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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Patricia Highsmith
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Porträt Patricia Highsmith
Patricia Highsmith
1921 – 1995
– Autorenporträt –

Patricia Highsmith

1921 – 1995 · 74 Jahre

Patricia Highsmith schrieb psychologische Kriminalromane, die nicht fragen, wer der Mörder ist, sondern warum ein unauffälliger Mensch zum Verbrecher wird – ihre bekannteste Figur ist der reuelose Mörder Tom Ripley.

Kurzbiografie↑

Patricia Highsmith wurde 1921 in Fort Worth, Texas, geboren und starb 1995 in Locarno in der Schweiz. Sie schrieb vor allem psychologische Kriminalromane, daneben zeitgenössische Romane und eine große Zahl von Kurzgeschichten. Ihre Bücher fragen nicht, wer der Täter ist, sondern warum ein unauffälliger Durchschnittsmensch zum Verbrecher wird. Berühmt wurde sie 1951, als Alfred Hitchcock ihren ersten Roman Strangers on a Train verfilmte. Ihre bekannteste Figur ist Tom Ripley, ein Mörder ohne Reue, dem sie fünf Romane widmete. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte Highsmith in Europa, wo ihr Werk auch literarisch höher geschätzt wurde als in ihrer Heimat.


Biografie↑

Geboren wurde sie am 19. Januar 1921 in Fort Worth in Texas als Mary Patricia Plangman. Ihr Vater Jay Bernhard Plangman (1887–1975) war der Sohn deutscher Auswanderer und arbeitete als Grafiker. Auch die Mutter Mary Coates (1895–1991) war Grafikerin. Die Ehe der Eltern wurde neun Tage vor der Geburt des Kindes geschieden, nach nur achtzehn Monaten. Das Neugeborene wuchs zunächst bei der Großmutter Willie Mae Coates in Fort Worth auf. 1924 heiratete die Mutter den Grafiker Stanley Highsmith (1901–1970), dessen Namen das Mädchen fortan trug. Ihren leiblichen Vater lernte sie erst mit zwölf Jahren kennen.

1927 zog die Familie nach New York. Dort besuchte Highsmith bis 1938 die Julia Richman High School. Von 1938 bis 1942 studierte sie am Barnard College, das nur Frauen offensteht, Englische Literaturwissenschaft mit Nebenfach Latein; zeitweise belegte sie außerdem Kurse in Zoologie und Griechisch. Schon als Schülerin schrieb sie Geschichten und Gedichte und hielt ihre Einfälle in Notizheften fest. Gleichzeitig zeichnete und malte sie viel und war lange unschlüssig, welchem der beiden Wege sie folgen sollte. Erste Erzählungen erschienen während der Collegezeit in der Studentenzeitschrift Barnard Quarterly.

Nach dem Abschluss schlug sie sich mit verschiedenen Tätigkeiten durch, unter anderem als Verkäuferin in der Spielzeugabteilung eines New Yorker Kaufhauses. Ab 1942 arbeitete sie als Comic-Texterin für Verlage wie Fawcett und Timely Comics, aus dem später Marvel Comics wurde. Sie schrieb Geschichten für Figuren wie Black Terror, Golden Arrow, Spy Smasher und Captain Midnight sowie Wild-West-Comics und Comic-Biografien. Ein erster Romanversuch mit dem Titel The Click of the Shutting blieb Anfang der vierziger Jahre unvollendet.

Prägend war für sie ein Buch, das sie mit acht Jahren im elterlichen Bücherschrank fand: The Human Mind des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, eine allgemein verständliche Darstellung von Menschen mit den unterschiedlichsten seelischen Störungen. Zu ihren literarischen Vorbildern zählten unter anderem Dostojewski, Friedrich Nietzsche, Edgar Allan Poe, Joseph Conrad, Franz Kafka, Julien Green, Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Ihre 1941 geschriebene Kurzgeschichte The Heroine verkaufte sie 1944 an die Modezeitschrift Harper's Bazaar, die sie im August 1945 druckte. Das Preiskomitee des O.-Henry-Preises wählte sie unter die besten Geschichten des Jahres. Im Sommer 1948 erhielt Highsmith ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo in Saratoga Springs im Staat New York. Dort schrieb sie große Teile ihres ersten Romans Strangers on a Train, der 1950 erschien und sehr erfolgreich war. Alfred Hitchcock kaufte die Rechte für 6800 US-Dollar und verfilmte den Stoff 1951; am Drehbuch arbeitete unter anderem Raymond Chandler mit. Die Verfilmung machte die Autorin weltweit bekannt.

1953 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Claire Morgan den Roman The Price of Salt, die Geschichte einer lesbischen Liebe mit glücklichem Ausgang. Angeregt hatte sie dazu eine Kundin aus ihrer Zeit in der Spielwarenabteilung, der sie persönlich nie begegnete. Das Pseudonym wählte Highsmith, weil sie ihre Homosexualität nicht öffentlich machen wollte: Im konservativer werdenden Klima der fünfziger Jahre fürchtete sie, als Autorin lesbischer Geschichten abgestempelt zu werden. Auch dieses Buch verkaufte sich sehr gut, allein von der Taschenbuchausgabe fast eine Million Exemplare. Erst 1990, bei der Neuauflage unter dem Titel Carol, bekannte sie sich zu ihrer Autorschaft. Die Erscheinungsjahre werden unterschiedlich angegeben, teils 1952, teils 1953.

Die frühen Erfolge machten sie für einige Zeit finanziell unabhängig und erlaubten ihr ausgedehnte Reisen, vor allem nach Europa. Oft suchte sie gezielt Orte auf, die in einem geplanten Buch vorkommen sollten; manchmal entstand die Idee zu einem Werk auch erst unterwegs. Der Anblick eines jungen Mannes, der allein am Strand von Positano entlangging, wurde für sie zum Ausgangspunkt zweier äußerlich ähnlicher Gegenspieler, die später Tom Ripley und Richard Greenleaf hießen. 1955 erschien The Talented Mr. Ripley, ausgezeichnet mit dem Grand prix de littérature policière. Erst 1970 folgte mit Ripley Under Ground die erste Fortsetzung, danach Ripley's Game (1974), The Boy Who Followed Ripley (1980) und Ripley Under Water (1991).

1963 verließ Highsmith die Vereinigten Staaten und ließ sich in Europa nieder. Selten hielt sie es länger als ein paar Jahre am selben Ort aus. Nach einigen Monaten im süditalienischen Positano lebte sie von Ende 1963 bis 1967 in Großbritannien. Von 1967 bis 1981 wohnte sie in Frankreich, zunächst in der Gegend von Fontainebleau, in den siebziger Jahren in einem Haus in Montcourt-Fromonville. Dort besuchten sie im Oktober 1974 Peter Handke und Wim Wenders, um ihr Filmvorhaben Der amerikanische Freund anzubahnen; mit dem fertigen Film war Highsmith im Nachhinein nicht einverstanden. Weil ihr die Besteuerung in den USA wie in Frankreich missfiel, zog sie 1981 in die italienischsprachige Schweiz.

Am 4. Februar 1995 starb Patricia Highsmith in einem Krankenhaus in Locarno an den Folgen einer aplastischen Anämie und eines Lungenkrebses. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof ihres letzten Wohnorts Tegna im Tessin. Als Haupterbin setzte sie die Künstlerkolonie Yaddo ein, die sie schon zu Lebzeiten mehrfach großzügig bedacht hatte. Ihr Nachlass umfasst rund fünfzig laufende Regalmeter und liegt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.


Literarische Merkmale↑

Im Mittelpunkt ihrer Romane steht nicht die Frage, wer ein Verbrechen begangen hat, sondern warum. Highsmith interessierte sich für die Umstände und Beweggründe, die einen unauffälligen Menschen zum Täter machen, und weniger für die moralische Bewertung. Wichtiger als die Aufklärung war ihr das Innenleben der Figuren.

Ein wiederkehrendes Muster sind zwei Gegenspieler, die einander äußerlich fremd sind und dennoch in einer bewussten oder unbewussten Abhängigkeit voneinander stehen. So ist es in Strangers on a Train, The Blunderer, The Two Faces of January und Those Who Walk Away. In This Sweet Sickness und The Cry of the Owl untersuchte sie Menschen, die von einer Zwangsvorstellung getrieben werden. In späteren Büchern wie The Tremor of Forgery, A Dog's Ransom oder People Who Knock on the Door tritt die Kriminalhandlung immer weiter zurück; an ihre Stelle rücken Personen- und Milieuschilderungen.

Die Ripley-Romane sind vordergründiger und ereignisreicher als ihre übrigen Bücher; Konsum und ein verfeinerter Lebensstil spielen darin eine große Rolle. Tom Ripley ist ein hedonistischer Krimineller ohne moralische Bindung, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Anders als andere Figuren Highsmiths plagt ihn kein schlechtes Gewissen. In Interviews sprach die Autorin wiederholt von ihrer Faszination für das Böse und dessen Sieg über das Gute.

In den kürzeren Erzählungen zeigt sich eine andere Seite: pointierte Kurzgeschichten mit einem Sinn für das Makabre und für schwarzen Humor stehen neben Charakterstudien mit bestürzendem Ausgang, etwa The Terrapin und When the Fleet was in at Mobile. In diesen kurzen Formen bewegte sie sich durch alle Genres bis hin zu Horror und Science-Fiction. Wie sie selbst über das Bauen von Handlung dachte, legte sie 1966 in dem Essay Plotting and Writing Suspense Fiction dar, einer Art Werkstattbericht.


Rezeption↑

Ihr Rang wird international unterschiedlich beurteilt. In Europa gilt Highsmith als Schriftstellerin von hohem literarischem Rang, in ihrem Geburtsland dagegen war sie trotz der frühen Erfolge weniger angesehen. Der in den USA bekannteste ihrer Romane blieb bis heute Strangers on a Train, was Martha Hailey Dubose vor allem der Verfilmung durch Hitchcock zuschreibt. Erst in jüngerer Zeit entdeckt auch ein breiteres amerikanisches Publikum ihr Werk wieder.

In den Vereinigten Staaten hatte sie stärker als in Europa mit dem Schubladendenken von Verlegern und Kritikern zu kämpfen. Für eine Kriminalautorin war sie manchen zu literarisch, den Literaten wiederum zu sehr Kriminalautorin. Selbst als etablierte Schriftstellerin erlebte sie Absagen von Verlagen oder wurde aufgefordert, Manuskripte umzuschreiben oder zu kürzen. Europäische Kollegen wie Peter Handke, Graham Greene und Gabriele Wohmann schätzten sie dagegen sehr. Der britische Kritiker Julian Symons nannte sie bereits 1985 die wichtigste lebende Autorin von Kriminalliteratur. Dubose führt den Unterschied auch darauf zurück, dass europäische Leser eher bereit waren, einen Helden wie Tom Ripley zu akzeptieren, der weder bestraft wird noch Reue zeigt.

Ausgezeichnet wurde sie mehrfach, unter anderem 1946 mit dem O.-Henry-Preis, 1957 mit dem Grand prix de littérature policière, 1964 mit dem Dagger Award und 1979 mit dem Titel Grand Master der Svenska Deckarakademin für ihr Lebenswerk. 1990 wurde sie zum Officier dans l'Ordre des Arts et des Lettres ernannt. Die Mystery Writers of America nominierten sie dreimal, die Edgar-Allan-Poe-Statue blieb ihr jedoch zeitlebens verwehrt. 1991 stand ihr Name auf der Vorschlagsliste für den Literatur-Nobelpreis; die Wahl fiel auf Nadine Gordimer.

Ein dunkler Schatten liegt auf ihrer Person. In Tagebüchern, privaten Aufzeichnungen und gegenüber Freunden äußerte sich Highsmith wiederholt rassistisch, unter anderem über Afroamerikaner, und antisemitisch, obwohl sie zwei leidenschaftliche Beziehungen zu Jüdinnen unterhielt. Sie bediente zeittypische antijüdische Stereotype und sprach vom Holocaust als „Semicaust“ oder „Holocaust Inc“. Zeitweise ergriff sie offen Partei für die Palästinenser und schrieb unter Pseudonymen Leserbriefe an europäische und nordamerikanische Zeitungen, die anti-israelische Ressentiments enthielten.

Ihre Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt. Die ersten deutschen Ausgaben brachte Anfang der sechziger Jahre der Rowohlt Verlag heraus, ab 1968 erschienen ihre Werke im Zürcher Diogenes Verlag, der seit 1993 die Weltrechte am Gesamtwerk hält. 2002 begann Diogenes eine vollständige Neuübersetzung; dabei kam heraus, dass viele Romane zuvor nur gekürzt auf Deutsch vorlagen. Zahlreiche Stoffe wurden verfilmt, von René Clément und Wim Wenders über Claude Chabrol bis zu Anthony Minghella und Todd Haynes. 2021 erschienen ihre Tage- und Notizbücher, die Einsamkeit und Selbsthass ebenso zeigen wie ihre schriftstellerische Begabung. 2022 folgte der Dokumentarfilm Loving Highsmith von Eva Vitija über ihre Identitätssuche und ihr lesbisches Liebesleben.

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