lebzeiten geriet seine Position ins Wanken. Die junge Generation des Naturalismus wählte ihn, wie die Deutsche Biographie ausführt, zum Hauptziel ihrer Negation veralteter „idealistisch-ästhetischer" Kunstprinzipien. Heyse wehrte sich mit dem „Mut meiner Antipathie", etwa im Spruchbüchlein (1885), im Drama Wahrheit (1892) oder im Roman Merlin (1892). Doch er blieb in schwacher Position. Auch seine Versuche, sich stofflich dem Naturalismus anzunähern, scheiterten. Die Polemik der jungen Kunst dämmte seine literarische Wirkung ein, nicht aber das Ansehen seiner Persönlichkeit, die der Jugend in ihrer Unabhängigkeit nahe zu sein schien. Als Literaturkritiker bewahrte er sich, so die Deutsche Biographie, den Blick für das qualitativ Gute und Neue. Heute gilt Heyse als bedeutender Repräsentant des Münchner Dichterkreises und als Klassiker der deutschen Novellenkunst des 19. Jahrhunderts.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (44 weitere Titel)