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Porträt Robert Louis Stevenson
Robert Louis Stevenson
1850 – 1894
– Autorenporträt –

Robert Louis Stevenson

1850 – 1894 · 44 Jahre

Schottischer Erzähler des viktorianischen Zeitalters, dessen Schatzinsel und Dr. Jekyll und Mr. Hyde bis heute fortwirken – gestorben mit 44 Jahren auf der Südsee-Insel Samoa.

Kurzbiografie↑

Robert Louis Stevenson (1850–1894) war ein schottischer Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters. Trotz lebenslanger Lungenkrankheit und eines kurzen Lebens hinterließ er ein erstaunlich vielseitiges Werk. Berühmt machten ihn vor allem zwei Bücher: der Jugendroman Die Schatzinsel und die Schauernovelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Diese Novelle machte das Thema der gespaltenen Persönlichkeit zu einer Chiffre der Moderne. Daneben schrieb er historische Romane, Reiseberichte, Essays und Gedichte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf der Südsee-Insel Samoa. Dort nannten ihn die Einheimischen Tusitala, den Geschichtenerzähler.


Biografie↑

Robert Louis Stevenson wurde am 13. November 1850 in Edinburgh geboren. Er war das einzige Kind des Ingenieurs und Leuchtturmbauers Thomas Stevenson und seiner Frau Margaret, geborene Balfour. Sein Taufname lautete ursprünglich Robert Lewis Balfour. Mit achtzehn Jahren ließ der Vater die Schreibweise „Lewis“ in die französische Form „Louis“ ändern, um die Verwechslung mit einem gleichnamigen politischen Radikalen zu vermeiden. Die Familie war presbyterianisch geprägt. Mehrere Generationen der Stevensons gehörten zu den führenden schottischen Leuchtturmbauern.

Schon als Kind war Louis kränklich. Wie seine Mutter litt er an Atemwegserkrankungen. Das raue schottische Klima setzte beiden zu, und die häuslichen Vormittage verbrachten sie oft im Bett. Eine entscheidende Bezugsperson seiner Kindheit war die Kinderfrau Alison Cunningham, genannt „Cummy“. Sie flößte ihm mit strengem Calvinismus, biblischen Geschichten und düsteren Schauergeschichten aus der schottischen Kirchengeschichte sowohl Alpträume als auch eine bleibende Faszination für das Erzählen ein. Bereits als Knapp-Fünfjähriger schrieb er seinen ersten Fünfzeiler. Das Spiel mit Versen und ausgedachten Geschichten begleitete ihn fortan.

Der Schulbesuch verlief unregelmäßig. An der „Henderson's Preparatory School“ konnte er aus gesundheitlichen Gründen nur zwei Stunden täglich teilnehmen, und eine Bronchitis beendete den regulären Unterricht bald ganz. Es folgten Privatunterricht, die Edinburgh Academy, ein kurzer Internatsaufenthalt nahe London und schließlich wieder eine Privatschule in Edinburgh. 1867 immatrikulierte er sich an der Universität Edinburgh. Er studierte zunächst Technik und wechselte 1871 zur Rechtswissenschaft. Sein Vater akzeptierte den Wunsch des Sohnes, Schriftsteller zu werden, nur unter der Bedingung eines abgeschlossenen Studiums. 1875 wurde Stevenson als Anwalt bei der „Faculty of Advocates“ zugelassen, übte den Beruf jedoch nicht aus. Vom Schreiben konnte er nicht leben und blieb finanziell auf die Eltern angewiesen. In Edinburgh fiel er als Bohemien auf: Er trug eine blaue Samtjacke und langes Haar, bekannte sich zum Atheismus und entfremdete sich damit dem konservativen Elternhaus.

Die Sommer dieser Jahre verbrachte er auf Reisen. 1876 unternahm er mit dem Freund Walter Grindlay Simpson eine Kanufahrt von Antwerpen bis zur Oise. Daraus ging sein Reisebericht An Inland Voyage (1878) hervor. In der französischen Künstlerkolonie Grez-sur-Loing lernte er 1876 die zehn Jahre ältere amerikanische Amateurmalerin Fanny Osbourne kennen. Sie war verheiratet, lebte aber getrennt von ihrem Mann und hielt sich mit ihren Kindern in Europa auf. Aus der Begegnung wurde eine Liebe, um die über Jahre hinweg eine Scheidung gerungen werden musste. Als Stevenson 1879 ein Telegramm über Fannys Erkrankung erhielt, reiste er erschöpft und in eigener angeschlagener Verfassung quer durch Amerika nach Kalifornien. Am 19. Mai 1880 heirateten beide in San Francisco. Im selben Jahr versöhnte er sich in Liverpool mit seinen Eltern. Diese begegneten der geschiedenen, Zigaretten rauchenden Schwiegertochter unerwartet aufgeschlossen.

Bald nach der Rückkehr verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Die Ärzte stellten den Ausbruch einer Tuberkulose fest. Es folgten Aufenthalte in Davos, in Schottland, in Südfrankreich und schließlich ab 1884 im englischen Seebad Bournemouth. Im Hochlanddorf Braemar zeichnete er 1881 für seinen Stiefsohn Lloyd Osbourne die Karte einer Phantasieinsel – die Anregung zur Schatzinsel. Der Roman erschien zunächst als Fortsetzung unter Pseudonym in der Jugendzeitschrift Young Folks. 1883 kam er als Buch bei Cassell in London heraus und wurde zum Bestseller. In Bournemouth schrieb er 1886 den Seltsamen Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie den Abenteuerroman Kidnapped. In dieser Zeit verband ihn eine enge schriftstellerische Freundschaft mit Henry James.

Nach dem Tod des Vaters 1887 verließ Stevenson Europa endgültig. Die Familie zog mit der verwitweten Mutter zunächst nach Saranac in den Adirondack Mountains, wo es ein Sanatorium für Lungenkranke gab. 1888 brach man von San Francisco aus zu einer Südseereise auf. Sie führte über die Marquesas, Tahiti und Hawaii. 1889 erwarb Stevenson auf Samoa ein Anwesen am Fuß des Mount Vaea, das er „Vailima“ („Wasser aus der Hand“) nannte. 1890 siedelte die Familie endgültig dorthin über. Auf Samoa entstanden unter anderem Catriona, The Beach of Falesá und, gemeinsam mit Lloyd, der Roman The Ebb-Tide. Dazu kam die politische Schrift A Footnote to History (1892), in der er die Verwicklungen der Kolonialmächte auf der Insel kritisierte. Die Einheimischen nannten ihn Tusitala, den Geschichtenerzähler. Er nahm Partei für den samoanischen Häuptling Mataafa, was ihm Warnungen des britischen Foreign Office und Drohungen Deutschlands eintrug.

Am Abend des 3. Dezember 1894 brach Stevenson auf der Veranda von Vailima zusammen und starb 44-jährig an einer Hirnblutung. Er wurde, wie er es sich gewünscht hatte, am Gipfel des Mount Vaea begraben. Die algorithmische Verifikation weist hier eine Unschärfe aus: Wikidata nennt als Sterbeort die Villa Vailima, die Deutsche Biographie das nahe gelegene Apia. Gemeint ist in beiden Fällen Stevensons Anwesen auf der Insel Upolu unweit der samoanischen Hauptstadt.


Literarische Merkmale↑

Stevensons Schreiben war Handwerk im strengen Sinn. „Kunst ist Handwerk“ lautete seine Maxime. Sein Stil ist geprägt vom Ringen um genaue Wortwahl, Klang und Satzrhythmus. Vorbild war ihm darin die zeitgenössische französische Literatur. Cesare Pavese hat später bemerkt, mit Stevenson hätten die stilistischen Forderungen der französischen Naturalisten, „in exotischen Zauber gehüllt“, ihren Einzug in die englische Literatur gehalten.

Auffallend ist die Breite seiner Formen. Er schrieb Abenteuerromane und historische Romane in der Nachfolge Walter Scotts und Alexandre Dumas'. Dazu kamen Schauergeschichten, Kurzgeschichten, Essays, Reiseberichte, Gedichte und Dramen. Der Literaturkritiker Robert Kiely hebt hervor, dass Stevenson in fast jedem literarischen Genre tätig war. Gerade dadurch entzieht er sich der Einordnung neben Zeitgenossen wie Dickens, Trollope oder George Eliot, die Werk an Werk im selben Fach reihten.

Inhaltlich fällt eine Vorliebe für moralisch zwielichtige Figuren auf, deren Verworfenheit zugleich faszinierend bleibt – Long John Silver und Dr. Jekyll sind die bekanntesten Beispiele. An der viktorianischen Sittenstrenge vorbei vertrat Stevenson in seinen Essays eine an Oscar Wilde und George Moore erinnernde Haltung, die dem L'art pour l'art nahestand. Entsprechend hart kritisierte er den herrschenden Realismus. Die Stoffe seines Erzählens reichen vom schottischen 18. Jahrhundert über das viktorianische London bis in die Südsee. Dort sind The Beach of Falesá und The Bottle Imp ganz auf polynesische Verhältnisse zugeschnitten.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Stevenson sehr bekannt. Die Schatzinsel verkaufte sich nach ihrem Erscheinen in Buchform 1883 binnen weniger Jahre 75.000-mal. Schriftsteller wie Henry James, Arthur Conan Doyle, Bertolt Brecht, Jack London und Vladimir Nabokov haben sich nachdrücklich zu ihm bekannt. James nannte die Schatzinsel „herrlich“, weil sie in dem, was sie anstrebe, in wunderbarer Weise gelungen sei. Doyle erinnerte sich an das Vergnügen, Stevensons frühe Geschichten im Cornhill Magazine zu lesen. Den Pavillon in den Dünen hielt er für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt. Brecht lobte 1925 den Junker von Ballantrae als „Erfindung allerersten Ranges“. Nabokov widmete ihm ein Vorwort zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde und stellte ihn in seinen Lectures on Literature neben Austen, Dickens, Flaubert, Joyce, Kafka und Proust.

Mit dem Aufkommen der klassischen Moderne nach dem Ersten Weltkrieg verlor Stevenson im englischsprachigen Raum jedoch seinen Rang. Autoren wie Virginia und Leonard Woolf lehnten sein Werk ab. Er galt fortan als Autor zweiter Klasse, beschränkt auf Kinder- und Horrorliteratur. Der Tiefpunkt war 1973 erreicht, als die zweitausend Seiten starke Oxford Anthology of English Literature ihn überhaupt nicht erwähnte. Die Norton Anthology of English Literature schloss ihn von 1968 bis 2000 aus und nahm ihn erst 2006 wieder auf.

Erst im späten 20. Jahrhundert wurde Stevenson neu gewürdigt – als Erzähler ersten Ranges, als Essayist, Sozialkritiker, Humanist und Zeuge der Geschichte der pazifischen Inseln. Heute wird er in einer Reihe mit Joseph Conrad, den seine Südseegeschichten beeinflussten, und mit Henry James genannt. Seine Abenteuer- und Schauergeschichten sind international weiter erfolgreich und haben zahlreiche Verfilmungen angeregt. Als Kuriosität sei vermerkt, dass Stevenson in den 1880er Jahren eine komplexe Schlachtfeldsimulation für Zinnsoldaten entwickelte. Damit wird er neben H. G. Wells zu den Urhebern des modernen Tabletop-Spiels gerechnet.

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