1895 – 1970
Jean Giono
Kurzporträt↑
Als Schriftsteller seiner Heimat, der Provence, steht Jean Giono (1895–1970) neben Frédéric Mistral und Marcel Pagnol. In seinen frühen Prosawerken vertrat er naturreligiöse Vorstellungen. Er pries das schlichte Leben der erdverbundenen Bauern und Hirten. Giono stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Aus einer Bankanstellung arbeitete er sich zum freien Romancier empor. Mit seiner provenzalischen Landschaft blieb er sein Leben lang verbunden. Der Schriftsteller André Gide nannte ihn einmal den Vergil der Provence. Sein Roman Der Husar auf dem Dach erzielte das stärkste Echo und wurde mehrmals verfilmt.
Biografie↑
Geboren wurde Jean Giono am 30. März 1895 in Manosque im Département Alpes-de-Haute-Provence. Sein Vater war Schuster, seine Mutter Büglerin. Er wuchs in Armut auf. Während seiner Schulzeit erkrankte sein Vater schwer. Deshalb verließ er früh die Schule und musste Geld verdienen. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte er als Pazifist zurück, geprägt vom Soldatentod seines Freundes Louis David.
Neben seiner Erwerbsarbeit in einer Bank versuchte er sich als Romancier. Um 1930 debütierte er mit den Romanen Colline und Die Geburt der Odyssee. Beide hatten auf Anhieb Erfolg. Die Verkaufserlöse versetzten ihn in die Lage, in Manosque ein Haus zu erwerben, Lou Paraïs genannt. Von da an widmete er sich ganz der Schriftstellerei.
Im Jahr 1935 bildete sich bei einem Landaufenthalt ein Gesprächskreis um Giono und seinen Freund Lucien Jacques. Ihm gehörten naturverbundene, pazifistisch gesinnte Menschen an, und er veröffentlichte die Cahiers du Contadour. In dieser Zeit entdeckte Giono den amerikanischen Schriftsteller Herman Melville für den französischen Buchmarkt. Gemeinsam mit Jacques übersetzte er dessen Moby Dick ins Französische. Das Buch erschien 1941 bei Gallimard. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 bedeutete das Ende der Jahrestreffen der Contadoureans.
Während des Krieges begegnete Giono in Manosque der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Journalistin Luise Straus-Ernst, die aus Köln emigriert war. Sie übersetzte einen Teil seines Romans Triomphe de la vie ins Deutsche. Im Gegenzug riet er ihr, ihre Autobiographie Nomadengut zu nennen. Sein Verhältnis zu Juden blieb dennoch zwiespältig. Das geht besonders aus seinem Journal de l'Occupation hervor.
Schon vor dem Krieg galt Giono als angeblicher Sympathisant hoher NS-Funktionäre, die seine naturverbundene Literatur schätzten. Deswegen wurde er vorübergehend inhaftiert und von Angehörigen der Résistance persönlich attackiert. Nach der Befreiung Frankreichs 1944 kam er erneut für fünf Monate in Haft, diesmal wegen des Verdachts auf Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Anklage wurde nie erhoben. Gleichwohl erschien sein Name auf der Schwarzen Liste, sodass er bis 1947 nicht publizieren durfte. 1954 wurde er schließlich in die renommierte Académie Goncourt aufgenommen.
Neben Jacques war Giono mit dem Essayisten Jean Guéhenno, dem Maler Georges Gimel und dem Schriftsteller André Gide befreundet. Gide nannte ihn einmal den Vergil der Provence. Von den Kriegsjahren 1914 bis 1918 abgesehen lebte er stets in seiner provenzalischen Heimat. Ein Parisaufenthalt 1929 konnte ihn darin nur bestärken. Er liebte die Natur. In seinen Werken, die häufig in der Haute Provence spielen, pries er neben der antiken Mythologie das schlichte Leben der Bauern und Hirten. Den stärksten Nachhall fand er nach dem Krieg mit dem Roman Der Husar auf dem Dach von 1951. Jean Giono starb am 9. Oktober 1970 in seiner Geburtsstadt Manosque.
Literarische Merkmale↑
Naturreligiöse Vorstellungen prägen vor allem Gionos frühe Prosa. Seine Werke spielen häufig in der Haute Provence. Sie feiern neben der antiken Mythologie das schlichte Leben der erdverbundenen Bauern und Hirten. Mit dieser poetisch-pantheistischen Botschaft gewann er in den 1930er Jahren zahlreiche Anhänger, besonders unter der Jugend.
Wie weit dieser Ton in eine Lebensanschauung hineinreichte, zeigt die Aufnahme von Bleibe, meine Freude aus dem Jahr 1935. Der Roman sei damals, so erklärt Kindlers Neues Literaturlexikon, „eher als philosophisches Handbuch für eine neue Lebenskunst denn als literarisches Werk aufgenommen" worden. Daraus erwuchsen Spannungen zwischen dem Autor und seinem begeisterten Publikum. Denn er musste viele Leser enttäuschen, die sich ratsuchend an ihn wandten.
Nach dem Krieg veränderte sich seine Schreibweise. Die Werke wurden im Ton nüchterner und von komplizierterer Bauart. Statt der Natur stand nun der Mensch im Vordergrund. Die Literaturkritik spricht hier von seiner Stendhal-Periode.
Rezeption↑
Schon das Debüt um 1930 hatte auf Anhieb Erfolg und ermöglichte Giono die freie schriftstellerische Existenz. In den 1930er Jahren fand er mit seiner naturverbundenen Botschaft zahlreiche Anhänger, gerade unter jungen Lesern. Das führte zugleich zu Konflikten mit einem Publikum, das in ihm einen Lebensratgeber sah. Das stärkste Echo erzielte er später mit dem Roman Der Husar auf dem Dach, der mehrmals verfilmt wurde. Auch andere seiner Stoffe wurden für Kino und Fernsehen bearbeitet.
Die Anerkennung mündete 1954 in die Aufnahme in die Académie Goncourt. André Gide würdigte ihn mit dem Beinamen Vergil der Provence. Nach Jean Giono ist heute der Literaturpreis Prix Jean Giono benannt.
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