1886
Entführt
Überblick↑
Der historische Abenteuerroman Entführt oder Die Abenteuer des David Balfour stammt vom schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson. Im Originaltitel heißt das Werk Kidnapped. Stevenson schrieb es im Seebad Bournemouth. Im Frühjahr 1886 erschien es zunächst in der Jugendzeitschrift Young Folks. Im selben Jahr brachte der Verlag Cassell in London und Scribners Söhne in New York das Buch heraus. Die deutsche Erstausgabe folgte 1890 in Stuttgart unter dem Titel David Balfour oder die Seelenverkäufer. Das Werk verbindet eine spannende Flucht- und Reisegeschichte mit dem geschichtlichen Hintergrund der Konflikte im schottischen Hochland nach 1746.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schottland im Sommer 1751 bildet den Schauplatz. Der junge David Balfour macht sich nach dem Tod seines Vaters auf den Weg zum Gut Shaws bei Cramond, wo sein Onkel Ebenezer lebt. Doch der Empfang ist alles andere als herzlich. Statt David sein Erbe zu gönnen, sinnt der niederträchtige Onkel auf üble Mittel, um den Neffen loszuwerden. So gerät David schon bald in Gefangenschaft an Bord der Brigg Covenant und auf hohe See.
Auf dem Schiff lernt er den jakobitischen Soldaten Alan Breck Stewart kennen, einen Mann des schottischen Hochlands, der nach der Niederlage von Culloden in französische Dienste getreten ist. Aus dieser Begegnung wird eine Freundschaft zweier sehr ungleicher Charaktere. Gemeinsam geraten sie in gefährliche Lagen und müssen sich quer durch das raue Hochland durchschlagen, immer auf der Hut vor Soldaten und Verfolgern. Es ist die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht und zugleich die eines jungen Mannes, der um sein gutes Recht kämpft.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman spielt ab Anfang Juli 1751. Wie David ganz am Schluss erfährt, hatten sein Vater Alexander und dessen Bruder Ebenezer einst dieselbe Frau geliebt. Ebenezer zog dabei den Kürzeren und erhielt als Trostpflaster das Gut Shaws in Cramond. Davids Vater hingegen zog sich ein Leben lang in den Wald von Ettrick zurück und lebte dort als Dorfschullehrer.
Onkel Ebenezer will den Neffen um sein Erbe bringen und versucht zunächst einen Mord. Während eines nächtlichen Gewitters schickt er David im Dunkeln über eine geländerlose Treppe auf den Hausturm des Guts. David überlebt den heimtückischen Anschlag. Daraufhin lässt der Onkel den jungen Mann entführen und auf die Brigg Covenant verschleppen. Mit seiner Gefangenschaft kann sich David nicht abfinden. Er will sich brieflich an Pfarrer Campbell und an Herrn Rankeillor, den Anwalt der Familie, wenden – auf hoher See ein aussichtsloser Rettungsversuch.
Unterwegs rammt die Brigg ein offenes Boot. Aus der See wird der Jakobit Alan Breck Stewart gefischt. Alan trägt Goldstücke bei sich: Pachtgelder, die er seinem im französischen Exil darbenden Clan-Häuptling Charles Stewart of Ardshiel überbringen will. Nach der Niederlage von Culloden 1746 ist Alan fahnenflüchtig geworden und in den Dienst des Königs von Frankreich getreten. Als die räuberische Mannschaft der Brigg von dem Gold erfährt, will sie Alan ans Leben. David wird in den Streit hineingezogen und schlägt sich auf Alans Seite. Beide gehen aus dem Ansturm der Übermacht als Sieger hervor. Dabei ersticht Alan den Steuermann. Nun fehlt an Bord der Navigator. Beim nächsten Sturm zerschellt die Brigg an den Klippen. In dem Inselgewirr verliert David seinen Kampfgefährten aus den Augen.
Im Birkenwald von Lettermore, ein gutes Stück von Ballachulish entfernt, begegnet David einem Zug berittener englischer Soldaten. Als er nach dem Weg nach Aucharn fragt, hält der Zug an. Angeführt wird er von Colin Roy Campbell of Glenure, dem sogenannten Roten Fuchs. Aus dessen Gegenfrage geht hervor, dass er jemanden aus Aucharn kennt: James Stewart, den Bruder des Charles Stewart of Ardshiel. David lässt sich nicht beirren und gibt sich als ehrlichen Untertan des Königs Georg aus. Am Ende des Gesprächs wird der Rote Fuchs aus dem Hinterhalt erschossen. David gerät unter Verdacht der Mittäterschaft, denn er hat den Zug schließlich aufgehalten. Da erscheint Alan mit einer Angelrute. Den Freunden gelingt die Flucht.
David glaubt, Alan halte sich nicht zufällig am Tatort auf, und will allein weitermarschieren. Alan bestreitet jede Beteiligung. Dennoch wurde ein Campbell umgebracht, ein Todfeind des Deserteurs. Die Freunde bleiben zusammen und suchen Alans Verwandten James Stewart of the Glen auf. Dieser ist der Steuereintreiber Ardshiels und damit der ärgste Widersacher des getöteten Roten Fuchses, des königlichen Verwalters des Appin-Landes. James nimmt an, dass der Verdacht bereits auf ihn gefallen ist, da der Mord in seinem Gebiet geschah. Er fürchtet um Frau und Kind und fordert, Alan müsse als Verdächtiger Schottland verlassen. Um sich und die Seinen zu schützen, will James den Deserteur zum Schein steckbrieflich suchen lassen.
Die Nachrichten, die Alan und David auf ihrer Flucht durch die Schlucht von Corrynakiegh hinauf zum Ben Alder erreichen, sind wenig ermutigend. James wurde im Fort William festgehalten, und die beiden Flüchtlinge werden von den Engländern steckbrieflich gesucht. Zum Glück ist Davids Name unbekannt. Auf dem Weg nach Queensferry erleben sie zwei besondere Stationen: den Aufenthalt bei Cluny Macpherson, dem Haupt des Clans Vourich, und eine durch Davids Krankheit erzwungene längere Rast bei Robin Oig Macgregor, einem Sohn Rob Roys, im Gebiet Balquhidder.
Die bewachte Brücke über den Forth wagen die beiden gesuchten Männer nicht zu benutzen. Eine Gastwirtstochter aus Limekilns hilft ihnen uneigennützig weiter. Am Ende verhelfen der Anwalt Rankeillor und Alan dem jungen David zu seinem rechtmäßigen Erbe. Der niederträchtige Onkel Ebenezer wird hereingelegt und muss klein beigeben. Im Gegenzug steht David seinem Freund Alan bei.
Stil↑
Erzählt wird die Geschichte als Rückblick aus der Sicht Davids, der seine eigenen Erlebnisse wie Memoiren festhält. Am Romanschluss tritt ein angeblicher Herausgeber dieser Aufzeichnungen auf und stellt eine Fortsetzung in Aussicht. Deren Erscheinen knüpft er augenzwinkernd an eine Bedingung: Das Buch Entführt müsse dem Publikum gefallen. Nur dann werde der Leser erfahren, wie es mit David, Alan und der Mordsache um den Roten Fuchs weitergeht. Die Fortsetzung erschien später unter dem Titel Catriona.
Auffällig ist, wie zurückhaltend Stevenson den Mord am Roten Fuchs behandelt. David beschreibt den Todesschützen zum Tatzeitpunkt nur knapp: „Er war ein starker Mann, schwarz gekleidet, trug Metallknöpfe am Rock und führte eine lange Vogelflinte bei sich … mit affenartigem Geschick kletterte er weiter …“ Bis zum Romanende wird über diesen Mann kein weiteres Wort verloren. Der Erzähler streut so Andeutungen aus, lässt die Tat aber bewusst im Dunkeln. Den Indizien nach könnte Alan dem Schützen ähneln, denn auch er trägt bei seinem ersten Auftritt einen „Rock mit Silberknöpfen“ und ist „nicht groß“. Doch die Aufklärung bleibt offen und bildet einen Spannungsbogen, der erst in der Fortsetzung weitergeführt wird.
Rezeption↑
Schon früh stellten englischsprachige Rezensenten das Werk in eine Reihe mit älteren Vorbildern. Genannt wurden Smolletts The Adventures of Roderick Random sowie Defoes Robinson Crusoe; teilweise wurden sogar Plagiatsvorwürfe erhoben. Besondere Aufmerksamkeit fand das gegensätzliche Paar Alan und David. Auf der einen Seite steht der amoralisch-vitale Hochlandbewohner Alan, der sich nicht scheut, das Geld des Freundes zu verspielen. Auf der anderen Seite steht der prinzipienstrenge David, der diesen Fauxpas nur mit Mühe verzeiht.
Die Forschung hob den geschichtlichen Hintergrund hervor. Über die Figur des Alan Breck Stuart bringt der schottische Patriot Stevenson zwei historische Spannungen zur Sprache: die englandfreundliche Haltung der Campbells mit dem Herzog von Argyll an der Spitze und den Kampf der Jakobiten gegen die Whigs. Alan gilt als weitgehend historische Figur. Vor der Niederschrift soll Stevenson Schriften über den Mordprozess gegen James Stewart studiert haben.
Auch im deutschen Sprachraum wirkte der Stoff nach. Eine freie Nachdichtung veröffentlichte Herbert Kranz 1934 unter dem Titel Verschleppt. Er verlegte den Ausgangspunkt der Handlung nach Deutschland; aus David Balfour wurde der junge Adlige Peter Bracke von Brackenhusen. Noch 2014 griff der deutsch-irakische Autor Sherko Fatah in seinem Roman Der letzte Ort die Anfangspassage von Kidnapped auf. In einem Zeitungsinterview erklärte er, die Lektüre des Romans habe ihn bei seiner eigenen Arbeit angeregt. Der Stoff wurde überdies vielfach für Kino und Fernsehen verfilmt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →