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Werkseintrag · Dei Sepolcri
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Dei Sepolcri
1807
– Werkseintrag –

Dei Sepolcri

1807 · Lyrik

Ein napoleonisches Gesetz über Friedhöfe wurde für Ugo Foscolo zum Anlass, in Versen zu fragen, was von einem Menschen über den Tod hinaus bleibt.

Überblick

Das Gedicht Dei sepolcri (Von den Gräbern) zählt zu den geschlossensten und dichtesten Werken Ugo Foscolos. Es besteht aus 295 reimlosen Elfsilblern und hat die Form eines dichterischen Sendschreibens an den Dichter Ippolito Pindemonte, dem es gewidmet ist. Foscolo verfasste es in den Sommer- und Herbstmonaten 1806; gedruckt wurde es 1807 in Brescia. Anlass war ein napoleonisches Gesetz, das die Bestattung der Toten neu regelte. Aus dieser Frage entwickelt der Dichter eine weit ausgreifende Betrachtung über den Tod, über das Grab und über den Sinn menschlichen Handelns. Das Besondere liegt weniger im Thema selbst – die Gräberdichtung war schon vorher verbreitet – als darin, dass Foscolo hier die Hauptgedanken seines Schaffens bündelt: seinen Materialismus, die Bedeutung von Kultur und Dichtung sowie die geschichtliche Lage Italiens.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ausgangspunkt ist ein Gesetz, das Napoleon erlassen hatte und das 1806 auf Italien ausgedehnt wurde. Es schrieb vor, die Toten künftig außerhalb der Stadtmauern zu bestatten, in hellen und luftigen Anlagen. Die Grabsteine sollten alle gleich groß sein, die Inschriften von einer Behörde geprüft werden. So wollte man jede Bevorzugung einzelner Toter verhindern.

Diese nüchterne Neuerung wird für Foscolo zum Anlass einer grundsätzlichen Frage: Was bedeutet ein Grab überhaupt? Der Dichter setzt bei einem harten Gedanken an. Dem Toten selbst nützt sein Grab nichts, denn mit dem Tod ist alles zu Ende. Doch was für den Verstorbenen ohne Wert ist, gewinnt für die Lebenden Bedeutung. Von diesem Punkt aus entfaltet das Gedicht Schritt für Schritt, warum die Erinnerung an die Toten für die Menschen und ihre Gemeinschaft unentbehrlich ist. So lädt das Werk dazu ein, dem Grab nicht als Ort des Endes zu begegnen, sondern als Band zwischen den Zeiten.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn stellt Foscolo jede Hoffnung auf ein Jenseits in Frage. Der Tod ist für ihn das vollständige Vergehen, ein Auflösen ohne Fortdauer. Mit dem Verstand nimmt der Dichter dieses Gesetz an; mit dem Gefühl aber lehnt er es ab. Deshalb sucht er einen Weg, den Tod zu überwinden – nicht durch den Glauben an ein ewiges Leben, sondern durch eine Verbindung liebevoller Empfindungen zwischen den Lebenden und den Toten. Das Grab kann nicht trösten, denn der leibliche Tod bleibt endgültig. Aber es kann ein Erbe der Zuneigung hinterlassen und das Andenken an die Verstorbenen bewahren.

Von hier führt das Gedicht in einer aufsteigenden Linie immer weiter. Zunächst ist das Grab der Ort, an dem sich die Liebe und die Trauer der Angehörigen und Freunde sammeln. Dann wird es zum Zeichen einer ganzen Familie, die ihre Erinnerungen über die Jahrhunderte weitergibt, vom Vater auf den Sohn. Weiter erscheint das Grab als Merkmal der Gesittung des Menschen überhaupt: Die Sorge um die Toten trennt den zivilisierten Menschen vom rohen Zustand. Schließlich trägt das Grab die Ideale und Werte eines ganzen Volkes; es hält das Gedächtnis an große Männer wach und ruft zu Taten auf.

Auf der höchsten Stufe steht die Dichtung. Wenn die Zeit selbst die Gräber der Großen zerstört, so bleibt es dem Gesang der Dichter vorbehalten, ihre Erinnerung zu retten. Die Poesie macht das Andenken ewig. Diese Gedanken stützt Foscolo auf die Geschichtsauffassung Giambattista Vicos, der in der Geschichte ein allmähliches Fortschreiten der Menschen zu immer höherer Gesittung sah. Der Mensch stirbt; aber wenn er für seine Ideale gelebt und gelitten hat, hinterlässt er ein Vorbild, das die Nachkommen weitertragen. So überwindet das Werk die düstere Verzweiflung, die Foscolos Briefroman Die letzten Briefe des Jacopo Ortis beherrscht hatte. An die Stelle des heldenhaften, aber hoffnungslosen Pessimismus tritt der Glaube an einen geschichtlichen Fortschritt, den große Vorbilder tragen.

Stil

Die Form des Werks ist die einer dichterischen Epistel: Foscolo wendet sich unmittelbar an seinen Freund Ippolito Pindemonte, mit dem er kurz zuvor über das Bestattungsgesetz gestritten hatte. Das Gedicht sollte, wie der Dichter selbst andeutete, seinen allzu heftigen politischen Widerspruch wiedergutmachen. Aus diesem Gespräch heraus entsteht ein Ton, der persönlich und zugleich feierlich ist.

Die 295 Verse sind reimlose Elfsilbler. Sie folgen keinem streng geordneten Gedankengang, sondern bewegen sich in freien Übergängen von Bild zu Bild. Ihren inneren Halt gibt ihnen die aufsteigende Linie vom einzelnen Grab bis zur ewig machenden Kraft der Dichtung. Kennzeichnend ist die Spannung zwischen Verstand und Gefühl: Der nüchterne Materialismus, der jede Fortdauer nach dem Tod leugnet, verbindet sich mit einer tiefen, schwermütigen Empfindung. Foscolo knüpft dabei an die englische Gräberdichtung an – etwa an die Nachtgedanken von Edward Young, an die Grabbetrachtungen von James Hervey und an die berühmte Elegie auf einem Landfriedhof von Thomas Gray. Einen Vorläufer besaß er auch in Italien, in einer Abhandlung des Aufklärers Scipione Piattoli über den Ort der Bestattung.

Rezeption

Schon während der Entstehung nahm Vincenzo Monti Anteil an dem Werk; von ihm gingen einige Verbesserungsvorschläge aus, die Foscolo Anfang 1807 aufnahm. Ippolito Pindemonte, dem das Gedicht gewidmet ist, reagierte trotz des vorausgegangenen Streits mit großer Bewunderung. Er selbst hatte an einem verwandten Werk über die Friedhöfe gearbeitet, I cimiteri (Die Friedhöfe). In der Forschung wurde später viel darüber gestritten, wer von beiden den anderen angeregt hatte; heute geht man davon aus, dass Foscolos Verse zuerst entstanden.

Nicht alle Stimmen waren zustimmend. Der französische Abbé Aimé Guillon veröffentlichte 1807 in einer Mailänder Zeitung einen Angriff auf das Gedicht. Foscolo antwortete darauf mit einer scharfen Streitschrift, in der er dem Kritiker die Fähigkeit absprach, über italienische Dichter zu urteilen. Das Werk zählt seither zu den bekanntesten Dichtungen Foscolos.

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