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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Demian
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Demian
1919
– Werkseintrag –

Demian

1919 · Roman

Ein junger Mann zwischen behütetem Elternhaus und einer dunklen zweiten Welt sucht, geleitet vom rätselhaften Schulkameraden Max Demian, seinen eigenen Weg zu sich selbst.

Überblick

Der Roman Demian von Hermann Hesse erschien 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair. Er erzählt die Entwicklung eines jungen Mannes von der Kindheit bis zum Beginn des Erwachsenenlebens. Der Untertitel lautet Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. Das Buch verbindet Entwicklungsroman und philosophische Reflexion. Nach dem Ersten Weltkrieg traf es den Nerv einer Generation, die nach Orientierung suchte. Bis heute gehört es zu den meistgelesenen Werken Hesses. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie ein Mensch zu sich selbst findet – gegen die Erwartungen der Familie, der Schule und der bürgerlichen Moral.

Inhalt (ohne Spoiler)

Erzählt wird die Kindheit und Jugend Emil Sinclairs. Er wächst in einem behüteten bürgerlichen Elternhaus auf. Früh spürt er, dass es neben der hellen, geordneten Welt seiner Eltern eine zweite, dunkle und verbotene Welt gibt. Als Lateinschüler erfindet er eine Räubergeschichte. Dadurch gerät er in die Gewalt des älteren Franz Kromer. Der erpresst ihn und zwingt ihn in eine bedrückende Doppelexistenz.

In dieser Notlage taucht der rätselhafte Mitschüler Max Demian auf. Er wirkt älter, klüger und unabhängiger als alle anderen. Demian liest die biblischen Geschichten anders, als Sinclair es kennt. Er stellt die Selbstverständlichkeiten der christlichen Moral in Frage. Aus den Begegnungen mit ihm wächst eine Freundschaft. Sie begleitet Sinclair durch die Schuljahre, durch erste Verliebtheiten, durch Rausch und Einsamkeit.

Sinclair sucht seinen eigenen Weg zwischen Anpassung und Aufbruch. Er sucht ihn zwischen frommer Tradition und einem Gott, der Licht und Schatten zugleich umfasst. Lehrer, Freunde und geheimnisvolle Zeichen kreuzen seinen Pfad. Jede Etappe bringt ihn ein Stück weiter zu sich selbst – und führt ihn auf eine Schwelle, an der das alte Leben hinter ihm zurückbleibt.

Die Handlung im Detail

Schon als kleiner Junge nimmt Sinclair zwei Welten in seinem Leben wahr: die warme, lichte Welt seines Elternhauses und eine andere, verbotene, dunkle Welt, die ihn zugleich erschreckt und anzieht. Diese fremde Welt bekommt für ihn ein Gesicht, als er dem drei Jahre älteren Volksschüler und Schneidersohn Franz Kromer in die Hände fällt. Um vor Kromer und dessen Kameraden zu prahlen, erfindet Sinclair einen Apfeldiebstahl. Kromer droht, ihn anzuzeigen, und erpresst Schweigegeld. Da Sinclair von seinen wohlhabenden Eltern kein Taschengeld bekommt, stiehlt er zu Hause und lässt sich zu immer demütigenderen Diensten zwingen. Angstträume, Verschlossenheit und das Gefühl, die heile Welt zu verlieren, bestimmen seinen Alltag.

Rettung bringt ein neuer Schüler, der mehrere Jahre ältere Max Demian. Er fällt durch sein erwachsenes, überlegenes Auftreten auf und erzählt Sinclair bei einem Spaziergang seine eigene Deutung der Geschichte von Kain und Abel: Das Kainsmal sei kein sichtbares Schuldzeichen, sondern ein Mal der Überlegenheit und Charakterstärke. Demian erkennt, dass Sinclair unter Kromer leidet, spricht mit dem Erpresser, und Kromer lässt sein Opfer fortan in Ruhe. Sinclair ist erleichtert, kann Demian aber keine Dankbarkeit entgegenbringen und flüchtet sich zurück in die geborgene Welt des Elternhauses.

In der Pubertät spürt Sinclair Triebe, die er der dunklen Welt zurechnet, und erkennt, dass er sie nicht einfach verdrängen kann. Im Konfirmationsunterricht trifft er Demian wieder; aus den Gesprächen über die beiden mit Jesus gekreuzigten Verbrecher wird eine Freundschaft. Demian hält den biblischen Gott für unvollständig, weil er nur die helle, offizielle Hälfte des Lebens vertrete, während die andere Hälfte – vor allem das Sexuelle – dem Teufel zugeschlagen und totgeschwiegen werde. Sinclair erkennt seinen eigenen Widerspruch in dieser Sicht und versteht, dass es ein Konflikt der Kultur ist, nicht nur ein persönlicher. Demian zeigt ihm, wie Menschen sich durch einen starken Willen lenken lassen, und meditiert vor seinen Augen. Kurz vor der Konfirmation entfernt sich Demian wieder, und nach der Konfirmation fällt Sinclairs Kindheit um ihn her in Trümmer.

Mit etwa vierzehn Jahren wechselt Sinclair an das Gymnasium in der Stadt St. und lebt in einer Pension. Fern von Demian nehmen die seelischen Probleme zu. Der Pensionsälteste Alfons Beck führt ihn zum Alkohol; Sinclair wird zum bekannten Kneipenbesucher, verwahrlost zusehends und macht seinen Eltern bei einem Besuch große Sorge – sie fürchten, er werde aus der Schule entlassen. Inmitten dieses Chaos sehnt er sich nach Liebe und nach Demian. Die Wende kommt, als er auf der Straße einer jungen Frau begegnet, die er heimlich verehrt und nach einem englischen Gemälde von Dantes Jugendliebe „Beatrice" nennt. Er verklärt sie zur Heiligen, kehrt der „bösen Welt" abrupt den Rücken und beginnt zu zeichnen. In den Bildern seiner Beatrice erkennt er nach und nach Züge Demians und schließlich seine eigenen. Seine Noten bessern sich, doch er lebt zunehmend in einer inneren Traumwelt. Schließlich malt der nun Sechzehnjährige nach dem Vorbild des Wappenvogels über dem Portal seines Elternhauses, auf den ihn einst Demian aufmerksam gemacht hat, einen Sperber, der aus einer Weltkugel hervorbricht, und schickt das Bild an den Freund.

Bald darauf findet Sinclair einen Zettel in seiner Mappe: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas." Schon in der nächsten Unterrichtsstunde erfährt er beiläufig, dass Abraxas der Name einer Gottheit ist, in der sich Göttliches und Teuflisches vereinen. Über seine Sehnsucht nach Musik findet er zu dem Organisten Pistorius, einem ehemaligen Theologiestudenten. Pistorius erklärt ihm Abraxas als das Einende der beiden gegensätzlichen Welten und spricht von dem großen Menschheitsbesitz, den jeder einzelne in sich trage: Alles, was je in einer Seele gelebt habe, sei auch in ihm. Wer sich dessen bewusst werde, sei wirklich Mensch. Pistorius bestärkt Sinclair, mehr auf die eigene Stimme zu hören als auf die Meinung anderer.

Sinclair zieht durch seine Ausstrahlung den jüngeren, spirituell suchenden Mitschüler Knauer an. Er kann ihm nichts vermitteln und schickt ihn auf den eigenen Weg, verhindert dann aber, von einer inneren Macht an den Unglücksort gezogen, dessen Selbstmordversuch. Gegen Ende der Gymnasialzeit trennt sich der inzwischen Achtzehnjährige von Pistorius: Der Lehrer bleibt trotz seiner Botschaft der Selbstfindung an die Tradition seiner Musik gebunden und kann den radikalen Schritt nicht mitvollziehen, der für Sinclair nun ansteht. Wer wirklich nichts wolle als sein eigenes Schicksal, sagt sich Sinclair mit einer Anspielung auf Jesus in Gethsemane, der stehe ganz allein.

Mit achtzehn Jahren beginnt Sinclair das Studium der Philosophie an der Universität H. Er sieht die Welt der Kneipen jetzt aus der Distanz und fühlt sich ihr nicht mehr zugehörig. Sein inneres Verlangen führt ihn wieder mit Demian zusammen, der ihn in das Haus seiner Mutter einlädt. In der Halle hängt das Sperberbild, das Sinclair einst geschickt hat – und in Demians Mutter, die ihre Vertrauten „Frau Eva" nennen, erkennt Sinclair das Traumgesicht wieder, das er so oft gezeichnet hat. Sie wird zu seinem neuen Leitbild: Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte zugleich. Seine Liebe zu ihr gibt ihm die Kraft, ohne Angst auf sich selbst zu vertrauen. Frau Eva spürt seine Liebe und erklärt ihm, dass sie sich nicht verschenken werde; seine Liebe müsse so stark sein, dass sie sie zu ihm ziehe.

Frau Eva, Demian und Sinclair bilden den Kern eines Kreises von Suchenden sehr unterschiedlicher Art, die sich durch das Kainszeichen verbunden fühlen und gemeinsam Kritik üben an der „schreienden Verödung des Geistes" im Europa der Zeit. Sie fühlen, dass ein großer Zusammenbruch bevorsteht, und bereiten sich auf eine Neugeburt vor, die sie für notwendig halten. Symbol dieses Kulturwandels ist die große Eva-Mutter, aus der eine neue Menschheit hervorgehen soll. Der Roman folgt Sinclair durch diese Reifung bis an die Schwelle des jungen Soldaten, der seinen Weg ohne Demian weitergehen muss und in sich selbst dessen Stimme wiederfindet.

Stil

Der Roman Demian ist als Ich-Erzählung im Rückblick angelegt. Der erwachsene Sinclair erzählt seine eigene Kindheit und Jugend. Im Vorwort gibt er seinen Bericht als Autobiographie aus. Diese Form gibt dem Roman zugleich Nähe und Reflexion. Der erzählende Erwachsene deutet, was der erlebende Junge nur ahnt.

Die Geschichte folgt einem stufenartigen Aufbau. In klar abgegrenzten Etappen schildert er Sinclairs Entwicklung vom zehnjährigen Lateinschüler über den Pennäler und Gymnasiasten bis zum jungen Studenten und Soldaten. Jede Etappe hat ihren eigenen Schauplatz, ihre eigene Bezugsperson und ihr eigenes Motiv: Kromer, Demian, Beatrice, der Sperber, Pistorius, Frau Eva.

Hesse arbeitet stark mit Symbolen und Bildern. Die zwei Welten, das Kainsmal, der Vogel, der sich aus dem Ei kämpft, der Gott Abraxas und die Eva-Mutter sind Leitmotive. Sie kehren immer wieder und laden die Handlung mit einer mythisch-religiösen Bedeutungsschicht auf. Traum, Vision und Wirklichkeit gehen oft ineinander über. Sinclair selbst bekennt einmal, er könne nicht mehr genau trennen, was er geträumt und was er erlebt habe. Eingestreute Bibelauslegungen, philosophische Gespräche und längere Passagen innerer Betrachtung machen den Roman zu einer Mischung aus Erzählung, psychologischer Studie und essayistischer Reflexion.

Rezeption

Der Roman erschien 1919, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Er traf eine Jugend, die oft traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt war und nach Orientierung und Sinn suchte. Die Verkaufszahlen waren hoch. Die Resonanz war, wie es in einer zeitgenössischen Schilderung heißt, geradezu frenetisch. Gelobt wurden vor allem die psychologische Menschenkenntnis und das Einfühlungsvermögen in die Hauptfigur. Thomas Mann zeigte sich schon kurz nach dem Erscheinen begeistert. Noch 1948 kam er im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe darauf zurück. Stefan Zweig las den Roman als ein Werk, das zugleich psychologische Studie und Fiktion, Symbolismus und wörtlich zu nehmende Geschichte, weitschweifender Essay und einheitliche Erzählung sei.

Wie Hesses Werk insgesamt verlief die Rezeption wellenartig und folgte den Krisenzeiten. Im Nationalsozialismus gehörte Demian zur unerwünschten Literatur. 1942 verhängte das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda gegen den Fischer Verlag einen Verlegestopp für Hesses Bücher. Nach dem Krieg kam es zu einem neuen Hesse-Boom unter den heimkehrenden Soldaten, die sich erneut auf die Suche machten. Befördert wurde er auch durch den Literaturnobelpreis 1946.

Die deutsche Literaturwelt wandte sich später von Hesse ab. Im Ausland stieg seine Popularität dagegen ab den 1960er Jahren rapide, mit einem Höhepunkt in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten. Dort griffen viele Jugendliche neben Der Steppenwolf und Siddhartha auch zum Demian – vor dem Hintergrund von Vietnamkrieg, Rassendiskriminierung und einer Sehnsucht nach anderen Werten. Bis 1976 wurde der Roman dort rund 1,5 Millionen Mal verkauft. Über diese Welle kamen schließlich auch wieder deutsche Leser zum Buch zurück.

Eine späte, unerwartete Wirkung entfaltete der Roman 2016. Damals griff die südkoreanische Popgruppe BTS auf ihrem Konzeptalbum Wings Symbole und Motive aus Demian auf – im Musikvideo zu Blood, Sweat & Tears und in sieben begleitenden Kurzfilmen. In Südkorea wurde das Buch fast hundert Jahre nach seinem Erscheinen zum Bestseller, besonders bei den unter Dreißigjährigen. Heute zählt Demian zu den Klassikern der Schullektüre im Deutschunterricht. Es liegt in mindestens 27 Sprachen vor.

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