1892
Der Strand von Falesa
Überblick↑
Die Erzählung Der Strand von Falesa gehört zu den letzten Werken Robert Louis Stevensons. Er schrieb sie in seinen Jahren auf Samoa. 1892 erschien sie zunächst in den Illustrated London News, ein Jahr darauf im Druck in der Sammlung Island Nights' Entertainments. Erzählt wird die Geschichte eines britischen Händlers. Um 1868 gerät er auf einer Südseeinsel in ein Geflecht aus Aberglauben, Habgier und stillem Schrecken. Stevenson verbindet den Abenteuerstoff mit einer nüchternen Schilderung des Kolonialalltags. Damit gilt er als früher Wegbereiter einer realistischen Südsee-Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte des Briten John Wiltshire. Nach vier Jahren am Äquator übernimmt er den Koprahandel auf der Südseeinsel Falesa. Schon am Strand wird er von dem Englisch sprechenden Händler Case empfangen. Der rät ihm umgehend zu einer Frau. So kommt es zu einer Verbindung mit der jungen Tongaerin Uma, einer bettelarmen Schönheit mit langem Gesicht und hoher Stirn. Die Hochzeit vollzieht ein zweifelhafter „Kaplan“. Sie trägt mehr Züge einer Farce als einer Trauung.
Bald muss Wiltshire bemerken, dass die Inselbewohner ihn meiden. Niemand will mit ihm Handel treiben, niemand ihn grüßen. Eine Aussprache mit den Häuptlingen, bei der Case dolmetscht, liefert keine befriedigende Erklärung. Wiltshire ahnt, dass mehr hinter dem Bann steckt als bloße Abneigung. Ein gelegentlich vorbeikommender Missionar, Mr. Tarleton, öffnet ihm allmählich die Augen. Er erfährt von den wahren Verhältnissen auf der Insel und von dem Mann, dem er bei seiner Ankunft begegnet ist. Wiltshire steht vor der Frage, ob er weichen oder sich zur Wehr setzen soll.
Die Handlung im Detail↑
John Wiltshire, britischer Ich-Erzähler und seit vier Jahren am Äquator unterwegs, übernimmt für seinen Arbeitgeber den Koprahandel auf der Südseeinsel Falesa. Die Einheimischen nennt er Eingeborene oder Kanaken. Am Strand empfängt ihn Case, ein Englisch sprechender Chinese, der selbst Händler ist. Case meint, Wiltshire brauche eine Frau, und arrangiert sogleich die Hochzeit mit Uma, einer hübschen, bettelarmen Tongaerin mit langem Gesicht und hoher Stirn. Der „Kaplan“, der schwarze John Blackamoar, stellt der Braut ein Dokument aus, das sie nicht lesen kann; nach dem Wortlaut darf der „Ehemann“ die „Ehefrau“ jederzeit fortschicken. Uma hängt dennoch mit voller Ergebenheit an Wiltshire und ruft aus: „Ich dir gehören wie Schwein!“
Schon bald merkt Wiltshire, dass ihn die Inselbewohner geschlossen meiden. Er sucht Klarheit bei den Häuptlingen, Case dolmetscht. Das Ergebnis: die Einheimischen mögen ihn nicht, er solle besser sofort die Insel verlassen. Hinter Umas Außenseiterrolle steht eine Vorgeschichte. Sie hatte vor Wiltshire zwei Verehrer; Case selbst war von ihr abgewiesen worden, der zweite Verehrer, ein kleiner Häuptling, hatte sie verlassen. Seither wird sie von der Dorfbevölkerung einhellig gemieden – und mit ihr nun auch Wiltshire.
Der Missionar Mr. Tarleton, der Falesa von Zeit zu Zeit aufsucht, greift ordnend ein. Uma überreicht ihm den gefälschten Trauschein. Auf Wiltshires dringenden Wunsch werden die beiden ordentlich getraut. Tarleton klärt Wiltshire über die Lage auf: Case sei sein Todfeind, er habe bereits Wiltshires Vorgänger vertrieben oder wahrscheinlich umgebracht. Mit den Häuptlingen im Rücken und mittels faulen Zaubers herrsche Case im Dorf. Der Missionar fürchtet, Case werde auch Wiltshire als nächsten Händler aus dem Weg räumen.
Wiltshire nimmt den Kampf auf. Er findet Cases Kultstätte im Inselinnern und zerstört die „Schreckgespenster“, mit denen Case die Einheimischen in Furcht hielt. Im nächtlichen Busch kommt es zur Entscheidung: Case schießt mit seiner Winchester auf Wiltshire und verwundet ihn, doch Wiltshire ersticht den Gegner. „Damit gab ich ihm den kalten Stahl, so tief ich konnte. Sein Körper sprang unter mir wie ein gefedertes Sofa; er gab ein entsetzliches langes Stöhnen von sich und lag dann still.“
Fortan floriert Wiltshires Koprahandel auf Falesa. Mit Uma fühlt er sich auf der Insel wohl, ist aber doch froh, als ihn seine Firma an einen anderen Ort versetzt.
Stil↑
Stevenson erzählt durchgängig aus der Ich-Perspektive des Händlers Wiltshire. Dadurch gewinnt er eine ungewöhnlich nüchterne, oft derbe Erzählstimme. Der Ton bleibt karg, anschaulich und mündlich gefärbt. Wiltshire spricht so, wie ein einfacher Kolonialhändler reden würde: mit Schimpfwörtern, abschätzigen Begriffen für die Einheimischen und einer gleichgültigen Beiläufigkeit, mit der er das eigene Unrecht schildert. Auch Umas gebrochenes Pidgin-Englisch („Ich dir gehören wie Schwein!“) fügt sich in diese sprachliche Rauheit ein.
Das Grauen wird nicht ausgemalt, sondern aus dem Ungewissen heraus erzeugt. Eine Stelle hält das Prinzip fest: „Man sagt, die Menschen fürchten sich, allein zu sein. Keineswegs! Was einem bange macht … ist …, daß man nichts Gewisses ausmachen kann …“ Wo es zur Sache geht, ist die Sprache jedoch von einer beinahe körperlichen Direktheit. Ein Beispiel ist das Bild des Sterbenden, dessen Körper „wie ein gefedertes Sofa“ zuckt. Diese Mischung aus knapper Härte, atmosphärischer Unschärfe und gelegentlich grellen sinnlichen Details prägt den Erzählton der Geschichte.
Rezeption↑
Die Erzählung gilt als ein Werk, in dem Stevensons Kunst, Grauen heraufzubeschwören, besonders eindringlich zur Geltung kommt. Der Literaturwissenschaftler Dölvers hebt dies anhand der Schlüsselstelle über das Unerklärliche hervor. Daneben verweist er auf die ungeschönt geschilderte „Lust am Töten“, die in der Szene des Zweikampfs aufblitzt. Im deutschsprachigen Raum wurde die Geschichte mehrfach besprochen: von Werner Schuster im Online-Büchermagazin „eselsohren“ (August 2010) und von Tobias Lehmkuhl unter dem Titel „Ungehobelte Abenteurer“ im Deutschlandradio Kultur (November 2010). Bis heute wird das Werk als eine der frühesten Erzählungen wahrgenommen, die das Leben der weißen Händler in der Südsee ohne romantische Verklärung schildern.
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