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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Steppenwolf
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Der Steppenwolf
1927
– Werkseintrag –

Der Steppenwolf

1927 · Roman

Ein einsamer Gelehrter, halb Bildungsbürger und halb Wolf, lernt bei einer rätselhaften jungen Frau das Tanzen, das Lachen und ein Magisches Theater kennen, in dem sich alle Gewissheiten auflösen.

Überblick↑

Der Steppenwolf erschien 1927. Er ist einer der bekanntesten Romane Hermann Hesses und zugleich eine schonungslose Selbstbefragung. Im Zentrum steht Harry Haller, ein etwa fünfzigjähriger Gelehrter. Er fühlt sich zerrissen zwischen seiner bürgerlich-gebildeten Hälfte und einer wölfisch-einsamen, gesellschaftskritischen Seite. Hesse verbindet darin Gesellschaftskritik und Psychoanalyse. Die Heilung dieser Zerrissenheit soll im Humor und im Lachen über sich selbst liegen. Der Roman trug wesentlich zu Hesses Weltgeltung und zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1946 bei. Vier Jahrzehnte später löste er die internationale Hesse-Renaissance der sechziger Jahre aus.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Harry Haller ist ein Mann von annähernd fünfzig Jahren. Er lässt sich für zehn Monate in einer größeren Stadt nieder, die er vor einem Vierteljahrhundert schon einmal besucht hat. Er ist beruflos, familienlos und heimatlos. Einst schrieb er Bücher und verehrte Mozart wie Goethe. Doch er hat Ruf, Vermögen und seine Frau verloren und reist seither ruhelos. Haller erlebt sich als Doppelwesen, halb sensibler Bildungsbürger, halb einsamer Wolf und Außenseiter. Die Langeweile, Korruption und Kriegsbereitschaft der bürgerlichen Welt ekeln ihn an. Doch das Leben als Steppenwolf erstickt ihn ebenso in Einsamkeit und Verzweiflung. Er erwägt, sich an seinem fünfzigsten Geburtstag das Leben zu nehmen.

In der Mitte des Romans tritt eine junge Frau namens Hermine in sein Leben. Sie spricht ihn in einem Tanzcafé an und erinnert ihn an einen Jugendfreund. Sie wird seine Lehrerin in allem, was er nie gelernt hat: tanzen, lachen, leben. An ihrer Seite lernt er auch Maria kennen, eine schöne junge Frau, und Pablo, einen Saxophonisten. Gemeinsam führen sie Haller in eine Welt, die seinen bisherigen Überzeugungen widerspricht. Am Ende eines Maskenballs öffnet sich ihm der Zugang zu einem geheimnisvollen Magischen Theater. Dort verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Spiegelbild.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman ist dreigeteilt. Eine Vorrede stammt vom Neffen der Hauswirtin, bei der Haller zur Untermiete wohnt, und schildert dessen Eindruck von dem seltsamen Gast. Es folgen Hallers eigene Aufzeichnungen. Eingeschoben ist das Traktat vom Steppenwolf, eine kühle, scheinbar von Unsterblichen verfasste Analyse seiner Persönlichkeit, ein Buch im Buch, das Haller selbst zugespielt bekommt und liest. Hesse war dieses dreifache Erzählen so wichtig, dass das Traktat in den ersten Ausgaben sogar als gelbe Broschüre separat eingeheftet war.

Haller bewohnt ein Zimmer in einem ordentlichen Bürgerhaushalt, dessen Stille, Sauberkeit und die sorgfältig gepflegte Araukarie auf dem Treppenabsatz ihn trotz seiner antibürgerlichen Haltung anziehen. Er schwankt zwischen Geistverehrung und Lebensekel und plant, sich am fünfzigsten Geburtstag das Leben zu nehmen. Schon die Gewissheit dieses Notausgangs mildert sein Leiden ein wenig.

In einem Tanzcafé begegnet er Hermine, einer jüngeren Frau und Gelegenheitsprostituierten, androgyn und verständnisvoll, die ihn vage an einen Jugendfreund namens Hermann erinnert. Die beiden nennen sich Geschwister. Hermine versteht sich als Spiegel seiner Wünsche und nimmt ihn in die Lehre. Sie zwingt ihn, tanzen zu lernen, sich neue Kleider zu kaufen und sich auf das Leben einzulassen. Ihre wichtigste Lehre lautet, er müsse sein Glück selbst in die Hand nehmen. Schon bei der ersten Verabredung kündigt sie ihm an, dass er sie einst werde töten müssen.

Aus pädagogischen Gründen legt Hermine ihm ihre Kollegin Maria ins Bett. Haller mietet eine kleine Wohnung für die Liebesnächte und entdeckt mit Maria erstmals körperliche Wonnen. Doch bald sehnt er sich wieder nach neuem Leiden und nimmt ohne äußeren Anlass Abschied von ihr.

Höhepunkt ist ein nächtlicher Maskenball in einem großen Gebäude mit vielen Sälen und Geschossen. Haller sucht Hermine vergebens, bis ihm ein Hinweis auf ein Magisches Theater zugesteckt wird, das morgens um vier im als Hölle dekorierten Keller stattfindet. Dort findet er Hermine als Mann verkleidet, erkennt in ihr den Jugendfreund Hermann und tanzt mit ihr einen Hochzeitstanz, in dem sich die Geschlechter und Identitäten auflösen.

Mit Hermine und Pablo nimmt Haller Drogen, und der Bildersaal seiner Seele öffnet sich. Im Magischen Theater steht er in einem hufeisenförmigen Korridor mit unzähligen Logentüren, hinter denen ihn Szenen erwarten, die ihn das Lachen lehren sollen. Er erlebt den Kampf zwischen Mensch und Wolf in sich, eine Schlacht gegen die Ordnung der Automobile mit der Opferung von Chauffeuren, das Wiedersehen mit allen Frauen, die er je begehrt hat, und einen Spiegel, den er in Scherben tritt. In einer letzten Loge findet er Pablo und Hermine, vom Liebesspiel erschöpft, nackt nebeneinander. Haller stößt Hermine ein Messer in das Mal eines Liebesbisses unter der linken Brust, und sie scheint zu verbluten.

Daraufhin tritt Mozart auf, der ein Radio einschaltet und Händel hört, was für Haller fast ein Sakrileg ist, für Mozart aber ein Anlass zum Lachen über den Abstand zwischen göttlicher Idee und profaner Erscheinung. Haller müsse den Humor lernen, der immer nur Galgenhumor sein könne. Für die nur scheinbare Ermordung Hermines wird Haller zur Strafe des ewigen Lebens und des einmaligen Ausgelachtwerdens verurteilt, weil er mit Messern gestochen, statt über sich und seine Eifersucht gelacht zu haben. Der Roman endet mit Hallers Vorsatz, dieses Spiel beim nächsten Mal besser zu spielen.

Stil↑

Hesse baut den Roman dreiteilig auf. Damit folgt er dem musikalischen Modell von Exposition, Durchführung und Aufhebung. Drei verschiedene Erzählstimmen schildern fast dieselbe Zeitspanne aus drei Perspektiven: der bürgerliche Neffe der Hauswirtin im Vorwort, Haller selbst in seinen Aufzeichnungen und ein scheinbar olympischer, von den Unsterblichen aus blickender Erzähler im Traktat vom Steppenwolf. Diese kompositorische Vielstimmigkeit galt schon bei Erscheinen als Neuerung. Das eingeschobene Traktat funktioniert wie ein Buch im Buch. Es wirkt zugleich wie eine innere Biographie, die der Protagonist über sich selbst liest.

Mehrfach verweist der Roman auf Dantes Göttliche Komödie. Er nimmt deren Dreiteiligkeit auf, und deren Hölle kehrt im Tanzpalast-Keller wieder. Hermine erscheint dabei wie ein Vergil, der den Verlorenen durch fremde Welten führt. Die Initialen Harry Hallers spielen auf Hermann Hesse an. Der Bezug zu Goethes Faust wird mehrfach angedeutet. Auch die Figuren tragen vielfach symbolische Bedeutung: Hermine, Maria und Pablo lassen sich als Personifikationen innerer Sehnsüchte und Möglichkeiten Hallers lesen. Die Sprache bewegt sich zwischen analytischer Kühle, bürgerlicher Beschreibung und hymnischen, traumhaften Passagen im Magischen Theater.

Rezeption↑

Nach Erscheinen wurde der antibürgerliche Roman höchst widersprüchlich aufgenommen. Einem breiten Publikum blieb er fremd. In literarischen Kreisen stieß er auf begeisterte Zustimmung. In der NS-Zeit war das Buch zwar nicht verboten. Der pazifistische und gesellschaftskritische Ton verhinderte aber neue Auflagen. Wesentlich trug der Roman dazu bei, dass Hesse 1946 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde.

Die eigentliche Breitenwirkung kam Jahrzehnte später. In den sechziger Jahren wurde der Steppenwolf zum Kultbuch einer neuen Generation, die in Harry Haller einen Seelenverwandten erkannte. Die Hippie-Bewegung machte ihn zu einem ihrer Schlüsselbücher. In den USA wurde der Roman in dieser Zeit mehrfach aus Bibliotheken entfernt. In Colorado warf man ihm vor, Drogenmissbrauch und sexuelle Perversionen zu propagieren. Gerade das löste eine umfangreiche Hesse-Rezeption in Amerika und Deutschland aus, die internationale Hesse-Renaissance. 1974 verfilmte Fred Haines den Stoff. Der Roman wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Das Manuskript ist in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne in Marbach zu sehen, wo auch der Großteil von Hesses Nachlass liegt. Helmuth Kiesel hob 2017 hervor, Haller sei aufgrund vielerlei Verluste aus der bürgerlichen Gesellschaft samt ihrem traditionellen Wertesystem hinausgedrängt worden.

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