Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Eingang · Werke · Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Cover Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Peter Schlemihls wundersame Geschichte
1814
– Werkseintrag –

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

1814 · Märchen

Ein junger Mann tauscht beim Teufel seinen Schatten gegen einen Beutel, der nie leer wird – und erfährt zu spät, was es heißt, ohne Schatten unter Menschen zu leben.

Überblick

Mit seinem 1814 erschienenen Kunstmärchen Peter Schlemihls wundersame Geschichte schuf Adelbert von Chamisso eines der berühmtesten Werke der deutschen Romantik. Der französischstämmige Dichter und Naturforscher (1781–1838) erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der dem Teufel seinen Schatten verkauft und damit alles verliert, was ihn an die menschliche Gemeinschaft bindet. Was als phantastische Erzählung daherkommt, ist zugleich ein bis heute lebendiges Gleichnis über die Folgen unbedachten Handelns und über das, was einen Menschen erst zum Menschen macht.

Inhalt (ohne Spoiler)

Nach einer beschwerlichen Seereise trifft Peter Schlemihl in Flensburg auf den reichen Kaufmann Thomas John. In dessen Garten begegnet er einem rätselhaften Herrn im grauen Mantel, der ihm einen erstaunlichen Tausch anbietet: Schlemihl soll seinen Schatten hergeben und erhält dafür einen Geldbeutel, der niemals leer wird. Schlemihl willigt ein – und muss bald erfahren, dass ein Mensch ohne Schatten in der Gesellschaft seiner Mitmenschen nicht bestehen kann. Mitleid, Hohn und Argwohn schlagen ihm überall entgegen. Er reist in einen fernen Badeort, wo er mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel seine Lage zu verbergen sucht. Dort verliebt er sich in die schöne Mina. Doch sein Geheimnis lässt sich nicht ewig hüten, und der graue Mann kehrt zurück, um seinen Handel zu vollenden.

Die Handlung im Detail

Nach einer anstrengenden Seereise kommt Peter Schlemihl in Flensburg an und sucht den reichen Kaufmann Thomas John auf. In dessen Garten fällt ihm ein älterer Herr im grauen Mantel auf, der mit unheimlicher Selbstverständlichkeit aus seinen Taschen die unwahrscheinlichsten Gegenstände hervorholt, ohne dass jemand in der Gesellschaft daran Anstoß nimmt. Dieser graue Mann tritt an Schlemihl heran und bietet ihm einen Handel an: gegen seinen Schatten einen Säckel voller Gold, der nie versiegt. Schlemihl, geblendet von der Aussicht auf Reichtum, willigt ein.

Sehr bald merkt er, was er sich eingebrockt hat. Wo immer er sich zeigt, fällt das Fehlen des Schattens auf. Die Menschen erschrecken, weichen ihm aus oder verspotten ihn. Aus der menschlichen Gemeinschaft ist er ausgeschlossen. Er reist über das Gebirge in einen entlegenen Badeort und richtet sich mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel so ein, dass seine Schattenlosigkeit zunächst verborgen bleibt. Dort verliebt er sich in die schöne Mina und wird wiedergeliebt. Doch sein zweiter Diener Rascal verrät das Geheimnis. Minas Vater stellt eine Bedingung: Nur wenn Schlemihl seinen Schatten zurückbringt, darf er Mina heiraten.

In dieser Not erscheint der graue Mann erneut, und jetzt offenbart sich seine wahre Natur: Er ist der Teufel, freilich ein höflicher, der den Schatten nur gegen Schlemihls Seele zurückgeben will. Schlemihl lehnt ab und versucht zu fliehen, wird aber immer wieder eingeholt. Noch einmal versucht der Teufel ihn zu überreden, indem er ihm seinen Schatten leihweise zurückgibt und ihm vor Augen führt, welches Ansehen und welcher gesellschaftliche Glanz ihm damit zufallen könnten. Schlemihl widersteht. In einem letzten, befreienden Akt wirft er den Wundersäckel, mit dem er einst seinen Schatten bezahlt hat, in einen Abgrund und kappt damit das letzte Band zum Teufel.

Von seinem letzten Geld kauft er sich ein Paar alte Stiefel, die sich als Siebenmeilenstiefel erweisen. Mit ihnen durchstreift er die Welt und führt fortan ein einsames Leben als Naturforscher, fern der menschlichen Gesellschaft, der er nie mehr ganz angehören wird.

Stil

Chamisso erzählt seine Geschichte in der Ich-Form, als Bericht des gealterten Peter Schlemihl an einen Freund. Diese vertrauliche, ruhig fortschreitende Erzählweise verleiht dem phantastischen Geschehen eine seltsame Glaubwürdigkeit: Das Unmögliche tritt mit der Selbstverständlichkeit einer Begebenheit auf, die so und nicht anders geschehen ist. Die Sprache ist klar, knapp und ohne romantisches Pathos, eher die eines genauen Beobachters als die eines Schwärmers. Gerade dieser nüchterne Ton macht das Märchenhafte und Symbolische so wirkungsvoll. Der Schatten wird im Verlauf der Erzählung zu einer vieldeutigen Chiffre, ohne dass der Erzähler je ausspricht, wofür er steht – das überlässt er dem Leser.

Rezeption

Peter Schlemihl gehört zu den meistgelesenen Werken der deutschen Romantik und hat eine ungewöhnlich breite Nachwirkung entfaltet. Schon ein Jahr nach dem Erscheinen griff E. T. A. Hoffmann das Motiv in den Abenteuern der Sylvester-Nacht auf, später Hans Christian Andersen in seinem Märchen Der Schatten (1847). Im 20. Jahrhundert wirkt der Stoff bei Hugo von Hofmannsthal in Die Frau ohne Schatten (1919) und bei James Krüss in Timm Thaler (1962) weiter, der dem Teufel statt des Schattens das Lachen verkauft. Hinzu kommen Vertonungen, Hörspiele, eine Verfilmung von 1955 und der Roman Pfaueninsel von Thomas Hettche (2014). Bis heute ist die Wendung vom „Mann, der seinen Schatten verkaufte" eine geläufige Redensart geblieben – ein seltenes Maß an Verankerung im kulturellen Gedächtnis.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten