1915
Knulp
Überblick↑
Die Erzählung Knulp von Hermann Hesse erschien 1915 im S. Fischer Verlag. Sie trägt den Untertitel Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. Sie zeichnet das Bild eines liebenswerten Landstreichers. Dieser zieht ohne festen Beruf und ohne festen Wohnsitz durch süddeutsche Kleinstädte. Hesse schrieb die drei Geschichten zwischen 1907 und 1914. Sie zählen zu seinen sogenannten Gerbersau-Erzählungen, die in der literarisch verfremdeten Heimatlandschaft des Dichters spielen. Das schmale Werk gilt als eine der eindringlichsten Gestaltungen des Außenseiters und Wanderers in der deutschsprachigen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Knulp, ein gebildeter, charmanter und musikalisch begabter Vagabund. Er pfeift, plaudert und wandert lieber, als sich in einen bürgerlichen Beruf zu fügen. Drei lose verbundene Geschichten begleiten ihn auf verschiedenen Stationen seines Lebens.
Im Vorfrühling kommt der eben aus dem Krankenhaus entlassene Knulp bei einem alten Bekannten unter, dem Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten. Er streift durch die Stadt und sucht das Gespräch mit Handwerkern. Er frischt Bekanntschaften auf und freundet sich mit dem Dienstmädchen Bärbele aus dem Schwarzwald an.
Die zweite Geschichte Meine Erinnerung an Knulp wird von einem Wanderfreund erzählt. Dieser ist mit ihm im hochsommerlichen Süddeutschland unterwegs. Knulp belustigt junge Mädchen mit seinen Späßen. Im Gras philosophiert er über Vergänglichkeit, Einsamkeit und die Eigenheit jeder einzelnen Seele.
Die dritte Geschichte Das Ende setzt im Herbst ein. Knulp ist auf dem Weg in seinen Geburtsort Gerbersau und begegnet einem ehemaligen Schulkameraden, dem Landarzt Dr. Machold. Der zieht den Wanderer ins Gespräch über sein Leben. Es geht auch um die Frage, warum aus dem einst begabten Schüler ein Landstreicher geworden ist.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung besteht aus drei Geschichten, die zusammen ein Lebensbild ergeben.
Im Vorfrühling ist es Mitte Februar, das Wetter ist scheußlich. Knulp, nach mehrwöchiger Krankheit aus dem Krankenhaus entlassen und noch fiebrig, kommt bei dem Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten unter, mit dem er vor Jahren auf der Walz gewesen ist. Das Gesellenbett ist frei. Knulp legt sich auf nichts fest, denn es ist ihm wichtig, über seinen nächsten Tag stets frei verfügen zu können. Er bittet um einen Eintrag in sein Wanderbüchlein, in dem er sich bisher den tadellosen Verlauf eines scheinbar arbeitsamen Lebens angedichtet hat. Nach einem Tag Bettruhe streift er abends durch die Stadt und lernt bei einer Plauderei von Fenster zu Fenster auch das junge Schwarzwälder Dienstmädchen Bärbele kennen, deren Zutrauen er durch sein Kunstpfeifen gewinnt.
Am nächsten Morgen wendet er sich ausgiebig dem Städtchen zu, frischt alte Bekanntschaften auf und sucht das Gespräch mit den Handwerkern. Da er sich in allen Handwerken auskennt und ihre Fachsprachen beherrscht, lässt er sich gern für einen der ihren halten. Der sesshaft gewordene Flickschneider Schlotterbeck, ein alter Bekannter, beneidet ihn um sein sorgenfreies Leben. Knulp rät ihm, froh um seine vielen Kinder zu sein, und verrät, er habe selbst einen zweijährigen Sohn, der nach dem Tod der Mutter wegen verheimlichter Vaterschaft von fremden Leuten angenommen worden sei; er könne ihn höchstens von Weitem sehen. Den Zudringlichkeiten der lebenshungrigen Gerberfrau weicht Knulp aus, ebenso einer Einladung des Ehepaars Rothfuß. Stattdessen überredet er Bärbele, mit ihm auf den Tanzboden zu gehen. Sie tanzen miteinander, er bringt sie bis fast vor ihre Tür, und sie geben sich einen Abschiedskuss. Bärbele merkt, dass Knulp ein Habenichts ist, und schenkt ihm aus ihrem schmalen Geldbeutel eine Münze. Knulp spürt den Frühling und muss wandern.
Die zweite Geschichte, Meine Erinnerung an Knulp, wird aus der Sicht eines Wanderfreundes erzählt, der mit Knulp im heißen Sommer auf der Walz ist. In einem Bauerndorf erheitert Knulp ein paar junge Mädchen mit seinen Späßen, während der Erzähler sich zurückhält. Die beiden übersteigen eine Friedhofsmauer; Knulp bricht eine Friedhofsblume ab und steckt sie sich an den Hut. Im Gras philosophiert er darüber, dass das Schöne stets vergänglich sei. Vor dem Nachtlager im Freien erzählt er einen Traum, in dem es um die Unerreichbarkeit von einst Vertrautem geht: Er hat Eltern und Jugendliebe verlassen, und nichts lässt sich rückgängig machen. Er sinnt über die Verschiedenheit der Seelen nach: Was er für die Hauptsache an sich selbst hält, vielleicht gerade seine Seele, fänden seine Eltern nebensächlich; viele Eigenschaften könnten Eltern vererben, nicht aber die Seele, die jeder für sich habe. Übermütig begrüßt Knulp den neuen Tag, indem er die Sonne besingt. Den ganzen Sommertag sind die beiden lustig, doch je näher die Abendschwüle rückt, desto stiller wird Knulp und desto fröhlicher der Erzähler. Am nächsten Morgen wacht der Erzähler spät auf, und Knulp ist fort. Da befällt ihn jene Einsamkeit, von der Knulp die ganze Zeit gesprochen hat: Jeder ist mit sich allein.
In der dritten Geschichte, Das Ende, ist es Oktober. Auf dem Fußmarsch zu seinem Geburtsort Gerbersau wird Knulp von einem ehemaligen Banknachbarn aus der Lateinschule angesprochen, dem Landarzt Dr. Machold. Dieser erkennt sofort: Knulp ist lungenkrank und gehört nicht auf die Straße. Machold, der einst von Knulp abgeschrieben hatte, nimmt ihn mit nach Hause und steckt ihn ins Bett; die Krankheit ist im fortgeschrittenen Stadium. Er will Knulp einen Platz im Spital Oberstetten besorgen, doch Knulp möchte in seinen Geburtsort. Vor der Kutschfahrt nach Gerbersau fragt Machold, warum der begabte Knulp seine Gaben nicht in einem anspruchsvollen Beruf eingesetzt, sondern nur für sich selbst verbraucht habe. Knulp wendet ein, dass auch andere Freude an seinen Späßen gehabt hätten. Warum er die Lateinschule verlassen habe, kann er sagen: Mit knapp dreizehn liebte er Franziska, zwei Jahre älter, die keinen Studierten mochte. Um ihr Schatz zu sein, verließ er die Schule. Franziska nahm einen anderen. Von da an ging es mit Knulp abwärts. Er habe noch Bekannte und Liebschaften gehabt, sich aber auf kein Wort eines Menschen mehr verlassen und sich selbst durch keines mehr binden können. Er habe viel Freiheit und Schönes erlebt, sei aber doch immer allein geblieben.
Knulp lässt sich nach Gerbersau kutschieren, bleibt dem Spital aber fern. Er sucht die Plätze seiner Kindheit auf, erkennt manches wieder und betrauert unwiederbringlich Verschwundenes. Auf sein Fragen erfährt er, dass Franziska nicht mehr am Leben ist; daraufhin verlässt er die Stadt. Ein Steinklopfer, den er trifft und der ihn ebenfalls von früher kennt, gibt ihm zu bedenken, dass er sein Leben werde verantworten müssen, wenn es ans Sterben gehe; trotz seiner Begabungen sei aus ihm nichts geworden. Knulp hofft auf einen Gott, der ihn nicht fragen wird, warum er nicht Amtsrichter geworden sei, sondern ihn, den Kindskopf, freundlich aufnehmen werde.
Es treibt den Vagabunden wieder auf die Straße. Zwei Wochen lang umkreist er Gerbersau zu Fuß. Als der Winter mit Schneetreiben einbricht, geht es mit ihm zu Ende. Er ist todesmüde und spuckt Blut. In seinen Gedanken steht er vor Gott und spricht unaufhörlich mit ihm. Knulp klagt über die Zwecklosigkeit seines verfehlten Lebens; es hätte besser eher enden sollen. Gott erinnert ihn an viele frohe, schöne Zeiten. Knulp reut auch seine Schlechtigkeit gegenüber Lisabeth, die er mit ihrem gemeinsamen Buben auf dem Arm vor Augen hat. Gott hält dagegen, dass sie ihm nie gezürnt habe und auch viel Schönes von ihm empfangen habe, was den ihr zugefügten Schmerz überwiege. Ein Leichtfuß und Vagabund habe Knulp sein müssen, um überall ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen zu können. In Knulps Namen sei Gott selbst gewandert; er habe in ihm gelitten, sei in ihm verspottet und geliebt worden. Knulp sei sein Kind, sein Bruder und ein Stück von ihm. Knulp nickt schwer mit dem Kopf und sagt, ja, so sei es, er habe es eigentlich immer gewusst.
Stil↑
Hesse erzählt in einer ruhigen, klaren und bildhaften Prosa. Sie lässt Landschaft, Wetter und Stimmungen der süddeutschen Kleinstadt und ihres Umlands sehr anschaulich werden. Die drei Teile sind locker zu einem Lebensbild gefügt. Jede Geschichte greift eine Jahreszeit und eine Lebensstation auf: Vorfrühling, Hochsommer und Spätherbst bis Winter. Dabei wechselt die Erzählperspektive. Der erste und der dritte Teil sind aus auktorialer Sicht erzählt. Der mittlere Teil ist die Ich-Erinnerung eines Wanderfreundes. Dialog, innerer Monolog und Naturbeschreibung greifen ineinander. Gegen Ende öffnet sich die Erzählung zu einem zwiegesprächartigen Schlussbild zwischen Knulp und Gott. Liedhafte, ja musikalische Elemente durchziehen den Text: Knulps Pfeifen, sein Sonnenlied, der Tanzboden. Sie unterstreichen die Leichtigkeit, die mit der zunehmenden Schwermut kontrastiert.
Rezeption↑
Die Erzählung Knulp gehört bis heute zu den bekanntesten kürzeren Erzählungen Hermann Hesses. Zusammen mit anderen Gerbersau-Texten wird sie zum Kern jenes Werks gezählt, das Hesses Bild des sehnsüchtigen, freiheitssuchenden Außenseiters geprägt hat. Die Gestalt des liebenswerten, melancholischen Vagabunden ist in den deutschsprachigen Lesergedächtnis eingegangen. Sie hat das Motiv des unbürgerlichen Wanderers für die Literatur des 20. Jahrhunderts mitgeprägt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →