1916 – 1991
Natalia Ginzburg
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutenden literarischen Stimmen Italiens im 20. Jahrhundert zählt Natalia Ginzburg, 1916 in Palermo geboren und 1991 in Rom gestorben. Sie war Schriftstellerin, Essayistin, Dramatikerin, Verlagslektorin und Politikerin. In schlichter Alltagssprache näherte sie sich der Familiengeschichte und schöpfte dabei aus den Erfahrungen von Faschismus, Krieg und moralischer Verantwortung. Ihr Leben war von politischer Verfolgung geprägt: Ihr erster Mann, der Antifaschist Leone Ginzburg, starb 1944 in der Haft. Nach dem Krieg arbeitete sie beim Turiner Verlag Einaudi und blieb über Jahrzehnte eine feste Größe der italienischen Nachkriegsliteratur.
Biografie↑
Geboren wurde Natalia Levi 1916 in Palermo. Väterlicherseits stammte sie aus einer jüdischen Familie aus Triest, mütterlicherseits aus einer katholischen Familie aus Mailand. Aufgewachsen ist sie in Turin, im antifaschistisch geprägten Haus des Mediziners Giuseppe Levi. Ihr Vater war ein anerkannter Arzt und Professor. Er sowie ihre drei Brüder wurden wegen ihres antifaschistischen Widerstandes angeklagt und zeitweise inhaftiert.
Als jüngstes von fünf Kindern wurde sie zunächst zu Hause unterrichtet, weil ihr Vater ihr den Schulbesuch aus gesundheitlichen Gründen untersagte. Ein später begonnenes Hochschulstudium brach sie ab. Schon früh fand sie im Schreiben von Erzählungen Trost. 1933 erschien ihre erste Erzählung I bambini in der Zeitschrift Solaria.
1938 heiratete sie Leone Ginzburg, Dozent für russische Literatur, Schriftsteller und Antifaschist. Er gehörte zu den führenden Organisatoren der Turiner Gruppe der antifaschistischen Bewegung Giustizia e Libertà und hatte wegen seiner politischen Tätigkeit seine Universitätsstelle verloren. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor; der älteste Sohn war der Historiker Carlo Ginzburg. In diesen Jahren stand Natalia Ginzburg in Kontakt mit wichtigen Vertretern des Turiner Widerstandes, vor allem mit den Intellektuellen des Verlages Einaudi wie Cesare Pavese. Leone Ginzburg war 1933 am Aufbau dieses Verlages beteiligt gewesen.
1940 folgte sie ihrem Mann in die Verbannung nach Pizzoli, ein Dorf in den Abruzzen. Wegen der politischen und rassistischen Verfolgung lebte die Familie dort bis 1943. Diese Jahre gingen später in ihre autobiografisch grundierte Prosa ein. Der 1944 entstandene Essay Inverno in Abruzzo schildert genau und teilweise heiter den dörflichen Alltag, im Wissen um den späteren Tod ihres Mannes. Er gilt als prägnantes Beispiel für Ginzburgs zurückhaltenden Umgang mit persönlichem Leid.
Nach dem Sturz Mussolinis 1943 ging Leone Ginzburg nach Rom, um im nun von den Deutschen besetzten Italien eine Untergrundzeitung herauszugeben. Natalia gelangte mit den drei Kindern wenig später ebenfalls dorthin. Doch schon nach wenigen gemeinsamen Wochen wurde ihr Mann erneut verhaftet. Auch die Kinder waren unmittelbar bedroht; Carlo Ginzburg musste seine jüdische Herkunft verbergen und zeitweise untertauchen. Leone Ginzburg wurde im römischen Gefängnis Regina Coeli von der Gestapo gefoltert und starb dort 1944 an den Misshandlungen. Natalia Ginzburg blieb mit drei kleinen Kindern verwitwet zurück.
Im Februar 1944 kehrte sie nach Turin zurück. Ab 1945, nach Kriegsende, begann ihre Mitarbeit beim Einaudi-Verlag. Um ihre Kinder zu versorgen, arbeitete sie dort nicht nur als Autorin, sondern auch als Lektorin und Übersetzerin. Sie war in Rom und Turin für Einaudi tätig und gehörte damit zum intellektuellen Umfeld des Verlages, das Giulio Einaudi und Leone Ginzburg aufgebaut hatten. Zu ihren Kollegen zählten neben Pavese auch Italo Calvino.
1950 heiratete sie Gabriele Baldini, Professor für englische Literatur an der Universität Rom, der später das Italienische Kulturinstitut in London leitete. 1959 zog sie nach London, wo sie zwei Jahre mit ihm lebte. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes 1969 widmete sie sich verstärkt dem Schreiben.
Natalia Ginzburg starb 1991 im Alter von 75 Jahren in Rom und wurde auf dem Campo Verano bestattet. Über das genaue Sterbedatum gehen die Angaben auseinander: genannt werden sowohl der 7. als auch der 8. Oktober 1991.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Ginzburgs Schreiben ist die Nähe zur Alltagssprache. Sie näherte sich der Familiengeschichte mit einfachen, klaren Worten und baute auf den Erfahrungen von Faschismus, Krieg und moralischer Verantwortung auf. Vieles in ihrer Prosa ist autobiografisch grundiert. Die Jahre der Verbannung in den Abruzzen etwa verarbeitete sie in Texten, in denen alltägliche Verrichtungen und die Erfahrung politischer Bedrohung nebeneinanderstehen. Bezeichnend ist ihr zurückhaltender Umgang mit persönlichem Leid: Der Essay Inverno in Abruzzo, entstanden im Wissen um den Tod ihres Mannes, schildert den dörflichen Alltag genau und teilweise sogar heiter. Kritiker hoben später ihren unverwechselbaren Stil hervor.
Rezeption↑
Innerhalb der italienischen Nachkriegsliteratur war Ginzburgs Rang seit Langem anerkannt. Ende der 2010er Jahre erlebte ihr Werk im englischsprachigen Raum eine deutliche Wiederentdeckung. Bücher wie Family Lexicon, The Dry Heart, Happiness, as Such, The Little Virtues und Voices in the Evening wurden neu übersetzt oder wiederveröffentlicht. Manche Kritiken brachten das erneute Interesse mit dem internationalen Erfolg von Elena Ferrante in Verbindung, betonten aber zugleich Ginzburgs eigenen, unverwechselbaren Stil.
Auch außerhalb der Literatur wirkt ihr Leben nach. Das Album The Ginzburg Geography der Band Charming Hostess beschreibt musikalisch das Leben und die Arbeit von Natalia und Leone Ginzburg; es erschien 2022. Jochen Schimmang verfasste das Hörspiel Die erleuchtete Stadt gehört den anderen, das 2016 im WDR ausgestrahlt wurde und in der ARD-Hörspieldatenbank abrufbar ist.
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