1904
Peter Camenzind
Überblick↑
Mit dem Roman Peter Camenzind gelang Hermann Hesse 1904 der literarische Durchbruch. Es ist sein erstes größeres Buch. Es erschien zunächst 1903 als Vorabdruck in der Zeitschrift Neue Deutsche Rundschau und kam 1904 im S. Fischer Verlag als Buch heraus. Der Roman trägt deutlich autobiografische Züge. Er erzählt vom Lebensweg eines Bauernjungen aus den Schweizer Bergen, der in die Stadt zieht und Dichter werden will. In der Form folgt das Werk dem Bildungsroman: Es begleitet einen jungen Menschen auf seinem inneren Reifeweg.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Peter Camenzind, der in einem abgelegenen Bergdorf im Schweizer Oberland aufwächst. Schon als Kind liebt er die Natur über alles. Er beobachtet die Berge, den See und vor allem die ziehenden Wolken, die ihn zum Träumen bringen. Eigentlich ist sein Weg vorgezeichnet: Er soll wie der Vater Bauer werden. Doch ein Pater erkennt seine Begabung und ermöglicht ihm den Besuch eines Gymnasiums in der Stadt.
Von da an führt Peters Weg hinaus in die Welt. Er studiert, schließt Freundschaften, verliebt sich und beginnt zu schreiben. Als freier Schriftsteller findet er Anerkennung und bewegt sich in gebildeten Kreisen. Zugleich begleiten ihn Einsamkeit, unerfüllte Liebe und immer wieder die Sehnsucht nach seiner Bergheimat. Reisen führen ihn nach Italien, wo er auf den Spuren des Franz von Assisi wandert.
Der Roman erzählt von diesem inneren Wandel: vom Bauernjungen zum Stadtmenschen und Dichter, von der Liebe zur stummen Natur hin zur Frage, wie ein Mensch lernen kann, andere Menschen zu lieben. Es ist die Geschichte einer Suche, die immer wieder durch Enttäuschungen und Neuanfänge führt.
Die Handlung im Detail↑
Peter Camenzind wächst als Hirtenjunge im abgelegenen Dorf Nimikon im Schweizer Oberland auf. Die Dorfgemeinschaft ist seit Jahrhunderten in sich geschlossen, ein Viertel der Bewohner trägt den Namen Camenzind. Seine Eltern sind zu beschäftigt, um sich um ihn zu kümmern, und sein Leben als Bauer und Ehemann einer der vielen Basen scheint festgelegt. Seine eigentliche Lehrmeisterin wird die Natur, vor allem die Wolken. Mit zehn Jahren besteigt er den Sennalpstock und spürt auf dem Gipfel zum ersten Mal die Weite der Welt und die Sehnsucht, seine enge Heimat zu verlassen.
Ein Pater des nahen Klosters entdeckt Peters Begabung im Schreiben und überredet den Vater, ihm den Besuch des Gymnasiums zu erlauben. Peter erhält einen Freiplatz und kommt in die Stadt. Vor den Lehrern hat er zunächst großen Respekt, doch seine Hoffnung auf wahres Wissen erfüllt sich nicht. Der Unterricht wird ihm gleichgültig, sein Wunsch nach einem echten Freund bleibt unerfüllt. Einsam flüchtet er in die Literatur und schreibt erste Gedichte.
Mit siebzehn verliebt er sich in die Advokatentochter Rösi Girtanner, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Heimlich legt er einen mühsam gepflückten Alpenrosenstrauß auf die Treppe ihres Hauses, ohne je zu erfahren, ob sie ihn bemerkt hat. Diese Scheu, sich zu offenbaren, bleibt für sein ganzes Verhältnis zu Frauen kennzeichnend. Als seine Mutter stirbt, sitzt er allein an ihrem Bett und erlebt zum ersten Mal die Gewalt des Todes. Der Vater ist zornig, weil Peter ihn nicht geweckt hat. Doch das Erlebnis stärkt Peters Selbstbewusstsein: Gegen den Wunsch des Vaters verlässt er das Dorf, um in Zürich Philologie zu studieren.
In Zürich freundet er sich mit dem Pianisten Richard an, einem heiteren, kindlich wirkenden Künstler. Richard führt ihn in einen Kreis von Künstlern ein und verschafft ihm, ohne ihn vorher zu fragen, die erste Veröffentlichung einer Novelle. Peter feiert erste Erfolge als Schriftsteller und fühlt sich immer stärker zum Dichter berufen. Er lernt die Malerin Erminia Aglietti kennen und verliebt sich in sie. Bei einer nächtlichen Kahnfahrt will er ihr seine Liebe gestehen, doch sie eröffnet ihm zuvor, dass sie einen anderen liebt. Enttäuscht verabschiedet er sich.
Sein Leid betäubt Peter mit Wein und in trinkfreudiger Gesellschaft. Er schreibt Betrachtungen über Gesellschaft, Kultur und Kunst, wird ständiger Mitarbeiter einer großen Zeitung und bricht sein Studium ab. Doch er merkt, dass seinen Erfolgen der eigene tiefe Grundton fehlt. Mit Richard reist er nach Oberitalien und in die Toskana, wo er sich auf den Spuren des Franz von Assisi sofort heimisch fühlt. Nach der Reise kehrt Richard nach Deutschland zurück und ertrinkt bald darauf in einem Fluss. Erst jetzt erkennt Peter, wie tief diese Freundschaft war, und reagiert auf den Verlust wie ein trotziges Kind.
Als Redakteur einer deutschen Zeitung schreibt er aufmüpfige Artikel, legt im Streit sein Amt nieder und geht als Korrespondent nach Paris. Dort verbummelt er sein Leben. Vor Selbstmordgedanken rettet ihn die Erinnerung an sein Heimatdorf und an den Tod der Mutter. Er wandert nach Basel. Ein Arzt rät ihm als Therapie zum Kontakt mit Menschen und führt ihn in das Haus eines Gelehrten ein. Doch die dortige Gesellschaft stößt ihn ab, weil ihre Gespräche nur Fassade für Eitelkeit und Missgunst sind. Lieber trinkt er mit einfachen Leuten in den Weinstuben.
Nur zur Malerin Elisabeth entwickelt sich eine geistige Beziehung. Als er sie vor einem Bild des Malers Segantini versunken beobachtet, spürt er eine Seelenverwandtschaft. Sie erkennt in ihm den Dichter, der die beseelte Natur versteht. In dieser Zeit wandelt sich seine Freude an der stummen Natur zu einer persönlichen Liebe. Nach dem Vorbild des Franz von Assisi, der alle Lebewesen in seine Liebe zu Gott einschließt, versucht Peter, seine Sinne zu schärfen und in seiner Dichtung dem Göttlichen eine Sprache zu geben.
Als Relikt bleibt seine mangelnde Freude an den Menschen und sein Hang zum Einsiedler. Er denkt an eine Heirat mit Elisabeth, erfährt aber beiläufig, dass sie verlobt ist und bald heiratet. Er verbirgt seinen Schmerz, gratuliert ihr und reist in sein Heimatdorf Nimikon ab. Dort taucht er in die Erinnerungen seiner Kindheit ein. Bei einer nächtlichen Kahnfahrt fragt er nach dem Sinn seiner Liebesleiden, kehrt trotz Todesgedanken ans Ufer zurück und nimmt sich vor, die Menschen zu lieben. Sein Vater hat Wiesen und Vieh verkauft. Peter liest ihm vor und erzählt von seinen Reisen, doch der Vater zieht seine Wirtshausbesuche vor, die nun der Sohn bezahlt. So reist Peter weiter nach Italien.
In Perugia wohnt er bei der Gemüsehändlerin Annunziata Nardini, einer Witwe, und freundet sich mit ihr an. Durch sie lernt er die Nachbarn kennen, sitzt abends mit ihnen beim Rotwein zusammen und hört ihre Sorgen an. Er erzählt von seinen Studien über den heiligen Franz und über seine unglücklichen Lieben. Allmählich entdeckt er in diesen Monaten die naive Heiterkeit des Daseins und den Humor des Lebens. Am Ende kehrt Peter zurück, um seinen kranken Vater zu pflegen. Er begreift, dass er trotz Bildung und weltmännischem Auftreten immer der Bauernjunge aus Nimikon geblieben ist. Ob er wirklich ein Dichter ist oder je einer wird, weiß er nicht. Umso lebendiger erinnert er sich der vielen Menschen, die er auf seinen Reisen kennen und lieben lernte, und er spürt, dass keine Dichtung diese Erfahrungen aufwiegen könnte.
Stil↑
Erzählt wird der Roman durchgehend in der Ich-Form. Camenzind berichtet sein eigenes Leben, wodurch das Buch die Form einer Lebensbeichte annimmt und sich der Selbstbiografie annähert. Genau diese Nähe haben frühe Leser als zweischneidig empfunden. Manche sahen darin einen zu ungehemmten persönlichen Erguss des Verfassers, andere lobten gerade die rückhaltlose Ehrlichkeit.
Auffällig ist, dass die äußere Handlung eher zurücktritt. Ihre Stärke gewinnt die Erzählung weniger aus einer kunstvollen Komposition als aus der Fülle scharfer Beobachtungen über Natur und Menschen. Besonders gerühmt wurde der Stil selbst: schön, einfach und zugleich anschaulich, mit malerischen und plastischen Naturschilderungen. Die Wolken, die Berge und der See sind nicht bloß Kulisse, sondern werden zu beseelten Gestalten, denen der Erzähler eine eigene Sprache zu geben versucht.
Rezeption↑
Schon das Erscheinen 1904 brachte Hermann Hesse Bekanntheit. Die Aufnahme in der Literaturwissenschaft fiel jedoch geteilt aus. Auf der einen Seite wurde der Roman als Anfang von Hesses Meisterschaft und als Beginn des modernen Bildungsromans gewürdigt. Auf der anderen Seite kritisierten manche eine starke Selbstliebe und einen ausgeprägten Personenkult.
Die frühen Stimmen zeigen diese Spannweite deutlich. Richard Schaukal urteilte 1904 hart: Hesse habe seinen guten Stoff, das eigene erlebnisreiche Leben, geradezu verschwendet, und auf schöne Episoden folgten nüchterne, fast langweilige Strecken. Als gelungen hob er den Tod der Mutter und den ersten Trinkversuch des jungen Peter hervor. Fritz Marti betonte im selben Jahr, der Wert des Buches liege weniger in der Komposition als in den feinen Einzelbeobachtungen und vor allem im edlen, prachtvollen Stil. Hugo Ball hob 1927 hervor, dass hier statt frommer Lehre die reine Natur herrsche und Bildung erst dort beginne, wo keine Verbildung mehr vorhanden sei.
Auch Jahrzehnte später wirkte der Roman fort. Wolfgang Joho hielt 1952 die sprachliche Meisterschaft, Schönheit und Einfachheit des Buches anderen Schriftstellern als Vorbild vor und betonte, dass es auch einer späteren Generation noch etwas Positives zu sagen habe.
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