1935
Der trojanische Krieg findet nicht statt
Überblick↑
Das Theaterstück Der trojanische Krieg findet nicht statt stammt von dem französischen Dramatiker Jean Giraudoux und entstand 1935. Der Originaltitel lautet La Guerre de Troie n'aura pas lieu, im Deutschen sind auch die Fassungen Kein Krieg in Troja und Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden gebräuchlich. Giraudoux greift den bekannten Stoff um Troja auf und wendet ihn ins Grundsätzliche: Er fragt, ob Menschen einen Krieg verhindern können, den fast niemand ernsthaft will.
Das Werk entstand unter dem Eindruck der wachsenden Kriegsgefahr in Europa. Es klagt die Bereitschaft der Menschen zum Krieg an. Damit ist es zugleich eine Warnung an das eigene Land: Die Trojaner stehen im Stück für die Franzosen, das anrückende griechische Heer für die neu wachsende deutsche Bedrohung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vor den Toren Trojas liegt eine schwere Entscheidung in der Luft. Der Königssohn Paris hat Helena entführt, die Gattin eines griechischen Königs. Nun rückt das griechische Heer heran. Angeblich will es die Entführung rächen, in Wahrheit aber geht es ihm um das Reich Troja selbst.
In diese gespannte Lage kehrt Hektor zurück, der älteste Königssohn, gerade aus einem Krieg heimgekommen und des Kämpfens müde. Er setzt alles daran, den drohenden Krieg zu verhindern. Sein größtes Hindernis ist Helena selbst, die er zur Rückkehr nach Griechenland bewegen will. Doch neben ihr stehen im Hintergrund auch jene, die den Krieg geradezu herbeisehnen. So entfaltet sich ein Ringen zwischen den Kräften des Friedens und den Kräften des Krieges, dessen Ausgang lange offenbleibt.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn steht Troja am Rande des Krieges. Paris, der trojanische Königssohn, hat Helena entführt, die Gattin eines griechischen Königs. Das griechische Heer nähert sich der Stadt. Nach außen hin will es die Entführung Helenas rächen, sein eigentliches Ziel ist jedoch die Eroberung Trojas.
In diesem Augenblick kehrt Hektor heim, der älteste Sohn des trojanischen Königs, gerade aus einem Krieg zurückgekehrt. Er will den drohenden neuen Krieg um jeden Preis abwenden. Sein Plan ist einfach: Helena soll nach Griechenland zurückkehren, dann verliert das griechische Heer seinen Vorwand. Doch Helena lehnt mehrfach ab. Hektor gibt nicht auf und ringt weiter um sie.
Am Ende scheint sein Bemühen zu gelingen: Helena erklärt sich bereit, nach Sparta zurückzukehren. In eben diesem Moment gerät Hektor mit dem Kriegstreiber Demokos aneinander, der den Krieg mit allen Mitteln will. Hektor schlägt Demokos nieder. Sterbend behauptet Demokos jedoch, der Grieche Ajax habe ihn getötet. Die Trojaner glauben ihm und stürzen sich auf den vermeintlichen Mörder. Damit ist der Zwischenfall eingetreten, den beide Seiten im Grunde erhofft hatten. Der Friede zerbricht im letzten Augenblick, und der Krieg kann beginnen.
Stil↑
Giraudoux formt den bekannten Troja-Stoff der Antike zu einer Auseinandersetzung über Krieg und Frieden um. Die Figuren tragen die vertrauten Namen der griechischen Sage – Hektor, Helena, Paris, Andromache, Kassandra, Odysseus –, doch sie sprechen und denken wie Menschen der Gegenwart des Autors. So wird der alte Mythos zum Spiegel der eigenen Zeit.
Das Stück lebt vom Gegeneinander der Reden. Immer wieder stehen sich Wortführer des Friedens und Wortführer des Krieges gegenüber. Der Zwiespalt liegt weniger in der äußeren Handlung als im Ringen der Argumente. Der Titel selbst nimmt diese Spannung vorweg: Er verspricht, dass es keinen Krieg geben wird, und lässt den Zuschauer doch von Anfang an ahnen, wie schwer dieses Versprechen zu halten ist.
Rezeption↑
Nicht alle Zeitgenossen nahmen das Werk wohlwollend auf. Paul Claudel urteilte scharf: „Diese Apologie der Feigheit und des Friedens um jeden Preis ist abstoßend.“ An diesem Satz zeigt sich, wie umstritten die pazifistische Botschaft des Stücks war.
Auf der Bühne setzte sich das Werk gleichwohl dauerhaft durch. Die Uraufführung fand im November 1935 am Pariser Théâtre de l'Athénée statt, unter der Regie von Louis Jouvet, der zugleich die Rolle des Hektor spielte. Die deutschsprachige Erstaufführung folgte am 6. November 1936 am Wiener Theater in der Josefstadt unter der Regie von Ernst Lothar. In den Jahren danach kehrte das Stück immer wieder auf die Bühnen zurück, unter anderem 1947 am Berliner Hebbel-Theater und bei den Hamburger Kammerspielen sowie 1962 beim Festival d'Avignon unter der Regie von Jean Vilar. Auch das Fernsehen nahm sich des Stoffes an: 1964 entstand eine deutsche Fassung, 1982 eine französische. So blieb das Werk über Jahrzehnte hinweg lebendig.
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