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Werkseintrag · Die Insel der Stimmen
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Die Insel der Stimmen
1893
– Werkseintrag –

Die Insel der Stimmen

1893 · Erzählung

Ein hawaiianisches Märchen aus Stevensons Südsee-Jahren, in dem ein junger Faulpelz, ein zaubernder Schwiegervater und eine ferne Insel voller flüsternder Stimmen aufeinandertreffen.

Überblick

Die Erzählung Die Insel der Stimmen erschien 1893 in der Sammlung Island Nights' Entertainments. Sie gehört zu den späten Werken Robert Louis Stevensons. Der schottische Schriftsteller verarbeitet darin Eindrücke aus der Südsee, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Daraus formt er ein modernes hawaiianisches Märchen. Die kurze Geschichte verbindet Zauberei, Geistererscheinungen und alltägliche menschliche Schwächen. So entsteht eine eigentümlich schwebende Erzählung zwischen Volkssage, Abenteuer und unheimlicher Phantastik.

Inhalt (ohne Spoiler)

Keola ist ein junger Mann aus vornehmer hawaiianischer Familie. Nach seiner Heirat mit Lehua hat er ein gemächliches Leben. Wenn das Geld knapp wird, sorgt sein Schwiegervater Kalamake auf geheimnisvolle Weise für Nachschub: aus Seemuscheln am Strand entstehen blanke Dollars. Keola scheut die Arbeit und erfreut sich am Müßiggang. Er lässt sich gern in die seltsamen Künste seines Schwiegervaters einweihen und verlangt bald mehr. Seine Frau warnt ihn, sich nicht zu tief auf den Alten einzulassen. Doch Keola schlägt die Mahnung in den Wind.

Eine gemeinsame Fahrt aufs offene Meer führt ihn jedoch in eine Lage, die er nicht mehr beherrscht. Aus dem behaglichen Spiel mit der Zauberei wird bitterer Ernst. Keola gerät in fremde Gewässer, an eine geheimnisvolle Insel. An deren Küste flüstern körperlose Stimmen in vielen Sprachen. Stevenson führt seinen Helden durch Furcht, Flucht und Begegnungen mit Mächten, die ihm weit überlegen sind. Es ist eine Reise, die ihn weit von der heimischen Hütte fortträgt.

Die Handlung im Detail

Ein anonymer Ich-Erzähler berichtet von Keola, einem Hawaiianer aus vornehmem Haus, der nach der Heirat mit Lehua weiter dem Müßiggang frönt. Sein Schwiegervater Kalamake versteht sich auf Zauberei: Wenn die Familienkasse leer ist, verwandelt er Seemuscheln vom Strand in blanke Dollars. Während Lehua zu Besuch in Kaunakakai weilt und der nächste Dampfer mit Lebensmitteln erwartet wird, darf Keola dem Schwiegervater bei diesem Geldzauber assistieren. Es ruckt und zuckt zwar leicht, doch der Trick gelingt nach Keolas Eindruck erstaunlich gut.

Der Faulenzer fordert mehr. Eine Ziehharmonika soll als Nächstes herbeigezaubert werden. Lehua warnt ihren Mann, sich nicht zu sehr mit dem Vater einzulassen, doch er hört nicht auf sie. Keola hofft, der Schwiegervater werde das Instrument auf der nächsten Fischfahrt besorgen. Das Boot zieht in Richtung Maui über das „Meer der Toten". Kalamake belehrt seinen Schwiegersohn, wer hier über Bord gehe, den treibe die Strömung nördlich aufs Weltmeer hinaus, seine Gebeine kämen zu den anderen Toten, und seinen Geist verschlängen die Götter. Da geschieht das Unheimliche: Der Körper des Schwiegervaters schwillt riesig an. Als gewaltiger Hexenmeister zertrümmert Kalamake das Boot und watet durch das tiefe Meer davon.

Keola hat Glück. Der Maat eines Schoners, der nach Honolulu fährt, nimmt ihn an Bord. Doch der Dienst auf Deck behagt ihm nicht. In Ufernähe springt er ins Wasser und erreicht schwimmend die Insel der Stimmen. Die Bewohner empfangen ihn freundlich, sorgen für ihn, und arbeiten muss er nicht. Sogar eine Frau wird ihm zugeteilt. Die junge Frau klärt den Neuling auf: Die Stammesbrüder sind Kannibalen, und er selbst soll geschlachtet und verzehrt werden. Entsetzt flieht Keola vor ihr.

Am Strand hört er überall körperlose Stimmen, die in fremden Sprachen flüstern – französisch, holländisch, russisch, chinesisch und Tamil. Die Insel liegt etwa drei Segelstunden südlich von Molokai im sogenannten Niederen oder Gefährlichen Archipel; ihren Namen verdankt sie diesen unsichtbaren Wesen, die offenbar Teufel oder Gespenster sind und sich an der Küste unterhalten. Wer mit dem Speer nach ihnen wirft, hat nicht mehr lange zu leben. Keola will plötzlich sterben, doch so schnell stirbt sich nicht.

Am nächsten Morgen schließt er sich dem Zug der Stimmen an, die alle in dieselbe Richtung wandern. Mitten in dieser unheimlichen Jagd steht plötzlich Lehua – unsichtbar – an seiner Seite. Es zeigt sich, dass auch sie zu zaubern versteht. Mit denselben Mitteln, mit denen Kalamake die Dollars geschaffen hatte, versetzt sich das junge Paar zurück nach Molokai. Wieder gibt es einen erträglichen Ruck, und Keola sitzt mit Lehua in den eigenen vier Wänden.

Später vertraut Keola sich einem Missionar an. Der verurteilt zunächst die Falschmünzerei. Keola spendet im Gegenzug großzügig Dollars für die missionarische Arbeit. Die Stiftung wirkt doppelt: Der Missionar gibt Ruhe, und der aufgeschwollene Schwiegervater wird nicht mehr gesehen.

Stil

Stevenson erzählt knapp, geradlinig und mit der Schlichtheit eines Märchens. Ein namenloser Ich-Erzähler tritt nur einleitend hervor. Er überlässt das Geschehen einer ruhig fortschreitenden Bericht-Form. Diese leuchtet das Wunderbare nicht psychologisch aus, sondern führt es als selbstverständliches Element der Welt mit. Zauber, Geister und Götter stehen neben Dampfern, Schonern und Dollars. Das Mythische und das Alltägliche werden unbefangen ineinandergefügt.

Die Sprache bleibt klar und anschaulich, mit Sinn für die sinnliche Wirkung einzelner Bilder: die aus Muscheln entstehenden Münzen, der ungeheuer anschwellende Körper des Hexenmeisters, die im Wind flüsternden Stimmen in vielen fremden Sprachen. Die Trägheit Keolas und das pragmatische Arrangement am Ende werden mit ironischem Unterton geschildert. Das gibt der Erzählung neben dem Unheimlichen einen leichten, beinahe schalkhaften Zug.

Rezeption

Die Erzählung ist im deutschsprachigen Raum vor allem über die phantastische Literatur ins Blickfeld gerückt. Kurzbesprechungen finden sich auf Plattformen wie sf-radio.net, fantasyguide.de und vigilie.de. Diese nehmen das Werk im Umfeld von Stevensons übriger Südsee-Prosa wahr. Als Bestandteil der Sammlung Island Nights' Entertainments gehört Die Insel der Stimmen zu jenen späten Texten Stevensons, in denen sein Interesse an der pazifischen Welt und ihren Erzähltraditionen besonders sichtbar wird. So wird die Erzählung bis heute als kleine, eigenwillige Märchenerzählung neben den bekannteren Werken des Autors gelesen.

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