1952
Der unsichtbare Mann
Überblick↑
Der Roman Der unsichtbare Mann von Ralph Ellison erschien 1952 im Original unter dem Titel Invisible Man. Im Jahr darauf wurde er mit dem National Book Award ausgezeichnet. Seither gilt er als einer der bedeutendsten US-amerikanischen Romane der Nachkriegszeit. Das Magazin Time zählt ihn zu den hundert besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen sind. Ellison veröffentlichte daneben Kurzgeschichten und Essays; zwei weitere Romane blieben unvollendet und kamen erst nach seinem Tod heraus. Auf Deutsch erschien das Buch 1954 zunächst unter dem Titel Unsichtbar bei Fischer, 1984 dann bei März und seit 1987 bei Rowohlt, versehen mit einem Nachwort des Autors.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der namenlos bleibt und seine Geschichte selbst erzählt. Er hält sich für unsichtbar. Gemeint ist damit keine körperliche Unsichtbarkeit, sondern eine gesellschaftliche: Als Schwarzer wird er im Amerika der Nachkriegszeit von seinen Mitmenschen schlicht nicht wahrgenommen. Erzählt wird aus dem Rückblick. Der Erzähler hat sich in einen Kellerraum zurückgezogen, den er mit weit über tausend Glühlampen erleuchtet hat, betrieben mit heimlich abgezweigtem Strom.
Von dort aus rollt er sein Leben auf, beginnend bei der Schulzeit. Als Student soll er einen reichen weißen Gönner des Colleges durch die Gegend fahren, und was an diesem Tag geschieht, verändert seinen Weg. Die Stationen führen ihn nach New York: in eine Farbenfabrik, die für ihr strahlendes Weiß bekannt ist, in ein Krankenhaus, in die Straßen von Harlem. Dort entdeckt er seine Begabung als Redner, und eine politische Gruppierung, die sich Bruderschaft nennt, wird auf ihn aufmerksam. Zugleich tritt ihm ein schwarzer Nationalist entgegen, der zum gewaltsamen Aufstand gegen die weißen Unterdrücker aufruft. Zwischen diesen Kräften muss der Erzähler seinen eigenen Platz finden.
Die Handlung im Detail↑
Der namenlose Ich-Erzähler sitzt in einem unterirdischen Kellerraum eines Gebäudes, das nur an Weiße vermietet wird. Er hat sich dort einquartiert und den Raum mit 1369 Glühlampen bestückt, die er mit schwarz angezapftem Strom betreibt. Von diesem hellsten Punkt in ganz New York aus beleuchtet er sein eigenes Leben, angefangen bei der Schulzeit. Seine Unsichtbarkeit ist eine soziale: Als Schwarzer wird er von den Menschen um ihn herum nicht wahrgenommen.
Als Student muss er eines Tages Mr. Norton chauffieren, den reichen weißen Wohltäter des Colleges, der zugleich Direktor, Wissenschaftler und Bankier ist. Die Hochschule ähnelt dem Tuskegee Institute, das Ellison selbst besucht hat. Während dieser Fahrt kommt es zu schrecklichen Vorfällen, die dem Ansehen der Schule in den Augen des Direktors Dr. Bledsoe schaden. Dem Erzähler wird daraufhin das Stipendium entzogen, während man ihm gleichzeitig versichert, man werde sich um ihn kümmern. Er bekommt Empfehlungsschreiben mit, um in New York eine Stelle zu finden und sich das Geld für das nächste Semester zu verdienen. Die Stellensuche bleibt erfolglos. Der Erzähler muss feststellen, dass Dr. Bledsoe den Firmen dringend geraten hat, ihn nicht einzustellen.
Schließlich findet er Arbeit in einer Farbenfabrik, die für ihre weiße Farbe bekannt ist. Sein Vorgesetzter fürchtet die Konkurrenz und wird ihn los, indem er ihn dazu bringt, einen Teil der Heizanlage zur Explosion zu bringen. Der Erzähler kommt ins Krankenhaus, wo man ihn unter anderem mit Elektroschocks behandelt. Arbeitslos geworden, trifft er in Harlem auf einen Redner, der die Massen in seinen Bann zieht. Als er selbst einer Hausräumung beiwohnt, wagt er einen Versuch und begeistert die Menge tatsächlich, denn auch er ist ein begnadeter Redner.
Davon erfährt Jack, ein Vertreter der Bruderschaft, hinter der die kommunistische Partei der USA steht, und wirbt ihn als Mitglied an. Der Erzähler erhält sogar eine leitende Rolle in Harlem. Doch er gerät in Konflikt mit den Vorstellungen der Partei und wird von der Gruppierung am Ende völlig im Stich gelassen. Sein Widersacher aus der Zeit als Parteiredner ist Ras der Mahner, ein schwarzer Nationalist nach dem Vorbild von Marcus Garvey, der zum gewalttätigen Aufstand gegen die weißen Unterdrücker aufruft.
Kurz nachdem der Erzähler nicht mehr für die Partei arbeitet, brechen gewalttätige Unruhen aus. Er kommt dabei beinahe ums Leben und flüchtet sich in ein Loch, in dem er seither lebt und seine Geschichte aufschreibt. Am Schluss deutet er an, dass er vielleicht bald wieder ans Tageslicht kommen werde. Und er hebt hervor, dass seine Geschichte in ähnlicher Form die jedes anderen Menschen sein könnte: Unsichtbarkeit sei kein Schicksal, das nur ihn allein treffe.
Stil↑
Bestimmend ist die Ich-Erzählung aus dem Rückblick. Der Erzähler bleibt von der ersten bis zur letzten Seite namenlos, und gerade diese Namenlosigkeit gehört zum Thema des Buches. Aus seinem Kellerversteck heraus ordnet er die Stationen seines Lebens und deutet sie zugleich.
Das Buch arbeitet mit einer durchgehenden Bildsprache von Licht und Dunkelheit. Der unterirdische Raum, den der Erzähler zum hellsten Punkt der Stadt macht, ist dafür das stärkste Beispiel. Auch die Farbenfabrik, die für ihr Weiß berühmt ist, trägt eine Bedeutung über die bloße Handlung hinaus. Mehrere Figuren stehen erkennbar für reale Vorbilder: Die Bruderschaft meint die kommunistische Partei, Ras der Mahner ist an Marcus Garvey angelehnt, das College erinnert an das Tuskegee Institute. Der Schluss weitet die einzelne Lebensgeschichte ins Allgemeine und spricht den Leser unmittelbar an.
Rezeption↑
Schon ein Jahr nach dem Erscheinen wurde der Roman mit dem National Book Award ausgezeichnet. Seitdem zählt er zu den bedeutendsten US-amerikanischen Romanen der Nachkriegszeit. Das Magazin Time nahm ihn in seine Liste der hundert besten englischsprachigen Romane auf, die zwischen 1923 und 2005 erschienen sind.
Im deutschen Sprachraum ist das Buch seit 1954 zugänglich, damals unter dem Titel Unsichtbar bei Fischer. 1984 kam eine Ausgabe bei März heraus, seit 1987 liegt der Roman bei Rowohlt vor. Diese Ausgabe enthält ein Nachwort des Autors, das er im November 1981 verfasst hat. Ellisons übriges Werk blieb schmal: Er schrieb Kurzgeschichten und Essays. An einem zweiten Roman arbeitete er jahrzehntelang, ohne ihn zu vollenden; aus dem Manuskript entstanden erst nach seinem Tod zwei Ausgaben, 1999 die gekürzte Fassung Juneteenth und 2010 die umfangreichere Three Days Before the Shooting….
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →