1955
Der talentierte Mr. Ripley
Überblick↑
Der Kriminalroman Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith erschien 1955. Er ist der erste von fünf Romanen um die Figur Tom Ripley. In deutscher Sprache kam das Buch 1961 zunächst unter dem Titel Nur die Sonne war Zeuge heraus, später dann als Der talentierte Mr. Ripley. Das Magazin Der Spiegel zählt den Roman zu den besten hundert zwischen 1925 und 2025. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Hochstaplers, der in Italien in ein fremdes Leben hineinwächst.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Tom Ripley, ein junger Mann, der sich in New York mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Betrügereien über Wasser hält. Der reiche Werftbesitzer Herbert Greenleaf tritt an ihn heran und bittet ihn um einen Gefallen. Toms Aufgabe: nach Italien reisen und dort Greenleafs Sohn Dickie zur Heimkehr überreden. Dickie lebt in dem Badeort Mongibello nahe Neapel und versucht sich als Maler, statt die Firma des Vaters zu übernehmen.
Für Tom ist der Auftrag ein Ausweg aus seinem bisherigen Dasein. In Italien kommt er mit seinem Anliegen bei Dickie zwar nicht weiter, drängt sich aber rasch in dessen Leben. Auch die schriftstellernde Freundin Marge Sherwood gehört zu diesem Kreis. Tom empfindet eine wachsende Zuneigung zu Dickie. Zugleich wächst in ihm der Wunsch, dieses wohlhabende Leben für sich selbst zu beanspruchen. Heimlich zieht er Dickies Kleidung an und spielt sich Szenen vor, in denen er dessen Rolle einnimmt.
Doch das Arrangement hält nicht. Der Vater in Amerika verliert die Geduld, ein alter Freund Dickies taucht auf und beäugt Toms Motive misstrauisch, und Dickie selbst wendet sich wieder Marge zu. Tom sieht sich an den Rand gedrängt. Was er daraufhin unternimmt, bringt ihn in ein zähes Spiel mit Verdacht, Nachfragen und der italienischen Polizei.
Die Handlung im Detail↑
Tom Ripley schlägt sich in New York mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Betrügereien durch. Der Werftbesitzer Herbert Greenleaf bittet ihn, nach Italien zu fahren. Dort soll Tom den Sohn Dickie dazu bewegen, in die USA zurückzukehren und sich seinen Pflichten als Firmenerbe zu stellen. Dickie dilettiert im fiktiven Badeort Mongibello nahe Neapel als Maler. Tom nimmt den Auftrag als willkommene Gelegenheit, seinem alten Leben zu entkommen.
In Italien scheitert Tom mit seinem Anliegen, findet aber schnell Zugang zu Dickies Leben und zu dessen schriftstellernder Freundin Marge Sherwood. Tom empfindet Zuneigung zu Dickie und will zugleich dessen Wohlstand für sich. Seine Identifikation geht so weit, dass er heimlich Dickies Kleidung anzieht und sich selbst Szenen vorspielt, in denen er dessen Rolle übernimmt. Marge verdächtigt Tom, homosexuell zu sein.
Nach einigen Wochen droht Toms italienische Zeit zu enden. Herbert Greenleaf hält die Bemühungen für erfolglos und bittet ihn, sie einzustellen. Der Besuch von Dickies altem Freund Freddie Miles führt dazu, dass Dickie das Interesse an Tom verliert; auch Freddie beargwöhnt Toms Motive. Dickie will Marge wieder mehr Zeit widmen und im Winter mit ihr und seinem Freundeskreis zum Skifahren, ohne Tom. Während einer letzten gemeinsamen Reise nach Sanremo fasst Tom den Plan, Dickie zu ermorden und dessen Identität anzunehmen. Auf Toms Vorschlag mieten die beiden ein Ruderboot. Auf offenem Meer erschlägt Tom Dickie, versenkt die Leiche und lässt das Boot in Strandnähe untergehen.
Anschließend schickt Tom an Marge einen Brief in Dickies Handschrift. Darin bittet der vermeintliche Dickie, man möge einander bis auf weiteres nicht mehr sehen. Unter Dickies Namen mietet Tom sich eine Wohnung in Rom. Freddie Miles schöpft jedoch Verdacht. Eine Konfrontation zwischen den beiden endet damit, dass Tom auch Freddie umbringt. Von nun an lebt Tom in einem Katz-und-Maus-Spiel mit der italienischen Polizei. Es gelingt ihm eine Zeit lang, sich weiter als Dickie auszugeben. Dann aber verdächtigt die Polizei ausgerechnet Dickie des Mordes an Freddie Miles. Widerwillig gibt Tom die Verkleidung auf und tritt nur noch unter seinem eigenen Namen auf. Bei der Vernehmung erklärt er, er halte Dickies Verschwinden für einen Selbstmord.
Am Ende findet die Polizei im American-Express-Büro von Venedig Koffer mit Habseligkeiten Dickies. Tom hatte sie dort unter einem Decknamen deponiert, um sie vorübergehend loszuwerden. Weil er in Rom als Dickie aufgetreten war, rechnet er nun fest damit, durch seine Fingerabdrücke auf diesen Gegenständen enttarnt zu werden. Zusätzlich belastet ihn ein gefälschtes Testament Dickies, in dem er sich selbst als Alleinerben eingesetzt und das er an Herbert Greenleaf geschickt hatte. Tom geht zu diesem Zeitpunkt an Bord eines Schiffes nach Athen und erfährt den Ausgang zunächst nicht; er glaubt fest an seine bevorstehende Entlarvung. In Athen erfährt er dann, dass die Polizei seine Fingerabdrücke für die von Dickie hält. Auch Herbert Greenleaf erhebt keinen Einspruch gegen das Testament. Damit ist Tom frei.
Stil↑
Erzählt wird ganz aus der Nähe der Hauptfigur. Der Leser folgt Tom Ripley Schritt für Schritt, sieht seine Berechnungen ebenso wie seine Angstanfälle und weiß dabei mehr als jede andere Figur im Buch. Dadurch entsteht die eigentümliche Spannung des Romans: Nicht die Frage, wer die Tat begangen hat, treibt die Handlung, sondern die Frage, ob der Täter durchkommt.
Der Kriminalfall ist als Verwandlungsgeschichte angelegt. Tom probt seine neue Rolle zunächst heimlich mit fremder Kleidung und übernimmt später Handschrift, Name und Lebensstil eines anderen. Die Schauplätze des Buches – New York, ein Badeort nahe Neapel, Rom, Venedig, schließlich Athen – geben dem Geschehen den Schein einer Reiseerzählung, unter dem sich der Kriminalfall entwickelt. Der Kritiker Thomas Wörtche hat darauf hingewiesen, dass die Konstruktion des Handlungsverlaufs eine erhebliche Beugung der Wirklichkeit voraussetzt.
Rezeption↑
Bei seinem Erscheinen wurde der Roman positiv besprochen. Der New Yorker bezeichnete Tom Ripley als einen der „abstoßendsten und faszinierendsten Charaktere seit langem“ und die Geschichte als „bemerkenswert unmoralisch“. Anthony Boucher lobte im New York Times Book Review die Figurenzeichnung und nannte das Ergebnis „gekonnt“, wenn auch „etwas zu lang“. 1957 erhielt das Buch den französischen Grand prix de littérature policière für den besten fremdsprachigen Kriminalroman. Außerdem war es für den Edgar Allan Poe Award der Mystery Writers of America nominiert.
Nachdenklich äußerte sich 2009 Thomas Wörtche in Kindlers Literatur Lexikon über die Aufnahme der Ripley-Romane durch die Literaturkritik. Der Handlungsverlauf funktioniere „nur auf Kosten einer starken Realitätsbeugung“. Gut und Böse seien in der Jedermann-Figur Ripley gleichermaßen angelegt und könnten daher beliebig „abgerufen werden“. Die Rezeption erscheine ihm „zu eindimensional“. Gerade das Hadern der Hauptfigur mit den Folgen ihrer Tat, ihre Panikattacken und der Zwang, immer weitere Taten zu begehen, um die früheren zu verdecken, zeigten, dass Ripley keinen Seelenfrieden finde. Ihn als „eiskalt“ oder als amoralisch zu beschreiben, gehe deshalb fehl.
Der Stoff wurde mehrfach verfilmt. René Clément drehte 1960 Nur die Sonne war Zeuge, Anthony Minghella 1999 Der talentierte Mr. Ripley. Steven Zaillian schuf zudem die Fernsehserie Ripley.
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