1882 – 1944
Jean Giraudoux
Kurzbiografie↑
Als Diplomat und Dramatiker zugleich prägte Jean Giraudoux (1882–1944) das französische Theater der Zwischenkriegszeit. Geboren in Bellac im südwestfranzösischen Département Haute-Vienne, machte er zunächst als Erzähler auf sich aufmerksam, ehe er sich in den 1920er Jahren der Bühne zuwandte. Sein Romanwerk fand nur mäßigen Anklang, doch seine Theaterstücke waren über zwei bis drei Jahrzehnte hinweg äußerst erfolgreich. In eleganter, geistreicher Sprache griff er antike Mythen auf und deutete sie im Geist seiner Zeit neu. Er starb 1944 in Paris.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Giraudoux als Sohn eines einfachen Beamten in südwestfranzösischen Kleinstädten. Ein Begabten-Stipendium ermöglichte ihm den Besuch des Gymnasiums in Châteauroux. Danach folgten die Vorbereitungsklassen des renommierten Lycée Lakanal in Sceaux bei Paris, wo der Germanist Charles Andler sein Interesse für Deutschland weckte. Schließlich besuchte er die Eliteschule für die Lehramtsfächer, die École normale supérieure, die er 1905 im Fach Deutsch als Bester seines Jahrgangs abschloss.
Im Sommer 1905 schrieb er sich mit einem Stipendium an der Universität München ein. Dort arbeitete er auch als Hauslehrer bei einer reichen französischen Familie und lernte unter anderem Frank Wedekind kennen. Anschließend bereiste er Serbien, Österreich-Ungarn und Venedig. 1906 hielt er sich zu einem erneuten Sprachaufenthalt in Deutschland auf. Nachdem er die Zulassung als Gymnasialprofessor für das Fach Deutsch nicht erhalten hatte, ging er von September 1907 bis März 1908 als Französischlektor an die Harvard University in die USA.
Nach seiner Rückkehr gab er die geplante Gymnasialkarriere auf und lebte in Paris schlecht und recht von seiner Feder. Vor allem schrieb er Erzählungen, die 1909 gesammelt als Provinciales erschienen und ihm erste Anerkennung brachten. 1910 wurde er Privatsekretär des Zeitungsmagnaten Bruneau-Varilla und veröffentlichte Erzählungen und Literaturkritiken in dessen Zeitung Le Matin. Sein wachsendes Interesse für Politik führte dazu, dass er sich 1911 für den diplomatischen Dienst bewarb und in die Ausbildung aufgenommen wurde.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Giraudoux 1914 zur Armee eingezogen. Er nahm an der Marne-Schlacht und an der Schlacht von Gallipoli teil, wurde mehrfach verwundet und für Tapferkeit ausgezeichnet. 1917 veröffentlichte er sein Kriegstagebuch unter dem Titel Lettres pour une ombre. Die letzten Kriegsmonate verbrachte er als militärischer Ausbilder in Portugal. 1918 heiratete er. Die folgende Zwischenkriegszeit wurde seine schöpferischste Periode.
Aus Portugal zurückgekehrt, beendete und veröffentlichte er seinen ersten Roman Simon le pathétique. In den nächsten zwanzig Jahren führte er ein Doppelleben als Diplomat und als Autor, wobei er meist am Pariser Quai d'Orsay im Außenministerium arbeiten konnte. Zunächst verfasste er überwiegend Romane, die aber nur mäßig erfolgreich waren und heute kaum mehr gelesen werden. Den Durchbruch als Dramatiker brachte 1928 die Bühnenfassung seines in Deutschland spielenden Romans Siegfried et le Limousin von 1922: Das Stück Siegfried wurde von dem bekannten Regisseur Louis Jouvet inszeniert und hatte als Signal zur Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen großen Erfolg.
Jouvet ermunterte ihn nun zu weiteren Stücken, die in Serie folgten. 1929 kam Amphitryon 38 heraus, ein heiteres Stück um die Zeugung des Herkules. Es folgten 1931 Judith und 1933 Intermezzo. 1935 erschien La Guerre de Troie n'aura pas lieu, ein komödienhaft beginnendes, sich aber zunehmend verdüsterndes Stück, das die Kriegsängste vieler Franzosen angesichts der Hitlerschen Aufrüstung aufgriff. 1937 folgte Électre, in dem sich die politische Polarisierung Frankreichs nach dem Wahlsieg der Volksfront von 1936 spiegelt. 1939 kam das märchenhafte, traurige Stück Ondine auf die Bühne.
Angesichts des drohenden Krieges veröffentlichte Giraudoux den politischen Essay Pleins pouvoirs, eine Sammlung von Artikeln und Vorträgen. Darin bezog er sich vor allem auf das Vorbild der USA und forderte für Frankreich eine Einwanderungspolitik nach amerikanischem Muster. Ihm schwebte dabei eine Einwanderung aus Skandinavien vor, während er arabische Einwanderer wegen ihrer angeblichen kulturellen und charakterlichen Eigenschaften ausschließen wollte.
Nach Kriegsbeginn ernannte ihn die Regierung Daladier zum Commissaire général à l'Information, einer Art Propagandaminister. Zu seinen Mitarbeitern zählten der Germanist Robert Minder sowie die deutschen Exilanten Alfred Döblin und Ernst Erich Noth. Vor den heranrückenden deutschen Truppen floh Giraudoux mit der Regierung nach Bordeaux. Mit Amtsantritt der Regierung Reynaud wurde er abgelöst und zog sich zu seiner Mutter nach Vichy zurück. Im Herbst 1940 ernannte ihn die Regierung Pétain noch zum Direktor der Monuments historiques, im Januar 1941 trat er in den Ruhestand.
In den Jahren der deutschen Besatzung schrieb er weiter. Es entstanden die Stücke Sodome et Gomorrhe, L'Apollon de Bellac, La Folle de Chaillot und Pour Lucrèce. La Folle de Chaillot, eine bitter-melancholische Satire auf die Spekulanten und Geschäftemacher im besetzten Paris, kam erst 1945 postum auf die Bühne. Als Directeur littéraire der Filmproduktionsfirma Gaumont war Giraudoux an Bearbeitungen literarischer Filmvorlagen beteiligt.
Sein Verhalten im besetzten Frankreich war widersprüchlich. Seine langjährige Begeisterung für die deutsche Kultur hatte schon in den 1930er Jahren stark nachgelassen. Einerseits lehnte er den ihm angebotenen Botschafterposten in Athen ab und widersprach in seiner Schrift Armistice à Bordeaux der Ansprache Pétains; sein Sohn Jean-Pierre floh nach London und diente in der Freien Französischen Marine. Andererseits unterhielt er weiterhin persönliche Beziehungen zu Mitgliedern der neuen Regierung. Ob Giraudoux aktiv am Widerstand der Résistance teilnahm, bleibt umstritten. Am 31. Januar 1944 starb er in Paris, nach offiziellen Angaben an einer Lebensmittelvergiftung, wahrscheinlich aber an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Kurz nach der Beerdigung kam in Pariser Literatenkreisen das Gerücht auf, er sei von der Gestapo vergiftet worden.
Literarische Merkmale↑
Während sein Romanwerk zu Lebzeiten nur mäßige Geltung erlangte, war Giraudoux' Theater über zwei bis drei Jahrzehnte hinweg äußerst erfolgreich. Wie andere französische Dramatiker der 1930er und 1940er Jahre, etwa Jean Cocteau, Jean-Paul Sartre und Albert Camus, griff er häufig antike Mythen auf und schrieb sie in zeitgenössischer Geisteshaltung neu.
Er verstand es, Tragisches und Leichtes zu verbinden. Seine Sprache war elegant und geistreich, in Stücken wie Intermezzo oder Ondine sogar poetisch. Vor allem diese Sprachkunst wirkte in einer unverwechselbaren Mischung aus Witz und Tiefsinn, aus Banalität und Poesie. Mehrere seiner Stücke nehmen zudem verdeckt das schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland zum Thema. Das letzte von ihm vollendete Manuskript, poetisch-lakonische Erinnerungen, erschien 2008 auf Deutsch unter dem Titel Doppelmemoiren.
Rezeption↑
Bekannt wurde Giraudoux vor allem durch sein Theater, das über zwei bis drei Jahrzehnte hinweg großen Erfolg hatte, während seine Romane nur mäßige Anerkennung fanden und heute kaum mehr gelesen werden. Den Durchbruch brachte 1928 die von Louis Jouvet inszenierte Bühnenfassung Siegfried, die als Signal zur Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen aufgenommen wurde.
Seine Sprachkunst mit ihrer Mischung aus Witz und Tiefsinn beeinflusste spätere Dramatiker stark, unter ihnen Jean Anouilh. Die politische Wirkung seiner Person blieb dagegen umstritten: Nach seinem Tod verbreitete sich in Pariser Literatenkreisen das Gerücht, er sei von der Gestapo vergiftet worden, das nach dem Abzug der deutschen Truppen 1944 von Louis Aragon in der kommunistischen Tageszeitung Ce soir aufgegriffen wurde.
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